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Spiele des Lebens: An jedem verdammten Sonntag werden Fußballer zu Helden der Kreisliga. Das ist übel. Und wunderschön!

Die Amateurfußballer der Kreisligen geben an jedem Spieltag Vollgas. Der Fotograf Christian Werner hat ihnen mit hinreißenden Bildern ein Denkmal gesetzt. Eine Hommage.

Von Thomas Schumann

Kreisliga in Bildern: Amateurfußballer geben jedes Wochenende alles

Der Ball rollt, am Spielfeldrand läuft’s. FC Rettenberg II – SG Seifriedsberg/SW Sonthofen II, B-Klasse, Allgäu 7. Rechts: Im Vereinsheim des Sprötauer SV dauert ein Spiel länger als 90 Minuten. Kreis Erfurt-Sömmerda, 1. Kreisliga, Staffel II.

Was das Übelste ist an diesen verdammten Sonntagen?

Sieben Uhr morgens raus für ein Auswärtsspiel in der Pampa, und der Schädel dröhnt noch, fünf Ouzo beim Griechen letzte Nacht, von den acht Pils ganz zu schweigen. Übel!

Der Schiri ein Blindfisch, Aktionsradius Bierdeckel, Schnappatmung wie ein Mops, aber arrogant bis zur Halskrause. Übel!

Der Acker ein Meer aus Pfützen, Maulwurfshügel an der Eckfahne, Regen wie aus Eiskübeln und 30 pöbelnde Rentner am Spielfeldrand. Übel!

Der schnelle Mittelstürmer, der dir davonläuft, wie er will, hat bestimmt mal Oberliga gespielt und immer den Ellenbogen draußen, die Sau. Übel!

Die Ultras der Basis: Anhänger des SV Lichtenberg 47 feiern den Aufstieg. Berlin, Kreisliga A, Staffel 2.

Die Ultras der Basis: Anhänger des SV Lichtenberg 47 feiern den Aufstieg. Berlin, Kreisliga A, Staffel 2.

Die versifften Duschen nach dem Match, 50 Jahre Schimmel auf den Fliesen, der Abfluss verstopft, du stehst bis zu den Knien im Dreckwasser, und jetzt, ordentlich eingeseift, fällt dir ein, dass du das Handtuch nicht eingepackt hast, weil: fünf Ouzo beim Griechen. Übel!

"An jedem verdammten Sonntag"

Hunderttausende Männer kriechen an jedem verdammten Sonntag aus den Federn, um sich all dem Üblen auszusetzen – und sie tun das mit dem größten Vergnügen und mit einer Leidenschaft, die manch einer nicht für seine Familie aufzubringen vermag. "An jedem verdammten Sonntag" heißt folgerichtig der hinreißende Bildband des Fotografen Christian Werner, eine Hommage an die Helden der Kreisligen, der niedrigsten Spielklassen des Amateurfußballs, von den Lewandowskis und den Götzes und Reus der Bundesliga so weit entfernt wie "Holger’s Imbiss" am Vereinsheim von der "Schwarzwaldstube" in Baiersbronn. Eine Hommage aber auch an die ebenfalls Hunderttausenden Männer und Frauen, die sich das Gebolze vom Spielfeldrand antun, die Biere zapfen und Cola ausschenken, die Würste grillen und Seiten­linien nachziehen, Spielberechtigungen kontrollieren – und Versehrte ins Krankenhaus fahren.

Sportlernahrung: Der SV Stern Britz 1889 feiert den 90. Geburtstag eines Gründungsmitglieds. Berlin, Kreisliga B.

Sportlernahrung: Der SV Stern Britz 1889 feiert den 90. Geburtstag eines Gründungsmitglieds. Berlin, Kreisliga B.

Natürlich sind es nicht nur verdammte Sonntage, an denen Christian Werners Bilder entstanden. Es sind verdammte Freitagabende: Der Job steckt dir noch in den Knochen, schnell auf die Autobahn, ein Käsebrot auf die Faust, los zum Spiel unter funzeligem Flutlicht, aber das betrifft dich dann gar nicht, weil dein Trainer, dieser inkompetente Wicht, dich erst mal draußen lässt: "Kriegst nachher zehn Minuten, wenn eh alles entschieden ist."

Es sind verdammte Samstagnachmittage, die existenzielle Fragen aufwerfen: zu Mutti ins Heim mit Blumen und Butterkuchen oder mit den Jungs gegen Blau-Weiß Wacker? Vielleicht fährt ja die Schwester zur Mutti, hat sie einen gut beim nächsten Mal. Vorausgesetzt, beim nächsten Mal ist kein Spieltag.

Überhaupt, Samstagnachmittage. Während du dir auf dem Feld den Allerwertesten aufreißt, spektakulär an der Seiten­linie grätschst, den Konter der Gegner heroisch unterbindest, guckt wieder kein Mensch hin. Nicht mal dein Trainer und die Jungs auf der Ersatzbank. Die haben den Knopf im Ohr und das Handy vor Augen: Bundesliga läuft, Schalke führt in Dortmund, ist ja ein Ding!

Die Kreisliga ist vor allem eine Männerwelt

Die Welt an jedem verdammten Sonntag ist, und das verniedlichen die Bilder nicht, keine heile Welt. Es ist vor allem eine Männerwelt. Kann noch ein paar Jahre dauern, bis die wachsende Popularität des Frauenfußballs einen Bildband wie diesen auch mit Kreisligaspielerinnen möglich machen wird. Es ist weiterhin eine Männerwelt – im Schlechten wie im Guten.

Machohaft. In der Kabine: "Ey, was hältst du von Frauenfußball?" – "Finde ich beides gut!“ Höhöhö!

