HOME
stern-Gespräch

Comeback nach Doping-Sperre: Maria Scharapowa: "Ich weiß um die Fehler, die ich gemacht habe"

Maria Scharapowa galt mehr als ein Jahrzehnt als das Supermodel der Tennis-Welt, eine Frau ohne Makel. Dann wurde sie wegen Dopings gesperrt. Nun kehrt sie zurück. Ein Gespräch über über Medikamente im Spitzensport, Tränen - und echte Freunde.

Maria Scharapowa über Medikamente im Spitzensport

Maria Scharapowa: "Ich weiß um die Fehler, die ich gemacht habe".

Zurück zu den Wurzeln also: Bollettieri, Tennis-Academy, Bradenton, Florida. Von ihrem siebten Lebensjahr an trainierte hier. Die Grundlage für ihre Weltkarriere, sie hat sie hier gelegt. Nun steht Scharapowa, 30, an einem schwülen Frühlingsmorgen auf dem Hauptplatz und arbeitet sich durch ihre Morgeneinheit. Das Programm: Drills – Vorhand, Rückhand, immer wieder. Ihr Coach, Sven Groeneveld, zieht das Training an, das Comeback am 26. April rückt näher. Beim Porsche-Grand-Prix in Stuttgart wird Scharapowa erstmals wieder aufschlagen. Nie hat die Branche gespannter einer Rückkehr entgegengesehen und selten so zwiegespalten. Die Weltranglisten-Erste, Angelique Kerber, etwa findet es "ein wenig seltsam", dass Scharapowa der Gang durch die Qualifikation per Wildcard erspart bleibt.

Denn die Russin war während der Australian Open 2016 positiv getestet worden auf die Substanz Meldonium, ein Herz-Kreislauf-Mittel, das unter anderem die Durchblutung fördern soll. Einen echten Weltstar hatte es da erwischt, Grand-Slam-Siegerin, ehemalige Nummer eins, Darling der größten Sponsoren. Für milde 15 Monate wurde Scharapowa vom Internationalen Sportgerichtshof CAS gesperrt. Das Gericht sah es zwar als erwiesen an, dass sie gegen die Doping-Richtlinien verstoßen habe, sie aber "keinen signifikanten Fehler" gemacht habe. Scharapowa hatte Meldonium nach eigenen Angaben jahrelang zur Stabilisierung ihrer Gesundheit konsumiert. Als die Substanz am 1. Januar 2016 auf die Dopingliste rückte, habe sie es versäumt, das Mittel abzusetzen.

Nun nimmt Scharapowa, schwarzer Trainingsanzug, zwei Stunden nach dem Training auf der Terrasse des Klubhauses Platz. Wie ist die Stimmung? "Ich hätte mich lieber nach dem Training hingelegt", sagt sie lakonisch. Aber es soll niemand glauben, sie verstecke sich. Ihre Vorgabe: "Fragen Sie, was Sie wollen."

Frau Scharapowa, Sie haben in den vergangenen Monaten erbittert um eine Reduzierung Ihrer Sperre gestritten und diese auch erwirkt. Kehren Sie nun mit dem Furor einer Frau zurück, die es noch einmal allen beweisen will?

(Sie atmet tief durch): Ich denke, das mit dem "Etwas-beweisen-wollen" liegt bereits hinter mir. Früher, als ich ein großes Mädchen war, das sich schlecht bewegte und auf Sand spielte, da sagten viele: Die gewinnt nie die French Open. Sie zweifelten damals, ob ich wirklich ein Champion sein kann. Das ist vorbei.

Malen Sie sich schon aus, wie die Konkurrentinnen Sie empfangen?  

Das ist meine geringste Sorge. Daran habe ich keinen einzigen Gedanken vergeudet.

Vielen Ihrer Kolleginnen bedeutet der Respekt der Gegnerinnen eine ganze Menge.

