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P. Köster: Kabinenpredigt: Jeder darf mal Unfug reden - auch Stefan Kretzschmar

Im Fußball wimmelt es vor Kickern, die um jede kontroverse Aussage einen großen Bogen machen. Trotzdem liegt Stefan Kretzschmar mit seiner Kritik an vermeintlich eingeschränkter Meinungsfreiheit in Deutschland daneben.

Ex-Handballer Stefan Kretzschmar sitzt auf einer Bühne und spricht in ein Mikro in seiner rechten Hand

Stefan Kretzschmar ist ein meinungsfreudiger Mensch. Wer ihm als Sportler und später als Kommentator und Experte begegnete, hatte selten den Eindruck, Kretzschmar lasse sich daran hindern, seine Meinung zu sagen. Sein Image als kantiger, unbequemer Typ hat ihn zu einem der populärsten Ex-Sportler unserer Zeit werden lassen.

Und doch muss es eine Art unsichtbare, mysteriöse Macht geben, die kritische Geister wie ihn, seien es Sportler oder Künstler, daran hindert, ihre Meinung offen zu sagen. "Welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch?" hat Kretzschmar geklagt. "Es sei denn, es ist die Mainstream-Meinung, mit der man nichts falsch machen kann." Und zu diesem Mainstream fiel Kretzschmar dann als einziges Beispiel das Statement "Wir sind bunt" und in dessen Gefolge der Willkommensgruß "Refugees welcome" ein. Alles andere führe zu Ärger, zum Verlust von Werbepartnern und Arbeitsplätzen. Leider blieb Kretzschmar zunächst Beispiele schuldig, welcher Sportler, der eine politische Meinung geäußert und sie vernünftig begründet hat, ausgegrenzt und ökonomisch vernichtet worden ist.

Warum machen viele Sportler keine kontroverse Aussagen?

Was Kretzschmars Gedanken noch nicht gleich falsch macht. Man ja wirklich mal darüber diskutieren, welche Mechanismen dazu führen, dass es beispielsweise im Fußball vor Kickern wimmelt, die um jede kontroverse Aussage einen großen Bogen machen und stattdessen ihr Instagramprofil mit Bildern aus dem Fitnessstudio befüllen. Diese Stromlinienförmigkeit hat vielschichtige Gründe, sei der Umstand, dass die Werbeindustrie oft glatte Sportler als Projektionsfläche für ihre Produkte schätzt oder die Tatsache, dass die Fußballer bereits in den Klubinternaten darauf gedrillt werden, den Fokus komplett auf den Leistungssport zu richten.

Was es allerdings nicht gibt, und da verirrt sich Kretzschmar leider in seiner Argumentation, ist eine Art linksliberaler Mainstream, der alles, was nicht zum vereinbarten Kanon gehört, planmäßig desavouiert, lächerlich macht und sozial ausgrenzt. Um das zu begreifen, sollte Kretzschmar einen ganz kurzen Blick in Deutschlands größte Boulevard-Zeitung werfen, die seit langer Zeit ganz planmäßig Stimmung gegen Flüchtlinge machen. Er sollte das Sat1-Frühstücksfernsehen anschalten, wo dessen Leiter regelmäßig das AFD-Parteiprogramm in Kommentare packt. Er sollte sein Handy anschalten und einmal durch die Kommentarspalten der großen Nachrichtenportale scrollen, er wird auch dort hunderte, tausende Kommentare finden, die Stimmung gegen Flüchtlinge machen. Und dann soll er noch einmal die alberne These von der linken Meinungsübermacht  und von der eingeschränkten Meinungsfreiheit erneuern.

Jeder redet mal Unfug

Nun redet ja jeder mal Unfug, und es ist keine Schande, das zuzugeben.  Aber was macht Kretzschmar stattdessen? Er beklagt die Vereinnahmung seiner Thesen durch die AFD als grotesk. Das aber hätte Kretzschmar verhindern können, wenn er präziser formuliert oder sich später korrigiert hätte. Stattdessen beweisen seine weiteren Ausführungen, dass das gewählte Beispiel der "Refugees welcome" kein Zufall und kein Ausrutscher war.  Allen Ernstes zieht er Xavier Naidoo als Beispiel für einen ausgegrenzten Systemkritiker heran, als kritischen Geist, der lediglich nicht "konform mit den Medien" schwimme. Wohl gemerkt, jenen Naidoo, der in letzten Jahren vorwiegend Schlagzeilen durch antisemitische Assoziationen und Auftritte auf Reichsbürger-Veranstaltungen machte - und der just wieder in der Jury einer der größten deutschen TV-Shows sitzt, was die These der Ausgrenzung ebenso dünn erscheinen lässt, wie den hanebüchenen Vergleich der gegenwärtigen medialen Situation mit den gleichgeschalteten Sendern der DDR-Diktatur.  

Kretzschmar redet also Unfug. Aber das darf er auch, wo immer und wann immer. Und er darf auch dafür kritisiert werden . Es herrscht ja Meinungsfreiheit.

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