VG-Wort Pixel

P. Köster: Kabinenpredigt Öder Titelkampf in der Bundesliga? Jetzt muss die Politik ran

Meisterfeier Bayern München
Wer war gleich noch Deutscher Meister? Ach, ja. Bayern München, wie immer. 
© Sven Hoppe / Picture Alliance
Die Dominanz des FC Bayern raubt der Bundesliga ihr wichtigstes Gut: die Spannung. Wenn der Fußball selbst nicht schafft, das zu ändern, muss die Politik ran. Sagt stern-Stimme Philipp Köster. 

Es waren die vielleicht deprimierendsten sieben Minuten dieser Bundesliga-Saison – jene Minuten, in denen der FC Bayern in der ersten Halbzeit mit vier Toren hintereinander seinen Verfolger Bayer Leverkusen demütigte. Der 1:5-Auswärtssieg machte die Münchner wieder zum Tabellenführer. Und es bedarf wenig Fantasie, um dem FC Bayern abermals den Meistertitel vorherzusagen, zum zehnten Mal in Serie.

Nun ist in den letzten Jahren schon viel darüber debattiert worden, wie die Dominanz des Rekordmeisters endlich gebrochen werden kann und wieder Spannung in den Titelkampf zu bringen ist. Mal gab Altfunktionär Uli Hoeneß der Konkurrenz den hilfreichen Tipp, sich einfach mehr anzustrengen, mal wurde ergebnislos über eine geschlossene Liga nach Vorbild der großen US-Ligen nachgedacht, in der sich die attraktivsten Klubs ohne Abstieg und Aufstieg versammeln würden.

Geändert hat derlei Gerede nichts. Und inzwischen hat sich auch bei den größeren Klubs und im Dachverband DFL die alarmierende Einschätzung durchgesetzt, dass eine Liga, in der der Meister stets schon vor der Saison feststeht, schlecht zu vermarkten ist. Ein absolutes Kernelement des Sports ist Spannung, und jeder Kantersieg des FC Bayern ist ihr ebenso abträglich wie die Resignation, mit der die Konkurrenz der bayrischen Überlegenheit begegnet. Ob Dortmund, Leipzig oder Leverkusen – das Saisonziel ist überall die Qualifikation zur Champions League. Vom Meistertitel spricht niemand mehr, außer in München, wo die Meisterschale jedes Jahr gelangweilter entgegengenommen wird. 

Der Fußball braucht eine europäische Gehaltsrevolution!

Es braucht also einen Gamechanger, um die Ödnis zu beseitigen. Eine echte Revolution, wenn man so will.

Vielen Funktionären erscheint die Aufweichung oder besser noch Abschaffung der 50+1-Regel als Königsweg aus der Misere. Sie blicken neidisch hinüber zur englischen Premier League, die in den letzten Jahrzehnten zum Tummelplatz steinreicher Investoren geworden ist und wo Vereine über Nacht von Abstiegskandidaten zu Spitzenklubs werden, wie es nun mit Newcastle United geschieht, das von einem saudischen Staatsfonds übernommen wurde. Solche Finanzspritzen könnten doch auch hierzulande die Klubs vitalisieren, glauben die Planer.

Allein, die Hoffnung trügt. Das wirtschaftliche Erfolgsmodell der Premier League ist nicht kopierbar. Weil es weniger auf der Finanzkraft von Investoren beruht, sondern auf der seit der Gründung 1992 konsequent und gnadenlos durchgezogenen Kommerzialisierung. Und außerdem auf der globalen Attraktivität der Liga, die auf der britischen Fußballhistorie, aber auch der Vergangenheit als Kolonialmacht fußt, und den daraus resultierenden internationalen TV-Verträge und Werbedeals. Um es launig mit dem erfahrenen Bundesliga-Manager Heribert Bruchhagen zu sagen: „Wir hätten halt damals nicht die Kolonien im Austausch für Helgoland weggeben dürfen.“ Die Unterschiede sind beträchtlich. Schalke, Köln und Hamburg mögen international bekannte Marken sein - von der Strahlkraft von Chelsea, Arsenal und Tottenham sind sie Lichtjahre entfernt.

Nein, die Revolution ist keine deutsche, sondern eine europäische. Es braucht eine radikale Reform der Finanzströme in den Ligen des Kontinents. Soll heißen: Es muss klare Gehaltsobergrenzen geben, europaweit, ohne Schlupflöcher, streng kontrolliert. Die Fernsehgelder der Champions League müssen neu und gerechter verteilt werden. Die bisweilen horrend anmutenden Beraterhonorare müssen gedeckelt werden. Und die Klubs dürfen nur das auf dem Transfermarkt ausgeben, was sie selbst erwirtschaftet haben.

Fans stützen das System – die Politik könnte es retten

All das liegt schon seit langem auf dem Tisch. Dass ihre Umsetzung gescheitert ist, liegt am manifesten Unwillen der großen Klubs, die trotz pausenloser öffentlicher Bekundung des Gemeinwohls an einer Änderung des Status Quo keinerlei Interesse haben. Es liegt mindestens genauso sehr auch an der mangelnden Einigkeit der europäischen Verbände, eine Regulierung tatkräftig anzugehen. Und natürlich sind auch wir, die Anhänger, schuld. Weil wir am Ende doch ins Stadion gehen und auch den Fernseher anschalten, wenn die Champions-League-Hymne ertönt. All das macht das Fußballgeschäft nach wie vor so profitabel.

Wer kann den Fußball also retten? Überraschende Antwort: die Politik. Es braucht eine EU-Initiative, die den Exzessen des internationalen Spitzenfußballs Einhalt gebietet, ihm ein stabiles, wirtschaftliches und administratives Geländer gibt. Die europäische Union hat schon so viele Wirtschaftszweige reguliert und befriedet. Es besteht überhaupt kein Grund, warum sie das nicht auch beim Fußballgeschäft hinkriegen sollte. Und wenn sich die Politik in Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland auf gesetzliche Regelungen einigen kann, dann könnte etwas gelingen, was jüngere Fans nur noch aus Anekdoten kennen: Ein spannender Titelkampf in der Bundesliga bis zum letzten Spieltag. Und ganz eventuell sogar ein Meister, der nicht Bayern München heißt.

wue

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker