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Nations League: Löw: «Das war natürlich eine sehr brutale Niederlage»

Nach der Niederlage gegen die Niederlande spürt der Bundestrainer die akute Abstiegsgefahr in der Nations League. Das kommende Spiel in Paris gegen Weltmeister Frankreich erhebt Löw zur Charakterfrage.

Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw war nach dem 0:3 bitter enttäuscht. Foto: Ina Fassbender

Fragen an Bundestrainer in der Pressekonferenz nach dem 0:3 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Niederlande in Amsterdam.

Wie ordnen Sie diese Niederlage ein?

Joachim Löw: Das war natürlich eine sehr brutale und enttäuschende Niederlage, vor allem auch in der Höhe. Die ersten 25, 30 Minuten waren wir gut im Spiel, hatten es unter Kontrolle. Wir haben uns auch gute Möglichkeiten herausgespielt. Man spürt einfach im Moment, dass wir, wenn wir diese Möglichkeiten nicht machen, nicht dieses Selbstbewusstsein haben, wie wir das schon hatten. Nach dem Gegentor sind wir von unserer Linie abgekommen. Das wäre uns vor ein paar Monaten nicht in dem Maße passiert.

Wie bewerten Sie das Aufbäumen nach dem Pausenrückstand?

Löw: In der zweiten Halbzeit hatten wir einige Möglichkeiten, um zum Ausgleich zu kommen. Ich denke da an Leroy Sané. Im Training sind die Bälle häufig im Tor, im Spiel ist es eine andere Drucksituation. Was nicht passieren darf, ist, dass wir die letzten zehn Minuten so auseinanderfallen, dass keiner die Verantwortung übernimmt. Wenn man dann 0:1 verliert, okay. In den letzten zehn Minuten noch zwei Tore zu kassieren, das sollte nicht der Fall sein.

Sie haben vor dem Spiel Ihrer Weltmeister-Achse das Vertrauen ausgesprochen. Müssen Sie das jetzt hinterfragen? Und warum spielen Hoffnungsträger wie Sané und nicht auch mal von Anfang an?

Löw: Ich habe gesagt, die richtige Mischung ist wichtig. Die jungen Spieler haben schon ein bisschen frischen Wind gebracht in der zweiten Halbzeit, absolut. Aber bei der Chancenverwertung hat man auch bei dem einen oder anderen jungen Spieler gesehen, dass das noch Zeit braucht. Sie haben noch nicht diese ganz große Qualität, am Zenit ihrer Möglichkeiten zu sein. Wir dürfen nicht von den jungen Spielern, die 20, 21, 22 Jahre alt sind, Wunderdinge erwarten. Man hat gesehen, Timo Werner, Julian Brandt, Leroy Sané, auch Serge Gnabry, brauchen noch etwas Zeit. Deswegen ist es immer noch wichtig, dass wir in der Mannschaft eine gute Mischung zwischen Erfahrung und Jugend haben. Diese jungen Spieler haben Potenzial, aber sie brauchen Zeit.

Sie haben gesagt, die Nations League sei nicht der wichtigste Wettbewerb. Aber jetzt ist Abstiegskampf angesagt. Wie sehen Sie das? Und mit welchen Erwartungen reisen Sie jetzt nach Paris?

Löw: Logischerweise ist ein Abstieg in der Nations League nicht unbedingt wünschenswert. Das wollen wir verhindern. Jetzt gilt es, ein paar Gespräche zu führen in den nächsten Tagen und dieses Spiel nochmal genau unter die Lupe zu nehmen. Wir Trainer müssen die richtigen Schlüsse ziehen für das Spiel gegen Frankreich. Wir müssen in Paris als Mannschaft - und auch jeder Einzelne - Charakter zeigen. Wir müssen ausblenden, was auf uns jetzt einprasselt. Wir müssen in Paris möglichst einen Punkt machen und zuhause gegen die gewinnen. Dann haben wir noch irgendwie eine Chance. Wenn wir das nicht tun, steigen wir in der Tat ab.

Was sagen Sie zur Leistung von Neuling im Angriff?

Löw: Er hat auf mich im Training einen guten Eindruck gemacht. Bei Abschlüssen und Flanken hat er einen sehr sicheren Eindruck gemacht. Das Spiel war für ihn schwierig. Wir hatten keinen einzigen Zentrumsstürmer, deswegen hat der Mark gespielt. Er hat ein Näschen für Tore. Wir haben ihn relativ wenig in Szene gebracht.

Jérôme Boateng sah aus, als bräuchte er Erlösung. Warum haben Sie ihm die vorenthalten?

Löw: Wir mussten unsere Wechsel vorne machen. Wir mussten neue Kraft, neue Energie bringen. Es war nach dem Rückstand nicht angesagt, einen Abwehrspieler herunterzunehmen. Es war nur logisch, nur Offensive zu bringen.

Sie sind als Trainer sehr treu einigen Spielern gegenüber, die aber momentan nicht das zeigen, was Sie eigentlich können. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Sie einige Spieler eher nach dem War-Zustand bewerten und nicht nach dem Ist-Zustand?

Löw: Nach dem War-Zustand wird niemand bewertet, sondern immer nach dem Ist-Zustand. Wir haben vor vier Wochen gegen Frankreich, den Weltmeister, auch mit Boateng, Hummels oder Kroos ein gutes Spiel gemacht. Man braucht ein paar Spieler mit dieser Erfahrung, absolut. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass es jetzt nicht nur mit jungen Spielern geht. Wir brauchen schon auch Spieler, die schon etwas erreicht haben.

Und was ist mit Thomas Müller los?

Löw: Thomas Müller hatte in der ersten Halbzeit eine Riesenchance. Im Training hat er einen sehr agilen und frischen Eindruck gemacht. Er hatte nicht diesen Ballast von Bayern München dabei. Er war gefährlich, war beweglich, ist in die Räume gegangen. Man hatte das Gefühl, es ist ein Thomas Müller, wie man ihn kannte. Er hat schon eine große Gefahr ausgestrahlt. In der Vergangenheit hat er diese Torchancen häufig genutzt. Es zeigt, dass viele Spieler ein angekratztes Selbstbewusstsein haben im Moment.

Viele deutsche Journalisten-Kollegen sagten zu mir, dass könnte eines Ihrer letzten Spiele als Nationaltrainer gewesen sein. Was sagen Sie dazu?

Löw: Dafür bin ich der falsche Ansprechpartner. Da müssen wir einen anderen Verantwortlichen holen, der die Frage beantwortet.

Ist das aktuell die schwierigste Phase in Ihrer Amtszeit?

Löw: Schwierig ist es im Moment schon, gerade mit der WM oder nach der WM. Es ist nicht einfach, weil das Selbstverständnis und die Leichtigkeit in unserem Spiel fehlen, auch das Selbstvertrauen. Ein paar Spieler wie Reus, Gündogan, Goretzka, Rüdiger, die für diese beiden Spiele eingeplant waren, fehlen. Und man muss sagen, dass unsere mangelhafte Chancenverwertung ein Problem ist. Wir erzielen keine Tore. Und dann wird es für die gesamte Mannschaft schwierig.

dpa

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