Ich weiß, dass ich in meinem Bereich respektiert werde. Ich sehe es daran, wie sie gegen mich spielen (ihre Stimme hebt sich kaum merklich). Ich sehe es, wenn sie am Tag vor dem Match auf einem Außenplatz gegen einen Qualifikantin unter Niveau spielen und am nächsten Tag treten sie auf den Center Court und wirken, als hätten sie eine Verwandlung durchgemacht. Das reicht mir als Gewissheit, dass sie mich respektieren. Alles andere? Wie Luft. Nichts von Bestand. Ich muss auch jetzt nicht von allen geliebt werden. Ich frage nicht jeden, wie das Wetter ist.

Der Weltranglisten-Erste Andy Murray zweifelte Ihre Beteuerung an, Sie hätten die Substanz Meldonium aus therapeutischen Gründen genommen. Das zielte auf Ihre Reputation, das kann Ihnen nicht egal gewesen sein.

Wie Sie wissen, habe ich sofort nach Erhalt des positiven Befundes eine Pressekonferenz einberufen. Wenn ich nach einem leichten Ausweg gesucht hätte, wäre es dumm von mir gewesen, der Welt zu erklären, dass ich ein Mittel zehn Jahre genommen habe. Wenn ich etwas hätte verschweigen wollen, hätte ich mich niemals öffentlich so umfänglich erklärt.

Warum haben Sie Murrays Behauptungen nicht vehement zurückgewiesen?

Was soll das bringen, sich in so einem Moment noch auf einen Krieg der Worte einzulassen?  Das ist nutzlos.

Sie standen als Dopingsünderin da –   und schwiegen bei Murrays Angriffen. Man kann das als Schuldeingeständnis verstehen.

Ich war mitten in einer gerichtlichen Auseinandersetzung und konnte schon deshalb nicht sprechen. Nicht dass ich ansonsten auf solche Kommentare geantwortet hätte. Das war nie mein Weg. Und die Person, die sie eben genannt haben, hat mir ja auch persönlich direkt eine unterstützende Botschaft geschickt.

Bizarr.

Was in einem Interview gesagt wird und was persönlich ausgetauscht wird, ist ein riesiger Unterschied.  

Hat Sie das nicht getroffen?  

Ich muss mich seit meinem 17. Lebensjahr mit Dingen auseinandersetzen, die über mich gesagt werden. Am Tag nachdem ich Wimbledon gewonnen hatte, klopften Reporter an der Tür meiner Großeltern – aber nicht, um zum Wimbledon-Sieg zu gratulieren, sondern um sie mit Dreck zu bewerfen: "Sie haben Maria die Kindheit geraubt und sie nach Amerika geschickt!", warfen sie ihnen vor, weil ich mit sieben Jahren nach Amerika gegangen war. Ich trage eine Rüstung, seit ich ein Kind bin – mein ganzes Leben lang. Ich wollte nie meinen Kritikern etwas beweisen. Es ist nicht meine Art, in solchen Fällen zurückzuschlagen. Ich habe darum gekämpft, meinen Sport zurückzubekommen.

Das fällt schwer zu glauben, wenn man Sie auf dem Platz erlebt.

Ja, wer mich auf dem Platz erlebt, wo ich so aggressiv bin und stark, mag falsche Rückschlüsse ziehen. Tatsächlich bin ich eine sanfte Seele. Ich bin nicht auf Wut oder Feindseligkeit oder Missgunst gebaut. Ich habe meine Eltern sehr traurig in dieser ganzen Angelegenheit erlebt, mein Vater war sehr wütend. Ich durchlief diese Trauer auch zu einer gewissen Zeit.

Wie äußert sich das bei Ihnen?

Keine Motivation. Ich verbringe Zeit mit mir, lese, höre Podcasts, ziehe mich zurück. Aber ich bin auch ein offenes Buch. Die Leute in meiner Umgebung wissen, wann ich traurig bin und wann es mir gut geht. Es ist deshalb bizarr, wenn Menschen mir vorhalten, dass ich unterkühlt sei und nicht aus der Deckung komme, denn als Mensch bin ich das Gegenteil.

Flossen auch Tränen?

