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WM 2022 Dario Minden konfrontierte als schwuler Fußball-Fan den katarischen Botschafter: "Ich will einfach nur in Frieden lieben und leben"

Schwuler Fußball-Fan über die WM in Katar: "Ich will einfach nur in Frieden lieben"
Dario Minden auf der Veranstaltung des DFB. Der katarische Botschafter musste sich unangenehme Wahrheiten anhören.
© Screenshot Deutsche Welle
In Katar steht Homosexualität unter Strafe. Vor der Fußball-WM in dem Emirat hat der deutsche Fanvertreter Dario Minden gegenüber dem katarischen Botschafter klar Stellung bezogen. Im Interview mit dem stern spricht er über die Reaktionen.

Herr Minden. Sie waren diese Woche beim DFB zu Gast. Der Botschafter von Katar war dort auch zu Gast. Was haben Sie ihm gesagt? 
Dario Minden: Ich habe eine längere Rede gehalten, in der ich dargelegt habe, warum so viele Fußballfans so enttäuscht, so entfremdet sind von ihrem Lieblingssport. 

Da geht es um die Ausbeutung rund um die WM, die nicht nur Katar betrifft. Da geht es um die Korruption bei der Vergabe, um die Menschenrechte und ein Bereich der Menschenrechte ist die Situation der LGBTQ-Szene in Katar. Da habe ich die Gelegenheit genutzt, einem so hohen Repräsentanten des Staates Katar gegenüber zu stehen für eine deutliche, persönliche Ansage. 

Sie haben unter anderem gesagt "Ich bin ein Mann und ich liebe Männer. Ich habe Sex mit anderen Männern, bitte lassen Sie sich davon nicht schocken." Vor der Kamera hat der Botschafter auf Ihre Worte nicht reagiert. Wie ging es später weiter?
Der Botschafter war mir gegenüber sehr höflich und respektvoll. Er hat sich ein wenig anmerken lassen, dass er genervt ist von solchen Situationen.

Später hat er dann nochmal das Wort ergriffen, das war im nichtöffentlichen Bereich. Ich habe da aber nichts gehört, was ich nicht vorhin auch schon gehört hatte: Man solle nach Katar kommen, man solle sich ein eigenes Bild machen. Alle sind sicher, alle sind willkommen. Und er hat darauf verwiesen, was stimmt, dass die Todesstrafe nicht angewendet wird. Aber das allein ist natürlich nicht zufriedenstellend.

Nehmen Sie die Einladung an aus Katar?
Es gibt eben nicht nur die Aussagen der katarischen Seite, sondern es gibt zum Glück auch unabhängige Berichte aus dem Land, insbesondere wie es der LGBTQ-Community vor Ort geht und die sprechen leider eine andere Sprache.

Nein, aus einer Vielzahl von Gründen ist ist diese WM nichts für mich. 

Ich persönlich will kategorisch nicht in ein Land reisen, in dessen Gesetz die Todesstrafe auf gleichgeschlechtliche Liebe steht. Und irgendwann wird es dann auch albern, immer wieder dahin eingeladen zu werden. Wenn es ihnen so wichtig ist, sollen sie die Gesetze halt streichen.

Warum war die Botschaft so wichtig? Es heißt oft, man solle Sport und Politik nicht vermischen..?
Man kann so vieles machen, wenn man unter keine Kategorie fällt, bei der man von Verfolgung und Diskriminierung bedroht ist. Der Fußball findet nicht außerhalb der Gesellschaft statt: Natürlich ist er politisch, die Trennung ist ein Märchen.

Es gibt eine unterdrückte Minderheit, die sagt, "ich will einfach nur in Frieden lieben und leben" und es gibt den Unterdrücker. Wenn dann die Minderheit sagt: "Hey, wir wollen keine Todesstrafe, schafft sie mal bitte ab.", dann müsste das nicht einmal etwas politisches sein. Das muss selbstverständlich sein.

Das Politikum entsteht dadurch, dass es Herrschaftssysteme gibt, die es eben nicht ermöglichen, einfach frei zu sein und eine gute Zeit zu haben.

