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DFB-Nationalspieler Robin Gosens über Corona in Bergamo: "Unser Spiel war das Todesurteil für viele Menschen"

Robin Gosens im DFB-Trikot
Robin Gosens im DFB-Trikot: Der Linksverteidiger von Atalanta Bergamo gab im September 2020 beim 1:1 gegen Spanien sein Debüt in der Nationalmannschaft
© Hansjürgen Britsch / Picture Alliance
Fußball-Nationalspieler Robin Gosens hat mit 26 Jahren seine Autobiografie geschrieben. Im stern-Interview spricht der Linksverteidiger von Atalanta Bergamo über den Rücktritt von Joachim Löw, A-Jugend-Spiele mit Alkoholpegel und seine Erfahrungen im Corona-Hotspot Bergamo.

stern:  Robin Gosens, zum Auftakt der WM-Qualifikation Ende März hat sich die Nationalmannschaft zum ersten Mal seit der Rücktrittsankündigung von Bundestrainer Joachim Löw wieder getroffen. War die Stimmung anders als sonst?
Robin Gosens: Es hat eher dazu geführt, dass wir noch näher zusammengerückt sind, weil wir das Gefühl haben, dass wir ihm ein schönes Abschiedsgeschenk machen müssen. Von daher ist die Grundstimmung gut.

Für die Öffentlichkeit kam die Ankündigung von Löw, nach der EM im Sommer aufhören zu wollen, eher überraschend. Hatte sich der Rücktritt für Sie abgezeichnet?
Das kam für uns genauso überraschend wie für alle anderen. Wir haben es zwar etwas eher erfahren, über unsere Chatgruppe mit der Nationalmannschaft – aber auch erst am gleichen Tag, an dem es bekanntgegeben wurde. Das war schon ein Schock. Für mich persönlich ist es vor allem deshalb schade, weil Joachim Löw mir mein Nationalmannschaftsdebüt ermöglicht hat. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein.

Überraschend kommt für viele auch, dass Sie eine Autobiografie geschrieben haben ...
Das glaube ich (lacht.)

Das hätte man eher von Nationalspielern wie Manuel Neuer oder Toni Kroos erwartet. Warum war es Ihnen wichtig, mit 26 Jahren Ihr Leben aufzuschreiben?
Es ist eine Kombination aus zwei Dingen. Erstens bekomme ich von vielen suggeriert, dass mein Weg ganz anders verlief als bei den meisten Profis. Da habe ich mir gedacht, warum sollte ich diesen Weg nicht mal aufschreiben, wenn ich damit anderen Mut machen kann. Zweitens hatte ich den unbedingten Willen, mir mal ein paar Dinge von der Seele zu schreiben, mit denen ich mich im Fußballbusiness nicht anfreunden kann.

Zu diesem besonderen Weg gehört vor allem, dass Sie einer von ganz wenigen Top-Profis sind, die nicht schon im jungen Alter in einem Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet wurden. Bis zur A-Jugend haben Sie beim VfL Rhede in der Nähe zur niederländischen Grenze gekickt. Entdeckt wurden Sie dann ausgerechnet bei einem Spiel, bei dem Sie eigentlich sogar etwas angetrunken waren.
Das war tatsächlich so (lacht.) Wir waren eine riesengroße Freundesgruppe und eben öfter am Wochenende unterwegs. Auch an diesem Spieltag waren wir zuvor feiern – und umso überraschter war ich dann, dass ich einem Scout von Vitesse Arnheim so positiv aufgefallen bin, dass ich zum Probetraining eingeladen wurde.

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Haben Sie diese Erfahrungen anderen Mitspielern voraus, die schon früher professionell ausgebildet wurden?
Ich kann zurückblicken und sagen: Ich habe eine ganz normale Jugend gelebt. Für mich und meine Persönlichkeitsentwicklung war das Gold wert. Diese Erfahrungen hätte ich vielleicht nicht machen dürfen, wenn ich in einem Internat gelebt hätte und kaum rausgekommen wäre. Es ist wichtig, dass man auch die Freiheit bekommt, Fehler zu machen und daraus zu lernen. Viele Jungs im Internat haben diese Möglichkeit nicht, weil sie dann rausfliegen. Ob ich dadurch anderen etwas voraushabe, kann man so oder so sehen. Technisch und taktisch merkt man nach wie vor, dass ich Mängel habe. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass ich, bis ich 18 war, nichts damit an der Mütze hatte.

Eines der ungewöhnlichsten Spiele Ihrer Karriere war sicherlich das Champions-League-Achtelfinale mit Atalanta Bergamo gegen den FC Valencia Mitte Februar 2020. Sie gewannen das Hinspiel in Mailand 4:1, gleichzeitig aber nahm die Pandemie gerade richtig Schwung auf – und die Partie mit 44.000 Zuschauern wurde zum Superspreader-Event. In Italien nennt man dieses Spiel heute die "Partita zero", das "Spiel Null". Wie blicken Sie auf diesen Abend zurück?
Es war eine Achterbahnfahrt vom sportlichen Highlight zum persönlichen Tiefpunkt. Sportlich war es absoluter Wahnsinn, für mich und für den Verein. Alles andere drumherum wird mich mein Leben lang prägen. Unser Spiel war ein Brandbeschleuniger für das Virus, das Todesurteil für viele Menschen. Darüber habe ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Natürlich konnten wir nichts dafür, aber die ganzen Menschen sind nach Mailand gekommen, um uns spielen zu sehen. Das ist für mich nach wie vor schwer zu verarbeiten.

