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Kommentar

WM-Kader: Nicht Jogi Löw steht Sandro Wagners Karriere im Weg, sondern sein eigenes Ego

Sandro Wagner erklärt via "Bild"-Zeitung seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Dieser Schritt zeigt deutlich: Joachim Löws Entscheidung, ihn nicht in den WM-Kader zu berufen, war richtig.

Stürmer Sandro Wagner zieht sich im Training einen Pullover über sein Nationalmannschaftstrikot

Sandro Wagners Karriere im DFB-Dress geht nach nur acht Länderspielen und fünf Toren zu Ende

DPA

Klar ist Sandro Wagner enttäuscht, dass Bundestrainer Joachim Löw ihn nicht für die Fußballweltmeisterschaft in Russland nominiert hat. Deshalb hat er nun via "Bild"-Zeitung seinen Rücktritt erklärt: "Ich trete hiermit sofort aus der Nationalmannschaft zurück. Für mich ist klar, dass ich mit meiner Art, immer offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen, anscheinend nicht mit dem Trainerteam zusammenpasse."

Wagner ist unbestritten ein guter Stürmer. Und seine Kritik an Löw ist auch insofern nachvollziehbar, als dass Lautsprecher es beim Bundestrainer tatsächlich schwer haben, berufen zu werden. Kevin Kuranyi hatte im Oktober 2008 das Stadion verlassen, nachdem Löw ihn beim Länderspiel gegen Russland nicht in den Kader genommen hatte. Löw erklärte daraufhin Kuranyis Karriere im DFB-Dress für beendet. Ganz so drastisch ging Löw im Fall Max Kruse nicht vor. Aber nach einer Suspendierung wegen "unprofessionellen Verhaltens" hat Kruse bei Löw einen schweren Stand.  

Es gibt durchaus sportliche Gründe, anderen den Vorzug vor Wagner zu geben. In der Torschützenliste der vergangenen Bundesliga-Saison steht er mit zwölf Treffern gerade mal auf Platz 10. Doch das scheint Wagner nicht zu interessieren. Dass er die Nicht-Berücksichtigung auf eine persönliche Ebene schiebt, lässt ihn als beleidigte Leberwurst dastehen. Löw ist nun einmal Bundestrainer und hat deshalb das letzte Wort in Sachen Kader. Der Erfolg gibt Löw jedenfalls recht.

Selbstbewusste Aussagen von Sandro Wagner

Durch die Art und Weise des Rücktritts dürfte der Bundestrainer sich bestätigt fühlen: Wer seine persönlichen Befindlichkeiten über das Team stellt, hat bei Löw schlechte Karten. "Ich bin in meinen Augen seit einiger Zeit mit Abstand der beste deutsche Stürmer", hatte Wagner im Dezember 2016 der "Bild"-Zeitung gesagt. Vielleicht war es witzig gemeint, aber das kam nicht so recht rüber.

Als die Weltmeisterschaft näherrückte, zeigte Wagner sich im April genervt von den ständigen Journalistenfragen nach seiner Teilnahme an dem Turnier. Aber dann sagte er: "Ich bin mir sicher, dass ich bei der WM dabei bin, ich habe es verdient. Aber ich kann es nicht selbst entscheiden, ich kann nur meine Leistung bringen, die habe ich gebracht. Also ist das Thema, ob ich dabei bin, für mich keine Frage." Das ist es wohl, was Wagner unter "offen, ehrlich und direkt Dinge anzusprechen" versteht. Aus Sicht von Löw dürfte das eher ein Infragestellen seiner Autorität gewesen sein - das, was auch schon Kuranyi und Kruse im DFB-Team einen Karriereknick verschaffte.

Entscheidung bringt mehr Ruhe ins Team

Nils Petersen dagegen macht seinen Job - mit 15 Toren in der Bundesliga sogar besser als Wagner - und bleibt dabei bescheiden. Von ihm hat man keine Forderungen gehört, im WM-Kader stehen zu müssen. Stattdessen gibt er sich freudig überrascht und erweckt den Eindruck, die gebotene Chance unbedingt nutzen zu wollen. Schwer vorstellbar, dass Petersen beleidigt wäre, wenn er in einem WM-Spiel nicht in der Startelf stünde. Noch schwerer vorstellbar ist aber, dass Wagner ein solches Szenario ohne Murren hinnähme. Und das würde dem Bundestrainer die Titelverteidigung noch schwerer machen, als sie ohnehin schon ist.

Anscheinend hat sein Ego Wagner den Blick vernebelt. Sein Rücktritt ist schade - vor allem für Wagner selbst. Bei der EM 2020 wäre er 32, bei der WM 2022 34 Jahre alt. Miro Klose hat bei der WM 2014 mit 36 Jahren noch Tore geschossen. Diese Chance hat Wagner sich nun mit einer Kurzschlussreaktion genommen.

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