Ob man gerne irgendwohin fliegt, obwohl dort sehr viele Menschen entrechtet werden, dann ist das eine persönliche Entscheidung, aber wer das vorhat: Es wäre schön, wenn er sich nochmal hinterfragt.

Dass Sie auf einem Kongress des DFB darüber sprechen konnten: War das ein positives Signal oder unter dem Strich "too little, too late"?
Sowohl als auch: Es hätte viel früher kommen müssen, kommen sollen. Es wär viel mehr möglich gewesen, hätte man solche Prozesse zehn Jahre vor der WM und nicht zwei Monate davor losgetreten. 

Nichtsdestotrotz muss man, wenn man über den DFB spricht, schon sehen, dass er ein schwerfälliger, bräsiger, großer Verband ist, der wirklich aus einer sehr belasteten Vergangenheit kommt. 

Wenn die Wahl beim DFB im März anders ausgegangen wäre, hätte ich nicht auf diesem Kongress gesprochen. Zum einen, weil ich die Einladung nicht angenommen hätte, zum anderen kann ich mir auch nicht vorstellen, dass es einen solchen Kongress überhaupt gegeben hätte.

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Rede bekommen?
Die Reaktionen sind in überwältigendem Maße positiv. Dass ich mich da so selbstsicher hinstellen konnte, liegt daran, dass ich auf ein ganz tolles Umfeld zurückgreifen kann: Im Privaten, im Halbprivaten und auch bei meiner heiß geliebten Eintracht. 

Wir kennen alle das Internet: Was da teilweise in den Kommentarspalten los ist, sollte man sich gar nicht so sehr zu Gemüte ziehen. Obwohl es eigentlich traurig ist, dass Leute so verbittert sind, kann ich sogar darüber lachen. 

Haben sich auch Leute bei Ihnen gemeldet, die mehr Einfluss haben? 
Einfluss hat da natürlich die katarische Seite. Das wäre komplett vermessen, wenn man jetzt denkt, mit einer emotionalen Ansprache kann man so ne harte Nuss knacken.

Trotzdem ist es wichtig, dass die Message immer wieder wiederholt wird: Wenn ihr mitwirken wollt im internationalen Geschäft, müsst ihr früher oder später den Schwulen und Lesben, den Intersexuellen und Transsexuellen mehr Rechte eingestehen. 

Daneben gehe ich niedrigschwelliger vor: Unabhängig von Katar, was auch in unserem Fußball in unserem Land für eine teilweise wirklich eisigkalte, abweisende Atmosphäre im Männerfußball vor allem Schwulen gegenüber herrscht. Wenn das Video auch nur eine Person erreicht hat, der das Mut macht, dass man doch viel Rückhalt kriegt, wenn man dazu steht und die dann das Gefühl kriegt, "ich darf ich selbst sein" – dann ist es doch schon ein großer Erfolg.

Wenn Sie DFB-Präsident wären, würden Sie die WM trotzdem noch boykottieren?
Ich glaube, es ist keine faire Forderung, Neuendorf und den Leuten das vorzuwerfen, die erst seit kurzem da sind. Aber er kann ja trotzdem mehr tun. 

Wenn ich da das letzte Wort hätte, dann würde jeder Euro, der dort eingenommen wird, in Fonds fließen, die den Entrechteten zugutekommen. Ich muss davon ausgehen, dass der DFB seriös geführt ist. Man kann also finanziell auch eine Nicht-Qualifikation bei so einem Turnier gut wegstecken. Die Zusatzeinnahmen durch das Turnier würde ich auf jeden Fall dafür verwenden.

Ein ganz großer Held meines Fußballs ist sicherlich der Brasilianer Socrates. Der war 1978 bereits in der Blütezeit seiner Karriere, war Leistungsträger der brasilianischen Nationalmannschaft und hat auf die WM-Teilnahme 78 in Argentinien verzichtet.

Herr Minden, vielen Dank für das Gespräch!

tvm

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