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P. Köster: Kabinenpredigt: Warum der DFB in der Coronakrise völlig überfordert ist

Die Fortsetzung der Drittliga-Saison ist kein Sieg für den Fußballbund. Er hat sich maximal ungeschickt angestellt. Findet stern-Stimme Philipp Köster.

Die Fortsetzung der Drittliga-Saison ist kein Sieg für den Fußballbund, findet stern-Stimme Philipp Köster

Die Fortsetzung der Drittliga-Saison ist kein Sieg für den Fußballbund, findet stern-Stimme Philipp Köster

DPA

Es kam daher wie ein triumphaler Sieg. 222 von 250 Delegierte, also die überwältigende Mehrheit eines außerordentlichen DFB-Bundestags hatte am Montagnachmittag für die rasche Fortsetzung der laufenden Drittliga-Saison gestimmt. Kein Eklat, kein Showdown wie vermutet, sondern das Wunschergebnis der DFB-Funktionäre, allen voran für Vizepräsident Rainer Koch, der zuvor in einem aufrüttelnden Statement vor den Gefahren eines Abbruchs und der ebenfalls vorgeschlagenen Aufstockung der Liga gewarnt hatte. Beschwörend hatte Koch immer wieder gefragt "Wollen wir das?", was stark den Eindruck erweckte, eine vorzeitige Beendigung der dritten Liga stürze den deutschen Fußball in eine endzeitliche Apokalypse. 

Die dritte Liga ist tief gespalten

Nun also wird schon am nächsten Sonntag gespielt. Und sobald der erste Anpfiff ertönt ist, wird vielleicht in Vergessenheit geraten, auf welchen absurden und verstörenden Wegen diese Entscheidung zustande kam, mit allen nur denkbaren Verwerfungen, Intrigen und Zerwürfnissen. Es war ein Prozess, der das Verhältnis zwischen dem DFB und den Klubs noch lange belasten wird und der die Frage aufwirft, ob die dritte Liga unter dem Dach des Fußballbundes eigentlich noch gut aufgehoben ist.

Denn ungeachtet des Stimmverhaltens der Delegierten ist die dritte Liga tief gespalten, die Stimmung unversöhnlich, der viel beschworene Zusammenhalt der Klubs nicht einmal mehr in Spurenelementen vorhanden. Was sicher den unterschiedlichen Interessen der Klubs geschuldet ist, aber auch der amateurhaften und konfrontativen Begleitung durch den Fußballbund. Der nämlich ließ in den letzten Wochen nahezu vollständig jene Souveränität vermissen, mit der etwa die DFL-Spitze unter Führung von Christian Seifert die beiden Bundesligen zum Wiederbeginn navigiert hatte. Der DFB hätte Mittler und Schlichter sein können, hätte unverrückbare Leitplanken und individuelle Lösungen benennen können – stattdessen ließ der Fußballbund die sichtlich überforderten Klubs zunächst mit zahllosen offenen Fragen allein. 

Bundesliga Restart Reaktionen

Das begann schon mit dem vielfach gelobten Hygienekonzept der DFL, das der DFB freudig übernahm, dabei aber geflissentlich ignorierte, dass die komplexen Bestimmungen und Regularien für kleine und finanziell gebeutelte Drittligaklubs womöglich nicht so einfach umzusetzen ist wie in den inzwischen weitgehend durchprofessionalisierten Bundesligen mit ihren opulenten Mitarbeiterstäben. Nicht minder starr und unflexibel agierte der DFB, als offenkundig wurde, dass die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich strengen Restriktionen die Mär von der Chancengleichheit aller Klubs bei der Vorbereitung rasch zunichtemachen würden. Statt kooperativ mit den Vereinen und der Politik  nach Lösungen zu suchen, ging der Verband auf Konfrontation, sodass etwa Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) schließlich klagte, der DFB übe "unerträglichen Druck auf Politik und Vereine" aus und kolportierte, es sei sogar mit Lizenzentzug gedroht worden, sollte ein Klub die Teilnahme am Spielbetrieb verweigern. Das mag Haseloff falsch wahrgenommen haben, wie die DFB-Spitze eilends beteuerte. Was hängen blieb, war die schroffe Kommunikation, die das zunehmend unversöhnliche Gesprächsklima noch verschärfte.

Ein versöhnliches Zeichen des DFB wäre gut gewesen

Natürlich sind an der vergifteten Stimmung auch die Klubs nicht unschuldig. Der Tabellenletzte Carl Zeiss Jena etwa würde von einem Abbruch und der damit womöglich verbundenen Aussetzung des Abstiegs profitieren, entsprechend bockig gaben sich die Jenaer. Auch die Kellerkinder Münster und Großaspach hätten von einem vorzeitigen Ende profitiert. Es mutete trotzdem wie ein Treppenwitz an, dass Tom Eilers, der Vorsitzende des DFB-Drittliga-Ausschusses, in Richtung der Abbruch-Befürworter giftete: "Im Moment ist es äußerst unsolidarisch, was einige Klubs hier machen, die den Willen der Mehrheit bewusst ignorieren und untergraben" und dann allen Ernstes sich selbst und seinen eigenen Klub für die Bewältigung der Coronakrise lobte: "Wir haben es mit Fleiß hinbekommen". Schönheitsfehler der Argumentation: Eilers Klub, der SV Darmstadt, spielt seit sechs Jahren mindestens zweite Liga.

Am Tage des DFB-Bundestages wäre ein versöhnliches Zeichen des DFB keine schlechte Idee gewesen. Stattdessen polterte Rainer Koch weiter herum, dass "unwürdige Schauspiel" sei "unerträglich und nicht länger hinzunehmen", um dann an alle zu appellieren: "Finden wir zu Gemeinsamkeit und Geschlossenheit zurück." Er könnte ja mal vorangehen.

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