HOME

Interaktive Grafik: Sammer, Ballack, Kroos: Wie die Wende die Nationalmannschaft veränderte

Nach der Wiedervereinigung freute sich Fußballdeutschland auf seine neue unschlagbare Nationalmannschaft. Ganz so rosig wurde es nicht. Aber die Kicker aus Ostdeutschland drückten dem Team ihren Stempel auf.

von Patrick Rösing

Drei Spieler, die der deutschen Nationalelf in den vergangenen 25 Jahren ihren Stempel aufdrückten: Matthias Sammer, Michael Ballack und Toni Kroos (von links). 

Drei Spieler, die der deutschen Nationalelf in den vergangenen 25 Jahren ihren Stempel aufdrückten: Matthias Sammer, Michael Ballack und Toni Kroos (von links). 

Franz Beckenbauer saß als frisch gekürter Weltmeister-Coach in der Pressekonferenz nach dem WM-Finale 1990 und beantwortete freimütig und gut gelaunt die Fragen der Weltpresse. Nachdem das zurückliegende Endspiel abgefrühstückt war, blickte ein amerikanischer Journalist in die Zukunft. Ob Beckenbauer erwarte, dass ein vereinigtes Deutschland künftig so stark sei, dass es den Weltfußball bestimmten werde, wollte er wissen. Des Kaisers Antwort wurde eines seiner berühmtesten Zitate: "Ich glaube, dass die Deutsche Mannschaft über Jahre hinaus nicht zu besiegen sein wird. Das tut mir leid für den Rest der Welt."

Grafik: "Die Mannschaft" nach der Wende


Wie die Grafik zeigt, stammten von insgesamt 186 Spielern, die nach der Wende ihre Nationalmannschaftspremiere feierten, 34 aus dem Osten.
Diese schossen in den vergangenen Jahren jedoch immerhin ein Drittel der Tore. Ebenfalls treffsicher zeigten sich die im Ausland geborenen Kicker.

  Die folgenden Jahre wurden dann allerdings nicht ganz so festlich, wie Beckenbauer orakelt hatte. Zum einen, weil die Anzahl der DDR-Spieler, die ihren Weg ins DFB-Team fanden, eher überschaubar war – lediglich Matthias Sammer, Andreas Thom und Ulf Kirsten schafften es, ein fester Bestandteil der Nationalmannschaft zu werden. Und zum anderen, weil die ganz großen Erfolge zunächst ausblieben.  

Prägende Akteure: Feuerkopf und Capitano

Der große Wurf gelang erst bei der Europameisterschaft 1996. Prägender Akteur war der gebürtige Dresdner Sammer. Er führte die deutsche Mannschaft zum Titelgewinn und wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Im selben Jahr wurde der Abwehrstratege zum "Europäischen Fußballer des Jahres" gewählt. 1997 schied "Feuerkopf" Sammer gesundheitsbedingt aus der Nationalmannschaft aus. Eine jahrelange sportliche Dürreperiode begann, die erst von einem gebürtigen Görlitzer beendet wurde: Michael Ballack. 

Die Heatmap zeigt die Verteilung der Geburtsorte von Nationalspielern, die nach der Einheit debütierten. Nicht im Bild sind Geburtsorte in Afrika, Südamerika und Russland (betrifft sechs Spieler).

Die Heatmap zeigt die Verteilung der Geburtsorte von Nationalspielern, die nach der Einheit debütierten. Nicht im Bild sind Geburtsorte in Afrika, Südamerika und Russland (betrifft sechs Spieler).

 Ballacks Stern ging bei der Weltmeisterschaft 2002 auf. Dass die deutsche Mannschaft in Japan und Südkorea den zweiten Platz holte, war fast ausschließlich seinen Toren und Oliver Kahn zu verdanken. Er führte das Team später noch zum dritten Platz bei der Heimat-WM 2006 und ins Finale der Euro 2008. In seiner Glanzzeit war er als "Capitano" der unumstrittene Leitwolf der Nationalmannschaft. Dabei hatte Günther Netzer seine Qualitäten eben wegen seiner Herkunft in Frage gestellt: "Ballack ist in der DDR aufgewachsen. Dort zählte das Kollektiv, das hat den Weg für Genies verstellt", lautete Netzers Einschätzung.

Grafik: Geburtsorte der deutschen Nationalspieler

Die Zahl der "Ost-Akteure" im DFB-Team ist seit Jahren konstant gesunken. Beckenbauer hatte zudem Unrecht, was die Unbesiegbarkeit anging, das ist ohnehin klar. Aber hätte "Die Mannschaft", die Erfolge ihrer jüngeren Vergangenheit auch ohne die Kicker aus den neuen Bundesländern errungen? Europameister in England ohne Sammer? Zumindest fragwürdig. Und ohne Ballack wäre die deutsche Nationalmannschaft zwischen 2000 und 2006 wohl komplett in der Zweitklassigkeit versunken.

Bei der bislang letzten Sternstunde - dem Weltmeistertitel 2014 - spielte erneut ein Ostdeutscher eine Hauptrolle. Toni Kroos wurde im Januar 1990 in Greifswald geboren, kurze Zeit später war die DDR Geschichte. Beim Turnier in Brasilien war Kroos der Lenker der deutschen Spiels und zudem der einzige Spieler im Kader, der aus dem Osten stammte. "Ob ich wirklich der einzige bin?", fragte er verdutzt, als er darauf angesprochen wurde, "wahrscheinlich bin ich dann auch der letzte."

Datenquellen: DFB, Kicker, Wikipedia

Wissenscommunity