Ich hatte meine Tiefs. Mich hat die ganze Situation verletzt und belastet, in die ich da geraten war. Die ganze Sache zu akzeptieren, fiel mir unglaublich schwer. Das Schwierigste war, dass ich keine Kontrolle über die Dinge hatte. Ich habe es gehasst: den ganzen Papierkram, in einem Raum mit Leuten zu sein, alle in Anzug und Krawatte, die Decken niedrig, die Atmosphäre grauenhaft. Das bin ich nicht. Ich habe mich sehr klein und verletzlich gefühlt.

Dass es so kam, daran waren Sie allerdings nicht schuldlos. Sie übertrugen die Verantwortung, alle von Ihnen eingenommene Substanzen auf die Vereinbarkeit mit den neuen Anti-Doping-Richtlinien zu überprüfen, im Jahr 2013 Ihrem Manager Max Eisenbud. Der kam Ende 2015 der Aufgabe nicht nach.

Ganz klar. Es lag auch in meiner Verantwortung, dafür Sorge zu tragen, dass er es tut. Ich muss also auch auf mich selbst zeigen. In dieser Situation war ich zu nachlässig und das war mein größter Fehler – und deshalb spiele ich kein Tennis.

In welcher Hinsicht waren Sie nachlässig?

Meine Nachlässigkeit bestand darin, dass ich über acht, neun Jahre Benachrichtigung vom Wada-Labor mit der Unterschrift hatte, dass die von mir genommenen Substanzen legal seien.

Warum haben Sie sich nicht von Ihrem Manger getrennt?

Es ging nie darum, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ich hätte auf so viele Menschen mit dem Finger zeigen können. Aber ich wollte diesen Weg nicht gehen.

Er allein ist doch in letzter Konsequenz Schuld an diesem Urteil, Sie hatten ihm diese wichtige Aufgabe anvertraut.

Rückblickend ist meine größte Enttäuschung, dass etwas so Großes durch etwas so Kleines hätte verhindert werden können.

Was meinen Sie?

Indem mein Agent Max genauer aufgepasst hätte. Indem aber auch der Internationale Tennis-Verband ITF im November 2015 beim Fed-Cup in Prag direkt auf mich zugekommen wäre und mit gesagt hätte, dass es neue Verbote bei gewissen Substanzen geben wird. Auch eine einfache Email über die neuen Dopingrichtlinien hätte gereicht. (Anmerkung der Redaktion: Der Internationale Sportgerichtshof CAS urteilte später, die ITF habe "keine spezielle Warnung" an ihre Athleten herausgegeben, dass die Substanz Meldonium auf die Dopingliste rücken wird. Der CAS wertete dies als Versäumnis und damit strafmildernd.)  

Eine verklausulierte Informationspolitik des Verbandes entbindet Sie nicht von Ihrer Pflicht, sich selbst zu erkundigen, welche Mittel ab sofort verboten sind.

Richtig. Aber dann gibt es da noch einem Mann wie Stuart Miller (Stimme wird lauter), er steht an der Spitze des Anti-Doping-Programms des Internationalen Tennis-Verbandes. 2015 gab es ein Monitoring-Programm (Anmerkung der Redaktion: Doping-Tests wurden 2015 in einer Testphase auf die zu diesem Zeitpunkt noch erlaubte Substanz Meldonium überprüft, ohne positive Tests zu sanktionieren). 27 Tests allein im Tennis waren 2015 positiv auf Meldonium,  fünf waren von mir.

Heißt?

Es gibt also 27 positive Meldonium-Tests im System – aber Miller wusste das nicht?! Wenn es 27 Fälle von Athleten gibt mit einer gezielt geprüften Substanz, die im folgenden Jahr verboten sein soll, warum wurden die Offiziellen nicht proaktiver? Sie sollten bei der ITF dafür Sorge tragen, dass die Athleten über die neuen Dopingbestimmungen unterrichtet sind. Ich habe meinen Teil der Verantwortung öffentlich übernommen, aber es gab auch andere Leute, die Maßnahmen hätten ergreifen können, dass diese Situation vermieden worden wäre – und die bei der ITF gehörten definitiv dazu.  

