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Analyse

WM-Blamage: Lahms scharfer Angriff auf Löw und Co. - was das für den DFB bedeuten könnte

Die Aufarbeitung der WM-Blamage nimmt Fahrt auf. Philipp Lahm, Kapitän der Weltmeister von 2014, hat in einem offenen Brief deutliche Kritik geübt. Das wären die Konsequenzen aus seiner Analyse.

Philipp Lahm

Philipp Lahm ist alles andere als ein Lautsprecher. Eher schon das sprichwörtliche stille Wasser, das tief ist. Unvergessen, wie er wegen der Verletzung von Michael Ballack vor der WM 2010 die Kapitänsbinde vom "Capitano" übernahm - und sie danach, gegen Widerstände, einfach behielt. Unvergessen auch sein Bayern-kritisches, nicht abgesprochenes Interview von 2009, für das er bestraft wurde, das die damalige Lage beim deutschen Vorzeigeclub aber treffend durchleuchtete. Und nun die unaufgeregte, aber umfassende kritische Analyse der WM-Blamage in Russland - zeitlich geschickt gewählt in einem stillen Moment zwischen ersten, ungeschickten Äußerungen von Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Chef Reinhard Grindel und dem Finale des Weltturniers.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Philipp Lahm die Geschicke des deutschen Fußballs nachhaltig beeinflussen würde - und sich gleichzeitig als maßgeblicher Player in Stellung bringt. Das könnte auch diesmal so sein. Was also könnte aus Lahms fundamentaler Kritik folgen?

Nationalelf ständig auffrischen, keine Erbhöfe mehr

"Eine meiner wichtigsten Erfahrungen besteht darin, dass es praktisch unmöglich ist, zweimal auf dieselbe Weise erfolgreich zu sein", schreibt Lahm in seiner Kritik. Eine Erfahrung, die er sicher nicht allein gemacht hat, die aber mindestens vier der letzten fünf Weltmeister-Teams ignoriert haben, da sie alle schon in der Vorrunde scheiterten. Die Konsequenz: Das Leistungsprinzip muss uneingeschränkt gelten. Ständige Blutauffrischung ist nötig, um ein Erfolgsteam erfolgreich zu halten. Und damit kann nicht gemeint sein, nur die, die ohnehin nach einer WM abtreten, zu ersetzen. Aktuell hätte das beispielsweise bedeuten können: ter Stegen statt Neuer im Tor, Leroy Sané (ManCity) und Philipp Max (Augsburg) dabei, Müller auf der Bank, Plattenhardt gar nicht im Kader. So zu handeln, war häufig nicht Jogi Löws Art.

Es gibt mehr im Leben als nur Fußball

Die 2014er-Weltmeister seien zwar schon in Leistungszentren ausgebildet worden, hätten jedoch noch im familiären Umfeld gelebt, betont Lahm. "Ein wesentlicher Grundstein dieser familiären Prägung ist für mich der Blick fürs Ganze: für die Familie, aber auch für die jeweilige Mannschaft, deren Teil du bist." Die Konsequenz: Die rein auf Leistungszentren konzentrierte Ausbildung der Fußballer muss auf den Prüfstand. Wer sich im Leben zu helfen weiß, der kann das auch auf dem Platz - wer das nicht kann, kann es auch auf dem Platz nicht. Ein Standpunkt, den ältere Führungsspieler immer wieder formulieren. Ob man künftigen Fußballergenerationen diese Prägung wieder vermitteln will, um letztlich im Sport davon zu profitieren, muss man sich bei der Führung der Nationalelf überlegen.

Andere Generationen brauchen eine andere Ansprache

Dieser Punkt zielt direkt in Richtung von Trainer Löw und Teammanager Bierhoff. Dass die Nachfolger von Lahm, Schweinsteiger, Klose und Co. anders ticken hat der DFB-Tross in Russland schmerzlich erfahren müssen - die Chemie im Kader stimmte nicht. Durch Ausbildung und Leben in Leistungszentren seien die jüngeren Spieler auf ihre Karriere getrimmt, und dementsprechend egoistisch, argumentiert Lahm. Und weiter: "Das muss nicht unbedingt ein Problem sein. Es bedarf aber eines kompetenten Umgangs damit." Die Konsequenz: Setzt der DFB weiter auf die gezielte Ausbildung ausschließlich in Leistungszentren, muss "das Trainerteam seine Individualisten motivieren und steuern", so Lahm. Dazu gehört eine klare Ansprache. Es muss klar gemacht werden, dass nur wer seine individuellen Stärken in den Dienst der Mannschaft stellt, seine persönlichen Ziele erreichen kann - anders ist Erfolg im Mannschaftssport Fußball nicht möglich. Daneben muss ein Trainerteam des DFB in der Lage sein, zu erkennen, wenn eine Änderung der Ansprache nötig wird, und entsprechen umdenken.

Klare Ansprache auch nach außen

Lahm schneidet auch das PR-Desaster des DFB im Zusammenhang mit den Fotos von Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan an. Der Vorfall erwies sich als Gift für den mannschaftlichen Zusammenhalt in Russland. Die Konsequenz: Klare und schnelle Kommunikation, "um nach außen - und nach innen - Identität zu stiften", wie Lahm formuliert. Anders ausgedrückt: Um ein solches Thema nicht so groß und schädlich werden zu lassen, wie es geworden ist. Beteiligte Personen müssen in derartigen Fällen klar in die Pflicht genommen werden - ein Ausscheren wie im Fall Özil, der sich bis heute nicht zu den Fotos öffentlich geäußert hat, kommt so gesehen nicht in Frage.

Philipp Lahm - erfahrener Mann mit einem Konzept

Philipp Lahm legte seine Analyse der WM-Fehler ausgerechnet im Karrierenetzwerk "LinkedIn" vor. Seine Kritik ist eine umfassende Kurz-Kritik des Zustands der Nationalmannschaft und ihrer Führung. Gleichzeitig lässt sich daraus der Rahmen eines Zukunftskonzepts lesen. Mit anderen Worten: Philipp Lahm legt hier eine Initiativ-Bewerbung vor. Die Konsequenz: Lahm ist kompetent, hat Erfahrung und ist in der Lage, die Situation zu analysieren sowie Wege in die Zukunft aufzuzeigen. Philipp Lahm sollte im Führungsstab an der Fortentwicklung der Nationalmannschaft mitwirken - entweder zusätzlich oder als neuer Teammanager (statt Oliver Bierhoff).

Ob Lahm tatsächlich diesen Karriereschritt gehen will, bleibt abzuwarten. Die nötigen Fähigkeiten für den Neuanfang bei der Nationalmannschaft bringt er mit. Und er wäre derzeit genau jene Blutauffrischung für das Team hinter dem Team, die er selber in seiner Analyse propagiert. Ob Löw und/oder Bierhoff dann noch eine Zukunft bei der Nationalelf hätten, ist eine spannende Frage.

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