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DFB-Nationalelf Es mangelt an wahrer Weltklasse: Bitte keine Selbsttäuschung wie unter Löw

Ansprüche zurückschrauben: Leon Goretzka und Joshua Kimmich (r.)
Ansprüche zurückschrauben: Leon Goretzka und Joshua Kimmich (r.)
© Alexander Hassenstein / Getty Images
Wieder kein Sieg gegen einen großen Gegner: Das Remis gegen England war zwar vielversprechend, aber die deutsche Elf gehört noch längst nicht wieder zur Weltspitze. Das liegt auch daran, dass es der neuen Generation möglicherweise an Qualität mangelt.

Hansi Flick wirkte nach dem Nations-League-Spiel gegen England in der Münchner Allianz Arena deutlich entspannter als noch am Samstagabend. Da hatte seine Mannschaft gegen Italien ein schwaches Spiel gezeigt, und mit Blick auf die WM in Katar am Ende des Jahres schrillten bei einigen Kritikern die Alarmglocken.

Diesmal gegen England lief vieles besser. "Wir haben ein tolles Spiel gezeigt und haben uns leider nicht belohnt. Vielleicht hätten wir noch eins nachlegen können. Man muss einfach sehen, dass wir gegen England gespielt haben, eine Top-Mannschaft. Die Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben, ist genau das, was wir wollen. Mutig zu sein, den Gegner unter Druck setzen, das ist genau das, was wir wollen."

Spiel gegen England: bleibt ein fader Beigeschmack

Recht hatte der Bundestrainer. Die Mannschaft wirkte mit sieben neuen Spielern in der Startaufstellung frischer, konzentrierter und zielstrebiger. Joshua Kimmich hielt das Spiel zusammen, lkay Gündogan und der hochtalentierte Jamal Musiala trieben es voran und Antonio Rüdiger war ein solider Abwehrchef. Von Manuel Neuer im Tor, der den Ausgleich der Engländer mit großartigen Paraden in der Schlussphase lange verhinderte, ganz zu schweigen. Gegen den Elfmeter von Harry Kane in der 88. Minute, der zum Ausgleich führte, hatte er keine Chance.

Dennoch bleibt von dem Duell gegen England und den anderen Spielen unter Flick ein fader Beigeschmack. Auf einen Sieg gegen eine große Fußball-Nation wartet man weiter vergeblich. Auch unter Flick hat es die deutsche Elf bislang nicht geschafft, restlos zu überzeugen. Siegen gegen Armenien, Island oder Rumänien folgten je ein 1:1 gegen die Niederlande, Italien und England. Die Problemzonen bleiben die Chancenverwertung und die Position des Mittelstürmers, die Außenbahnen und die defensive Stabilität. Sowohl gegen Holland wie gegen die Three Lions ging die Mannschaft in Führung, brachte den Vorsprung aber durch naives Abwehrverhalten nicht über die Zeit.

Möglicherweise führt das zum Kern des Problems: Dass die Mannschaft nicht so gut und talentiert ist, wie sie immer dargestellt wird. Schon nach Löws versuchten Umbruch nach der desolaten WM in Russland 2018 war das eine heiß diskutierte Frage. Wo sind die Mesut Özils, Toni Kroos', Jerome Botangs, Mats Hummels oder Philipp Lahms der aktuellen Generation. Fehlt es an der letzten Qualität, die solche Spieler in der Hochphase ihres Schaffens auf den Rasen brachten? Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" vermisste in einem Kommentar zum Italien-Siel zumindest den alten Glanz.

Ansprüche nicht zu hoch schrauben

Beispiel Nico Schlotterbeck. Der Neu-Dortmunder ist hochveranlagt und ehrgeizig. Seine Pässe zur Spieleröffnung sind eine Waffe, aber im Zweikampf gegen Harry Kane im Spiel gegen England offenbarte er eine gewisse Naivität. Kane kreuzte geschickt und Schlotterbeck lief ihm in die Hacken. Auch wenn von deutscher Seite im Nachhinein die üblichen Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Strafstoßes geschürt wurden, war es am Ende ein naives Abwehrverhalten. Dass die deutsche Elf bis dahin noch kein Gegentor kassierte hatte, lag einzig und allein an den Paraden von Neuer. 

Flick betonte die enorme Qualität der Engländer im Angriff und lag damit ja richtig. Aber das ist eben die Qualität, gegen die man bestehen muss. Ein Fehler wie der von Schlotterbeck kann bei der WM das Aus bedeuten, egal wie viele Zweikämpfe er vorher gewonnen oder präzise Vertikalpässe er gespielt hat. 

Das kleine Beispiel Schlotterbeck zeigt nur: Nur echten Weltspitze sind noch gewaltige Schritte zu gehen. Von der mangelnden Chancenverwertung, auch so ein altes Problem, ganz zu Schweigen. Hätten Musiala oder Müller ihre Torchancen verwandelt, wäre der Fehler von Schlotterbeck nicht ins Gewicht gefallen. Noch so ein "hätte", das zeigt, dass einiges fehlt.

Flick hat ja recht, dass die aktuelle Generation Qualität hat. Joshua Kimmich steht stellvertretend für Weltklasse, die im Team vorhanden ist. Ob die neue Generation jedoch bei der WM Katar so weit ist, um höchste Ansprüche zu erfüllen, damit sollte man vorsichtig sein. Flick und das DFB-Umfeld sollten nicht die Fehler von Löw 2018 und 2021 wiederholen, das Team stärker zu reden, als es ist.


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