In Deutschland haben uns in den Wochen danach viele schockierende Bilder aus Bergamo erreicht. War die Lage für Sie vor Ort ebenso dramatisch wie es hier angekommen ist?
Wahrscheinlich noch dramatischer, noch trauriger, noch tragischer. Wir sind täglich mit Sirenengeheul aufgestanden und damit schlafengegangen. Es waren tatsächlich kriegsähnliche Zustände, so muss man das sagen. Nur, dass man nicht gegen einen präsenten, sondern einen unsichtbaren Gegner kämpfte, und niemand eine Lösung hatte. So eine Erfahrung hatte ich bis dato nicht gemacht und ich hoffe, dass ich sie nie wieder machen muss.

Inwiefern haben Sie diese Wochen in Ihrer Persönlichkeit verändert?
Diese Erlebnisse haben mir gezeigt, dass die kleinen Dinge des Lebens nicht selbstverständlich sind. Dass man rausgehen kann, wann man will, dass die Familie gesund ist. Wenn mich die Pandemie etwas gelehrt hat, dann, dass man diese Dinge wertschätzen sollte.

Wie war es für Sie, als Sie und Ihre Kollegen wieder Fußball spielen durften? Auch das war und ist ja keineswegs selbstverständlich, sondern teilweise sogar sehr umstritten.
Ich habe mich mit dieser Frage lange auseinandergesetzt: Es sterben Menschen auf der ganzen Welt und wir haben nichts Besseres zu tun, als gegen den Ball zu treten? Ich verstehe die Argumentation von Menschen, die sagen, dass es größere Probleme gibt. Aber wir haben auch gemerkt, wie wichtig der Fußball als Ausgleich für die Menschen in Italien war. Wir Spieler haben viele Nachrichten bekommen nach dem Motto: Zumindest haben wir euch, zumindest haben wir etwas Ablenkung in dieser Zeit des Leids.

Die "Bilder aus Bergamo" sind in Deutschland eine Art geflügelter Begriff geworden. Hier war im vergangenen Jahr manchmal zu hören, welches Glück wir gehabt hätten, dass es diese Bilder gab, weil sie eine Warnung vor dem tödlichen Virus waren. Klingt das zynisch für jemanden, der das alles miterlebt hat?
Auf eine gewisse Art und Weise schon. Andererseits muss es immer eine Stadt oder ein Land geben, das diese Erfahrungen als erstes macht, damit andere daraus lernen können. Wenn wir ein Lehrbeispiel dafür waren, wie es nicht gemacht wird, und so ein paar Leben retten konnten, bin ich froh darüber.

Sie studieren seit 2019 Psychologie neben der Sportkarriere. Reicht es Ihnen nicht aus, Fußballer zu sein?
Auch das Gehirn will trainiert werden. Dementsprechend habe ich es schon vor dem Psychologiestudium etwa durch Ernährungskurse auf Trab gehalten. Im Studium lerne ich viel über Menschen und kann mich besser in andere hineinversetzen. Das ist schon während der Karriere ein großer Vorteil. 

Die Kritik gegen Fußballer geht oft unter die Gürtellinie. In Ihrem Buch schreiben Sie darüber: "Innen, ungefähr an der Stelle, wo sich das Herz befindet, zerbricht in so einem Moment etwas." Wie gehen Sie damit um?
Wir sind Personen des öffentlichen Lebens und müssen Kritik vertragen können. Aber wenn eine Grenze überschritten wird, dann müssen wir uns auch wehren dürfen, ohne dass uns das um die Ohren fliegt. Man darf mich kritisieren oder mir eine Sechs geben, wenn ich schlecht gespielt habe. Aber wenn dann im Internet die Familie attackiert wird oder man selber, dann ist das nicht akzeptabel.

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Was sind die schlimmsten Nachrichten, die Sie da bekommen haben?
Manche Leute schreiben: "Wirf dich vor den Zug", "Ich hoffe, dass deine Mutter an Krebs stirbt", solche Geschichten. Sowas trifft mich mitten ins Herz. Ich weiß, dass das Leute sind, die nichts Besseres zu tun haben und die Anonymität der sozialen Medien ausnutzen. Aber am Ende steht da dieser Satz. Und da frage ich mich, was in den Köpfen von solchen Menschen vorgeht. Wo kommen wir da hin? Was ist das für eine Gesellschaft, in der man sich so etwas sagen darf, ohne dafür belangt zu werden?

Sie beschreiben ausführlich weitere Schattenseiten des Profigeschäfts, zum Beispiel auch Ihre Erfahrungen mit Spielerberatern oder auf dem Transfermarkt. Fühlen Sie sich als Fußballer manchmal wie eine Ware?
Ja, manchmal schon. Ich lebe meinen Traum, aber als ich angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, dass so viele Sachen im Fußball-Business passieren, die einen sehr belasten können. Fußball ist ein Geschäft, das von Geld regiert wird. In dem Moment, in dem du einen Vertrag unterschreibst, wirst du Eigentum des Vereins. Du bist ein Objekt, das im Bestfall Gewinn für den Verein generiert und dann wieder weiterverkauft wird. 2019 wäre ich gerne zu Schalke gewechselt, aber die Vereine konnten sich nicht auf eine Ablösesumme einigen. Es ging zwar um mich, aber ich durfte nicht sagen, was ich gerne machen würde.

Ihr Vertrag bei Atalanta Bergamo läuft 2022 aus. Bisher haben Sie nie in Deutschland gespielt, nur in den Niederlanden und in der italienischen Serie A – können Sie sich einen Wechsel in die Bundesliga vorstellen?
Definitiv. Die Bundesliga ist mein Kindheitstraum, und irgendwann möchte ich mir diesen Traum erfüllen. Wann das sein wird, weiß ich nicht. Aber es steht auf jeden Fall ganz oben auf meiner Bucket List.


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