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Olympia 2012: Vorgaben der Bundesregierung offengelegt: Deutsches Team verfehlt Medaillenziel gleich doppelt

Die Olympia-Bilanz sieht mit bislang 38 Medaillen ordentlich aus. Nach dem Wunsch des Innenministeriums hätten es deutlich mehr sein müssen - auch bei den Winterspielen in Vancouver.

Das deutsche Team hat sein Medaillenziel bei den Olympischen Spielen in London deutlich verfehlt. Dies geht aus den am Freitag vom Bundesinnenministerium erstmals veröffentlichten Zielvereinbarungen zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und den Fachverbänden hervor. Demnach waren in London insgesamt 86 Medaillen, davon 28 aus Gold, angestrebt worden. Nach 241 der 302 Entscheidungen hatte das 391-köpfige Team aber lediglich 38 Mal Edelmetall (10 Gold, 17 Silber, 11 Bronze) gewonnen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte sich zunächst geweigert, die Daten zu veröffentlichen. Er wurde gerichtlich dazu gezwungen, die Informationen freizugeben.

Auch bei den Winterspielen 2010 in Vancouver konnten die Sportler das Ziel nicht erreichen. Nach der offiziellen Liste mussten die Athleten 40 Medaillen gewinnen, 14 davon sollten goldene sein. Geholt haben sie 30. Zehn Sportler verließen als Sieger die kanadische Stadt. Für die Winterspiele in Sotschi 2014 sind ebenfalls 40 Plaketten das Ziel - dann soll es sogar 17 Goldmedaillen geben.

Das für Sport zuständige Innenministerium fördert den Spitzensport hierzulande derzeit mit knapp 133 Millionen Euro pro Jahr - Geld für Olympiastützpunkte, Forschungseinrichtungen und Verbände. Als Gegenleistung erwartet es möglichst viele Medaillen. Sie sollen das Ansehen Deutschlands steigern. Bei Nichterfüllung des Planes drohen Geldentzug und Trainerentlassungen. Recherchen der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", ausgewertet gemeinsam mit stern.de, offenbarten die Dimension des fragwürdigen Systems.

Nur Tischtennisspieler und Kanuten erfüllen die Vorgaben

Laut den Unterlagen wurde von den 23 in London vertretenen Sportarten lediglich beim Tischtennis und im Kanu das vereinbarte Ziel erreicht. Die Schmetterkünstler hatten Bronze durch Dimitrij Ovtcharov und Bronze im Team gewonnen. Die Kanu-Flotte hatte die Vorgabe von insgesamt neun Medaillen schon vor dem letzten Finaltag am Samstag erfüllt. Die mit bisher fünf Plaketten dekorierten Leichtathleten hatten in den ausstehenden Wettbewerben noch die Chance, die angestrebte Marke von acht Medaillen, davon zwei aus Gold, zu erreichen.

In Vancouver konnte keiner der Fachverbände seine teilweise ehrgeizigen Ziele erfüllen. Im Skisport wurde die Goldvorgabe mit sechs Siegen erreicht, nicht aber die Gesamtzahl an Medaillen (15:18). Beim Bob- und Schlittenverband wurde die Medaillensumme (10:9) übertroffen, allerdings gab es nur drei statt der angestrebten vier Olympiasege. Curling, Eishockey, Eisschnelllauf, Eislauf und Snowboard blieben teilweise deutlich hinter den gesteckten Zielen zurück.

Geld gegen Medaillen

Ein Berliner Gericht hatte von Friedrich gefordert, die Informationen bis Freitag 15 Uhr zu publizieren. Ansonsten hätte sein Ministerium 10.000 Euro zahlen müssen. Es hatte dagegen Beschwerde eingelegt, aber unmittelbar vor Ablauf der Frist die Übersicht herausgerückt. Auf der Liste werden alphabetisch die Sportarten genannt und welche Medaillen erwartet werden.

"Nach dem Ausgang der Olympischen Spiele (in London - Anmerkung der Red.) werden wir gemeinsam mit dem Sport nach einer sorgfältigen sportfachlichen Analyse die notwendigen Schlüsse für die zukünftige Sportförderung ziehen", kündigte Friedrich an. Der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, sagte, kurz vor dem Ende der Spiele gebe es keine Notwendigkeit, die Angaben länger vertraulich zu behandeln. "Wir hätten sie... ohnehin veröffentlicht."

Im Vierjahresplan des DOSB, der an sozialistische Planwirtschaft erinnert, wurde festgelegt, wie Deutschland bei den Olympischen Spielen in London abschneiden sollte. DOSB-Funktionäre und Beamte versuchten zu verhindern, dass Details aufgeklärt werden. Sie hielten Zahlen und Daten unter Verschluss, verweigerten Auskünfte selbst vor Gericht.

DOSB - fördert und fordert

Was genau die Sportler in Medaillennähe bringt, soll der DOSB als "neutraler Fachgutachter" bewerten. Als Dachverband aller deutschen Sportverbände muss er aber zugleich deren Interessen gegenüber dem Ministerium vertreten. Damit ist der DOSB eine Institution mit zwei gegensätzlichen Aufträgen. Darin sehen viele das Grundproblem des deutschen Sports. DOSB-Chef Michael Vesper bestreitet den Vorwurf, der Verband betreibe Machtpolitik. "Der DOSB ist der Dachverband aller Verbände und da wird nicht willkürlich nach sachfremden Kriterien entschieden, sondern nach Kriterien, die wir gemeinsam in unseren Gremien vereinbart haben."

Kaum ein Verband traut sich, öffentlich zu protestieren. "Ich höre immer wieder von Verbandsvertretern, Verhandlungen über die Zielvereinbarungen seien die pure Erpressung. Aber es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Öffentlich äußert fast niemand Kritik", sagte Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD und Präsident des nicht-olympischen Sportakrobatik-Verbandes. "Die Zielvereinbarungen sind ein Machtinstrument des DOSB."

tso/swd/DPA / DPA

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