Homophob. „Besser nicht bücken nach der Seife unter der Dusche“ – ein Höhöhö! ist bis heute lebendig in den Kabinen am Ammersee und in Rostock, in Saarlouis und Görlitz.

Null Toleranz! Beim SG "Aue" Großbrembach werden Regelverstöße klar sanktioniert. Kreis Erfurt-Sömmerda, 2. Kreisklasse, Staffel 2.

Null Toleranz! Beim SG "Aue" Großbrembach werden Regelverstöße klar sanktioniert. Kreis Erfurt-Sömmerda, 2. Kreisklasse, Staffel 2.

Gewalttätig, ja auch. Die große Zahl der Spielabbrüche, der Attacken auf Schiedsrichter, der Schlägereien abseits des Spielfelds, all das besorgt den Deutschen Fußball-Bund, beschäftigt die Polizei an jedem verdammten Sonntag. Ethnische Konflikte entladen sich, die Zündschnur ist allerorten kürzer geworden. Es entlädt sich oft auch der Frust über die eigene Unzulänglichkeit. Statt nach dem dritten verlorenen Zweikampf an die eigene Nase zu fassen, landet die Faust schon mal auf der des anderen. Zwölf Spiele Sperre, übel!

Aber in dieser Männerwelt legt auch jeder klaglos einen Zehner in den Topf, weil Matthias, der Linksaußen, seinen Job verloren hat und den Vereinsbeitrag nicht bezahlen kann. Bringt der Maurer im Team dir für ’ne Kiste Bier schnell den Carport in Ordnung und der Steuerberater im Team die Jahresabrechnung. Freundschaften beginnen in der F-Jugend und halten länger als die meisten Ehen, jedenfalls solange Jobwechsel und Zeitläufte und inkompetente Trainerwichte (oder ein kleiner Sponsor, der dir einen Hunni dafür zahlt) dich nicht von Germania im Norden des Landes zur Teutonia im Osten treiben.

Und in dieser Männerwelt und an jedem verdammten Sonntag quälen sich nicht nur Fabian und Leander und Patrick und Torsten und Wolfgang und Erich aus den Federn, sondern auch Miroslav und Mehmet und Suat und Ahmet. Und Branko aus dem Kosovo und Jimmy aus Ghana. Ohne die ein Spielbetrieb gar nicht mehr aufrechtzuerhalten wäre auf so vielen Plätzen. Die mit den biodeutschen Abwehrrecken nach dem mühsam erkämpften 2:1 bei der Ersten von TUS Niedereimer ausschwitzen und Bier trinken und Schinkenbratwurst essen, oder die gerade nicht, und die von ihren Sorgen erzählen und ihrem letzten Urlaub oder auch bloß von dem vergurkten Freistoß in der Zweiundsechzigsten. Somit wird in dieser Männerwelt wie selbstverständlich mehr an Integrationsleistung erbracht, als es ein Bataillon von Integrationsbeauftragten je hinbekommen würde.

Wasserball: Wenn die Ilm über die Ufer tritt, ist der Boden beim SSV Blau-Gelb Mellingen/Taubach gelegentlich tief. Mittelthüringen Nord, 1. Kreisklasse.

Wasserball: Wenn die Ilm über die Ufer tritt, ist der Boden beim SSV Blau-Gelb Mellingen/Taubach gelegentlich tief. Mittelthüringen Nord, 1. Kreisklasse.

Jeder ist danach mal dran mit dem Trikotwaschen, und so riecht es zwar nicht an jedem verdammten Sonntag übel im Wäschekeller von Branko/Mehmet/ Fabian, aber mindestens an einem verdammten Sonntag pro Saison.

Super-Senioren

Mit im Wäschekorb müffelt dann vor sich hin das neue XXL-Trikot von Heinzi, der früher so schlank war. Aber Heinzi trifft die Bude wie eh und je, man muss ihn nur richtig anspielen. Auch das macht den Fußball tief an der Basis so unvergleichlich, so demokratisch. So anders, als sagen wir: Basketball. Du kannst klein gewachsen sein und groß, schlank sein wie ein Reh oder stämmig wie ein Ochse – für die Kreisligen reicht es in der Regel, dass du die Fußballschuhe schnüren kannst, einigermaßen den Ball treffen und 90 Minuten laufen. Ein Leben lang. Von den Herren über die Alten Herren bis hin zu Altersklassen, die – wie in Hamburg – putzig Super-Senioren heißen.

"An jedem verdammten Sonntag", Edel Books, 192 Seiten, 19,95 Euro

"An jedem verdammten Sonntag", Edel Books, 192 Seiten, 19,95 Euro

Heinzi hat halt zugelegt, ja und? Du siehst es ja sowieso. Nach den Sommerferien, wenn die neue Saison beginnt, beim ersten Training: Wer drei Urlaubswochen all-inclusive wörtlich genommen hat, all-inclusive morgens, mittags, abends am Büfett. Du siehst auch, wer den Ehering nicht nur zum Vorbereitungsspiel abgestreift hat, sondern für immer, dafür aber ein neues Tattoo mitbringt unter die Dusche: Sabrina forever. Mal gucken, ob Sabrina auftaucht beim nächsten Spiel.

Jeder verdammte Sonntag, forever. Wenn das Spitzenspiel gegen die Zweite vom MSV ausgerechnet auf deinen Hochzeitstag fällt? Übel!

Wenn der verdammte Sonntag ein verdammter verkaufsoffener ist und du im Baumarkt rackern musst statt in der ersten Elf? Übel!

Und wenn der Orthopäde oder der Kardiologe oder, Gott bewahre, die Gattin befindet, und nochmals Gott bewahre – bevor es der schwarze Schnitter tut: Es ist vorbei?

Ganz übel!

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