Eine Verschwiegenheitsverpflichtung soll die ITF gehindert haben, Sie persönlich zu warnen?

Welche Vertraulichkeitsverletzung soll das gewesen sein? Die Aufgabe von Stuart Miller ist es, unseren Sport und die Athleten zu schützen. Ich war ein Teil des Monitoring -Programms, wie viele Osteuropäer, und man kann mich nicht wissen lassen, dass das auf uns zurollt?

Und wenn Miller die betroffenen Personen nicht bekannt waren?

Er wollte nichts wissen. Und das ist für mich der Beweis, dass er seinen Job nicht ordentlich macht.

Zur Einnahme von Meldonium riet Ihnen der russische Arzt Anatoly Skalny, von dem Sie sich nach Ihrem Wimbledon-Sieg 2004 untersuchen ließen. Sie lebten zu dieser Zeit bereits in den USA und hatten dort Zugang zu den besten Ärzten. Warum wählten Sie einen russischen Arzt?

Ich war gerade mal 18 Jahre alt, und mein Vater, der für mich verantwortlich war, sprach nicht sehr gut Englisch: Warum sollte er dann einem amerikanischen Arzt vertrauen, den er kaum versteht?

Die Figur Skalny wirkt auf Außenstehende wie ein Guru. Sind das Vorurteile des Westens?

(Scharapowa lacht). Skalny war ein Kinderarzt, der zuvor noch nie mit Athleten zusammengearbeitet hatte. Sie wollen so einen Mann nicht ernsthaft mit den Sachen vergleichen, die im russischen Sport abgehen.

Hat die allgemeine Doping-Problematik in Russland Ihre Reputation beeinflusst?

Ich musste gegen meine eigenen Dämonen kämpfen. Das hatte nichts mit mir zu tun. Und wurde auch nicht mit mir in Verbindung gebracht.

Skalny riet Ihnen, nicht nur das Arzneimittel Mildronat, in dem Meldonium enthalten ist, einzunehmen,  sondern auch Riboxin und Magnerot. Dazu zahlreiche Nahrungsergänzungsmittel. Das klingt eher ungesund, erst Recht für einen professionellen Athleten. Es sei denn, man will sich dopen. Was sagen Sie zu solchen Anschuldigungen?   

Ich kann Ihnen sagen, dass es ein großer Unterschied ist, ob Sie zehn Monate im Jahr unter maximaler Anstregung Leistungssport treiben und dabei reisen, oder ob Sie ein ruhiges Leben daheim führen. Sie sind körperlich ganz anderen Belastungen ausgesetzt, als wenn Sie an einem Fleck ein normales ruhiges Leben führen. Wenn ich mit 18 Jahren nach Turnieren nach Hause gekommen bin, lag ich vier Tage mit Fieber im Bett – mit 39,5 Grad. Und das fünf, sechs Mal im Jahr. Das ist nicht normal. 

Hatte das Mittel einen direkten Einfluss auf Ihre Gesundheit?

(Augen weiten sich): Oh ja! Es stabilisierte meine allgemeine Gesundheit. Mir ging es darum, mein Immunsystem zu unterstützen. Nach meinem Grand-Slam-Sieg hatte ich so viel mehr Verpflichtungen in meinem Leben, spielte plötzlich über 15 Turniere pro Jahr und mein Körper konnte das nicht verkraften.

Und dann haben Sie diese Routine fortgesetzt...

...weil ich nicht krank geworden bin. Warum sollte ich das nicht tun?

Haben Sie die Supplementierung  nicht etwas übertrieben?

Ich gehe so weit und sage: Der Körper eines Athleten muss unterstützt werden bei der körperlichen Belastung, die wir uns abverlangen, und dem emotionalen Stress. Und ich meine damit nicht zur Leistungssteigerung, sondern für die Gesundheit. Wir versuchen schließlich nichts weniger, als unseren Körper auf ein anderes Niveau zu heben.

Der gesunde Menschenverstand rät bei Überforderung eher zu Pausen.

