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Interview

Heribert Bruchhagen: Debatte um Meinungsfreiheit: "Ich bin mit Stefan Kretzschmar befreundet, aber hier liegt er falsch"

Stefan Kretzschmar hat beklagt, dass Sportler für freie Meinungsäußerungen mit Konsequenzen rechnen müssen. Fußballfunktionär und Ex-HSV-Vorstand Heribert Bruchhagen widerspricht dem Ex-Handballer.

Heribert Bruchhagen findet nicht, dass Sportler ihre gesellschaftliche oder politische Meinung nicht mehr äußern dürfen

Heribert Bruchhagen findet nicht, dass Sportler ihre gesellschaftliche oder politische Meinung nicht mehr äußern dürfen

DPA

Herr Bruchhagen, hat Stefan Kretzschmar Recht, wenn er sagt, dass es für Sportler in Deutschland eigentlich keine Meinungsfreiheit gibt?

Ich bin mit Stefan Kretzschmar befreundet, aber hier liegt er meiner Meinung nach falsch. Es gibt einfach gewisse Regeln, an die sich Sportler halten müssen. Wenn mein Verein zum Beispiel einen Vertrag mit Nike hat, kann ich nicht in Adidas-Klamotten herumlaufen. Höflichkeit gegenüber Hauptsponsoren und Präsenz in den Ehrenlogen gehören auch zu den Dingen, zu denen Spieler erzogen werden. Aber politische oder gesellschaftliche Positionen, da kann sich meiner Meinung nach jeder Sportler äußern, wie er möchte. Profi-Fußballer sind eben öffentliche Menschen und müssen mit den Konsequenzen leben. Wenn Ribéry ein Steak mit Blattgold isst – für das er meines Wissens nicht einmal zahlen musste – dann rauscht das heutzutage millionenfach durch die sozialen Medien.

Gab es früher wirklich so viel mehr Sportler, die sich politisch geäußert haben? Oder ist das eine Verklärung der Vergangenheit?

In den 70er Jahren waren die politischen Positionen viel klarer. Da gab es die linken Willy-Brandt-Fans einerseits und andererseits die Konservativen, die eher an bestehenden Positionen festhalten wollten. Sowas hat man dann im Bus oder sonst irgendwo diskutiert. Die Zeiten waren insgesamt politischer. Heute sitzen halt alle mit Kopfhörer da und jeder ist für sich.

Haben die Medien einen negativen Einfluss auf die Entwicklung der Bundesliga und ihrer Spieler?

Ich bin seit 30 Jahren dabei und damals bekamen alle Bundesliga-Vereine das gleiche Geld. Heute ist das Produkt Bundesliga total aufgeblasen, aber die großen Einnahmen und auch die hohen Zuschauerzahlen verdanken die Vereine den Medien. Es ist in gewisser Weise ein faustischer Pakt, den Medien und Bundesliga da haben, der aber den Vereinen gut getan hat.

Sind die Konsequenzen für Sportler bei "unliebsamen" Äußerungen wirklich so drastisch?

Nein, die sind überhaupt nicht drastisch. Ich habe in meiner Karriere sechs, sieben, vielleicht acht Geldstrafen gegen Spieler ausgesprochen. Keine davon war wegen politischer Äußerungen in einem Interview. Es ging immer um Äußerungen gegen den Trainer oder den Verein. Dann habe ich den Spieler einbestellt und ihm klargemacht, dass er sich zur Vereinspolitik nicht zu äußern hat.

Gibt es da Unterschiede zwischen Fußballern und weniger lukrativen Sportarten?

Das kann ich nicht ganz beurteilen. Ich kann mir aber vorstellen, dass Mäzene im Handball einen größeren Einfluss haben als im Fußball.

Ex-Handballer Stefan Kretzschmar sitzt auf einer Bühne und spricht in ein Mikro in seiner rechten Hand

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