HOME

WM-Finale 2018: Warum schon der Finaleinzug von Kroatien eine der größten Sensationen der WM-Geschichte ist

Kroatien im WM-Finale: Beim Blick auf das Star-Ensemble mag das nicht gar so erstaunlich sein. Doch haben die Kroaten etwas geschafft, was es in dieser Form noch nie gegeben hat. Und sie könnten noch Größeres schaffen.

Einzug ins WM-Finale: Der wildeste Jubel der WM: Mandzukic und Co. fallen über Fotografen her

Keine Frage: Sollte am kommenden Sonntag Superstar von Real Madrid, Captain der kroatischen Nationalmannschaft, unter dem Jubel seiner Teamkollegen den Weltpokal in die Höhe stemmen, dann wäre das die vielleicht größte Sensation der WM-Geschichte. Ganz sicher aber der sensationellste Titelgewinn seit 1954, als die "Helden von Bern" die damals schier unschlagbare Übermannschaft von Ungarn besiegten und den ersten Stern fürs deutsche Trikot holten. 

Schon jetzt aber hat etwas geschafft, was im modernen, professionalisierten Weltfußball noch nie gelungen ist: Der kleine Verband mit 94.000 Mitgliedern und 1300 Vereinen (zum Vergleich der DFB: 7 Millionen Mitglieder, fast 25.000 Vereine) ist in die Phalanx der ewigen Favoriten eingedrungen. Zum ersten Mal seit der WM 1962 steht eine Nation im Endspiel einer Fußball-WM, die nicht zum scheinbar unantastbaren Club der erlauchten Fußballnationen zählt. Zuletzt schaffte das damals die Tschechoslowakei, wobei die Tschechen seinerzeit zur Weltspitze zählten und der Profi-Fußball noch ganz am Anfang stand. Die Bundesliga beispielsweise nahm erst ein Jahr später den Spielbetrieb auf.

Kroatien ärgert Club der Arrivierten

Die Geschichte der Fußball-WM lehrt: Es ist letztlich ein kleiner Club großer Fußballnationen, der den Titel unter sich ausspielt. Nach 84 Jahren WM-Historie und 20 Turnieren gibt es gerade einmal acht Weltmeister, die zudem noch 15 weitere Finalteilnahmen auf sich vereinen: Brasilien (5 Titel), Deutschland und Italien (je 4), Argentinien und Uruguay (je 2), Spanien, Frankreich und England (je 1). Die im Clubfußball so dominanten Spanier stießen zwar erst 2010 in den Club vor, doch das war lange erwartet worden. Und auch die Niederländer zählen - trotz ihrer aktuellen Schwäche - als erfolgreichster Nicht-Titelträger mit drei Finalteilnahmen und zwei weiteren Halbfinals dazu. Alle anderen spielen mal das Turnier ihres Lebens, oft als Gastgeber, oder haben mal eine gute Generation, doch das reicht in aller Regel bestenfalls fürs Halbfinale - bei den vergangenen beiden WM-Turnieren nicht mal das.

Und nun also Kroatien. Sicher, auch das kommt nicht aus heiterem Himmel. Seit Jahren zählen sie zu den berühmten Geheimfavoriten. Jene vielversprechenden Teams, für die es letzten Endes dann doch nicht zum großen Wurf reicht. So wie es den Belgiern auch diesmal wieder erging. Und so wie es der ersten großen Generation der Kroaten um Davor Suker erging, die 1998 immerhin den dritten Platz schafften - übrigens nach einer 1:2-Halbfinal-Niederlage gegen Frankreich. Das Finale am Sonntag ist also auch die Chance auf die ultimative Revanche für '98. Das dürfte dem Spiel zusätzlich Brisanz verleihen.

Luka Modric und Co. - Farbe für die WM-Siegerliste

Diese WM war von Anfang an nicht die WM der großen Fußballnationen. Italien und die Niederlande schafften es nicht mal nach Russland, Deutschland blamierte sich in der Vorrunde, andere scheiterten früh. Ein Weltmeister Kroatien würde gut zu diesem Turnier passen und der Siegerliste der WM etwas von jener Farbigkeit verleihen, die die Liste der Europameister hat. Da finden sich Portugal, die Tschechoslowakei, Griechenland, Dänemark. Dank den herausragenden Mittelfeldstrategen Luka Modric (Real Madrid) und Ivan Rakitic (FC Barcelona), den erfahrenen Stürmern Mario Mandzukic (Juventus Turin) und Ivan Perisic (Inter Mailand) und vielen weiteren Spielern aus den großen europäischen Fußball-Ligen haben sie auf jeden Fall das Zeug dazu, das haben sie schon bewiesen. Eine möglicherweise einmalige Chance.

Allerdings: Finalgegner Frankreich ist der Favorit. Die Equipe tricolore hat bisher den stärksten Eindruck in diesem WM-Turnier hinterlassen. Nicht zuletzt im Halbfinale, als Trainer Didier Deschamps mit seiner Taktik den belgischen Himmelsstürmern regelrecht den Zahn zog - nicht gerade attraktiv, aber erfolgreich. Ihr letztes Finale - 2016 bei der EM im eigenen Land - verloren sie gegen einen Außenseiter (Portugal). Nun kommt mit Kroatien wieder ein Underdog. Diesmal wollen sie es besser machen, haben aus der Pleite von vor zwei Jahren gelernt, sagen Trainer und Spieler. Vieles spricht für die Franzosen. Gewinnt Frankreich seinen zweiten WM-Titel, dann wäre letzten Endes doch alles wie immer. Der Goldpokal bliebe im kleinen Club der ewigen Favoriten. Doch, wie gesagt, diese WM war von Anfang an nicht das Turnier der großen Fußballnationen.

Wissenscommunity