Wie soll man ein professioneller Athlet sein und den Körper nicht ans Limit pushen? Unmöglich. Ich habe das Zeug genommen, weil ich nicht gesund war.

Der Nutzen von Nahrungsergänzungsmitteln ist in weiten Teilen der Wissenschaft umstritten. Über eine ausgewogene Ernährung hinaus könne der Körper ohnehin nichts aufnehmen, sagen Experten heute.  

Und deshalb hörte ich 2013 damit auf, so viele Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen. Es wurde unerträglich. Das ist ja die Ironie in der Geschichte. Ich habe meinen Arzt damals durch einen Ernährungsberater ersetzt. Ich hatte das Gefühl, dass es in der Wissenschaft eine Verlagerung von pharmazeutischen Substanzen hin zur Ernährung gab. Ich stellte meine Ernährung danach dramatisch um.

Sie verließen 2013 Ihren russischen Arzt Skalny, der bis dorthin Ihre Nahrungsergänzungs- und Medikamenteneinnahme überblickte und mit der Dopingliste abglich. Danach wurden Sie nachlässiger, was die Überwachung der Einnahme Ihrer Mittel anbelangt...

...nicht, was die neuen Substanzen anlangt, die ich nehmen sollte. Da hatte ich ein perfektes System. Ich ließ jede neue Substanz, die ich einnahm, vom WTA-Arzt ausdrücklich genehmigen.

Warum haben Sie die drei Mittel Meldonium, Riboxin und Magnerot weitergenommen, als Sie Skalny verließen, wenn Sie der Pharmazie doch abschworen?

Weil Skalny mir riet, diese auf jeden Fall weiter zu nehmen.

Allein bei den European Games in Baku 2015 wurden 66 Athleten positiv auf Meldonium getestet, ein verdächtig hoher Wert für ein Herzmittel unter Leistungssportlern, finden Sie nicht?    

Und deshalb wurde das Mittel auf der Grundlage, dass viele Athleten es einnehmen, auf die Doping-Liste gesetzt. Es gibt keine validen Studien, seriösen Tests der Substanz wurden nie gemacht. Man weiß nichts – was auch frustrierend ist.  

Tatsächlich ist bis heute umstritten, ob Meldonium die Leistung steigert, dies ergaben auch stern-Recherchen. Warum haben Sie selbst therapeutisch einem Mittel so lange vertraut, das in vielerlei Hinsicht noch so unbekannt ist? 

Sie dürfen nicht vergessen, dass das Mittel in Russland von Millionen Menschen genommen wird. Meine Großeltern nehmen das. Jeder.   

Das ist kein Grund, es zu nehmen.

Es ist aber auch kein Grund, es zu einer verbotenen Substanz zu machen, weil es viele Menschen nehmen.

Was werfen Sie sich in dieser ganzen Angelegenheit wirklich vor, Frau Scharapowa?

Dass ich unachtsam war – und nach Skalny keinen echten Allgemeinmediziner mehr hatte, eine Person, die alles überwacht hat. Ich hatte in New York einen Arzt für meine Schulter, in Minnesota einen für mein Handgelenk. Aber ich hatte nicht die eine Person, die alles überwacht hat.

Haben Sie diese Person gefunden?

Ja.

Wo?

In Spanien. Er ist Teil der Tennis-Szene, er kennt sich aus.

Sie haben ihm nun das gesamte Paket, ihre Krankenakte übergeben?

Alles. Verletzungen, Nahrungsergänzungsmittel.

Heißt, Sie sind jetzt so aufgestellt, wie Sie das sein sollten?

Ja natürlich, ich muss ja aus meinen Fehlern lernen. Hören Sie: Es gibt viele Widersprüche in der Geschichte, ich weiß das: Dass ich nicht mal einen richtigen Arzt hatte, als Top-Athletin, und nun 15 Monate suspendiert bin zum Beispiel. Aber wenn ich es mir beim Betrügen hätte leicht machen wollen, hätte ich mich dann nicht mit einem Haufen Leuten umgeben, die alles doppelt und dreifach checken, anstatt so unvorsichtig und leichtsinnig zu sein? Wäre ich in diesem Bereich nicht super vorsichtig gewesen?

Mildronate dürften Sie nach den Erfahrungen abgesetzt haben. Nehmen sie noch Riboxin und Magnerot?

Nein, nicht einmal die, ich bin im Moment ja körperlich nicht so beansprucht, dass dies notwendig wäre.

Und wenn es jetzt wieder losgeht?

Ich arbeite mit meinem neuen Arzt derzeit daran, einen Ersatz für die weggelassenen Mittel zu finden.

In der Doping-Kontrollakte von Serena Williams fanden sich Mittel, die einer Sondergenehmigung bedurften. Müssen Athleten heute nicht nur bei Vorhand wie Rückhand so nahe wie möglich an die Linien des Erlaubten spielen?

Ich kann verstehen, wenn man diesen Eindruck gewinnt. Aber als Athlet verfüge ich selbst nicht über die Kenntnisse, um wirklich beurteilen zu können, was in Sachen Medikamentennutzung angemessen ist und was nicht. Ich kann mich nur auf das Anti-Doping-Programm verlassen. Ob es genug ist – keine Ahnung. Manche Spieler finden, es sei zu viel, andere sagen: nicht genug.

Sind Sie in den vergangenen zwölf Monaten getestet worden?

Das letzte Mal heute morgen.   

Und 2016?

Mehr als siebenmal.

Haben Sie selbst das Gefühl, dass der Sport sauber ist?

Verglichen zu anderen Sportarten? Ja.

Fragen Sie sich manchmal, ob Ihre Gegnerin sauber ist?

Diese Frage kommt mir nie in den Sinn. Das ist nicht die Geisteshaltung eines Wettkämpfers.

Wie haben Sie sich auf ihr Comeback vorbereitet?

Zunächst nach keinem spezifischen Plan. Ich habe zu Beginn meiner Sperre ein Belastungs-EKG gemacht.  Das gab mir eine Grundlage, was ich verbessern muss. Ich habe ein bisschen mehr Dauerläufe gemacht, was ich in meinem ganzen Leben noch nie gemacht habe. Habe mich von 20 Minuten auf 30 Minuten, von 30 Minuten auf 45 Minuten gesteigert. Dazu kam noch Indoor-Cycling, Boxen, Hiken.

Haben Sie auch in öffentlichen Fitnessstudios trainiert?

Manchmal schon.

Das ist möglich?

Klar.

Geht da nicht das Stieren los?

Nö, ich hab die Atmosphäre genossen. Ich habe ganz normal an den Kursen teilgenommen, habe Yoga gemacht. Es war inspirierend, die Motivation von Menschen zu sehen, die sich nach einem Tag im Büro so sehr puschen können, dass nach 45 Minuten ihr Herz rast, sie klitschnass sind. Bei mir war es ja immer das Ziel, mein Tennis zu verbessern.  

Sie haben sich immer stark über den Wettkampf definiert. Der fiel weg. Wie haben Sie sich motiviert?  

Mental musste ich mich ja nicht für das nächste Turnier vorbereiten.  Ich habe das für mich gemacht. Ich wollte mich auch als Frau gut fühlen, ordentlich aussehen, in Form bleiben. Ich habe nicht nur trainiert, ich habe es sogar genossen. Das war etwas total Neues, eine Wertschätzung dafür zu entwickeln, was der eigene Körper leisten kann.

Wer unterstützte Sie in den vergangenen Monaten?   

Ich habe nicht viele Freunde. Vielleicht fünf. Die sind wirklich meine Felsen in der Brandung. Sie sind in unterschiedlichen Jobs, unterschiedlich alt. Männer, Frauen. Einige kenne ich, seit ich elf bin, einen anderen Freund, seit ich 14 bin. Dazu kommen meine Familie und mein Team.  

Es heißt immer, dass man in Krisen seine wahren Freunde kennenlernt.

Keine Überraschungen.

Heißt?

Es gab nicht eine mir vertraute Person, die mich nicht unterstützt hätte.

Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht, Provokationen etwa?  

Nicht ein Mal.

Kein Getuschel: da kommt sie, die Betrügerin?

Wenn überhaupt, kamen immer wieder mal Menschen auf mich zu, die mir Mut zusprachen. Von Köchen über Piloten am Flughafen, aus jeder Richtung. In einer Phase, in der ich mich sehr schwach fühlte, war das genau das, was ich in solchen Situationen einmal gebraucht habe. Es war  beängstigend, vielleicht nie mehr Tennis spielen zu können. Natürlich war da die Furcht, dass die Pause zu lange andauern könnte. Ich wollte auf keinen Fall auf diese Weise meine Karriere beenden.

Überraschte Sie der Zuspruch?

Ich hatte nie realisiert, wie stark das, was ich gemacht habe, das Leben anderer Menschen beeinflusst hat. Als ich das erkannt habe, habe ich mich zum ersten Mal wirklich besonders gefühlt. Ich habe realisiert, dass ich meinen Sport nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen betreibe. Ich wollte es plötzlich auch für sie. Davor bin ich immer einfach nach Hause zu meiner Familie gegangen, nachdem ich meine Arbeit getan hatte. Vielleicht wollte ich die Verantwortung für andere in jungen Jahren unbewusst nicht, weil es noch mehr Druck auf mich geladen hätte. 

Sie sind 30 Jahre geworden. Spielen Sie vielleicht länger durch die Pause?

Keine Ahnung. Ich habe eine eigene Marke entwickelt, die ich pflegen will. Dann will ich eine Familie gründen. Gerade als Frau endet es an einer bestimmten Stelle. Ich genieße das Leben, unterschiedliche Dinge zu tun. Das letzte Jahr hat mir alles in allem die Sicherheit gegeben, dass ich okay sein werde, wenn es vorbei ist.

Man erlebte Sie zuletzt auffallend fröhlich auf Ihren sozialen Kanälen.

Ich bemitleide mich nicht. Ich fühle mich nicht als Opfer. Lassen Sie es mich so sagen: Ich mag meine Tiefs gehabt haben, aber ich verliere deshalb nicht den Blick für das große Ganze. Es gibt so viele Menschen, auch in meinem engsten Kreis, die schlimmere Dinge zu erdulden haben.

Mit welchen Erwartungen kommen Sie zurück?

Mein Ziel ist die Spitze. Ich muss aber nicht definieren, was die Spitze für mich ist,  so lange ich mich in diese Richtung bewege.

Und was, wenn es an Position 20 nicht mehr weiter geht?

Es ist völlig unmöglich, so zu denken, wenn man ein Grand-Slam-Champion ist,  das Gefühl kennt, Nummer eins zu werden.

Ihr letzter Grand-Slam-Titel liegt drei Jahre zurück. Brauchen Sie noch einen großen Titel für Ihr Glück, wie ihn Roger Federer zuletzt errungen hat?

Nein, ich habe schon sehr oft in meinem Leben gewonnen und war nicht glücklich, weil zum Beispiel etwas in meinem Privatleben schiefging. Gewinnen ist ein großartiges Gefühl, keine Bestimmung. Du hältst die Trophäe hoch und damit ist es auch vorbei. Der Prozess dahin, der ist cool. Er lässt einen wachsen.

Glauben Sie dass sich am Ende Ihre Geschichte durchsetzt, Frau Scharapowa?

Ich habe viel zu hart in meinem Leben gearbeitet, um jetzt keine Stimme zu haben. Die Leute sagen ja, dass es als Frau nicht immer die schönste Option sei, wie ein Tiger aufzuspringen und zu kämpfen.  Es wird nicht immer als korrekt und richtig angesehen. Ich habe mich nicht vor der Welt verkrochen. Ich bin für mich eingestanden. Ich weiß um die Fehler, die ich gemacht habe.

Und wenn am Ende andere die Deutungshoheit über Ihre Geschichte gewinnen?

Ich schreibe meine eigene Geschichte.

Das Interview mit Maria Scharapowa ist dem aktuellen stern entnommen:




Wissenscommunity