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"Athletin A" auf Netflix Doku über Missbrauchsskandal im US-Turnen: Die schreckliche Wahrheit hinter der eleganten Fassade

Sehen Sie im Video: "Athlete A" – Die Netflix-Doku zum Nassar-Missbrauchsskandal im Trailer.
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Vor einigen Jahren erschütterte der Missbrauchsskandal im US-Turnen die Welt. Die Netflix-Doku "Athletin A" zeichnet die Verbrechen des Teamarztes Larry Nassar nach und zeigt die Perspektive der Turnerinnen.

Turnen ist ein Sport, der von der Illusion lebt. Auf der Matte oder an den Geräten geht es nicht nur darum, einfach ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder objektiv besser als ein Gegner zu sein. Die Übungen müssen auch technisch korrekt durchgeführt werden, sie müssen anmutig, leicht und ästhetisch aussehen. Der schöne Schein ist viel wert – vor allem im Damenturnen.

Die schmutzige Wahrheit hinter dieser Fassade enthüllte der Fall Larry Nassar auf schockierende Art und Weise. Nassar arbeitete fast 30 Jahre lang für den US-Turnverband USA Gymnastics, davon 18 Jahre als Mannschaftsarzt der Frauen. 2015 wurden erstmals Vorwürfe öffentlich, wonach Nassar junge Turnerinnen sexuell missbraucht habe. Daraus wurde einer der größten Missbrauchsskandale in der Geschichte der USA überhaupt: Nassar wurde zu insgesamt bis zu 175 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Dokumentarfilm "Athlete A", der auf Netflix zu sehen ist, zeigt, wie das System Nassar funktionierte – und nimmt dabei keine Rücksicht auf den Zuschauer.

"Athletin A" auf Netflix: So klar, dass es fast schon wehtut

In einer Klarheit, die beim Zuhören fast schon wehtut, schildern ehemalige Turnerinnen, wie der Mannschaftsarzt sie bei Behandlungen unangemessen berührte und missbrauchte. Eine Turnerin berichtet sogar von einem Missbrauch, während ihre Mutter im Zimmer war – und nichts bemerkte. Insgesamt beschuldigten mehr als 265 Turnerinnen Nassar öffentlich, darunter auch Simone Biles, die derzeit beste Turnerin der Welt. Für sie alle wurde der Traum von der Turnkarriere zum Albtraum.

Ebendieser Traum war es auch, der es dem Mannschaftsarzt möglich machte, über Jahre nahezu unbemerkt sein Unwesen zu treiben. Die Athletinnen, die meisten von ihnen im Teenageralter oder sogar noch jünger, trauten sich nicht, ihre Karriere durch Vorwürfe gegen den Arzt aufs Spiel zu setzen. Viele hielten die Praktiken Nassars auch für normal – Nassar selbst rechtfertigte verschiedene Arten des Missbrauchs durch angebliche osteopathische Techniken.

Missbrauchte US-Turnerinnen: keine Opfer, sondern Überlebende

Die Doku von Bonni Cohen und Jon Shenk zeichnet den schweren Kampf der Turnerinnen bis zur Gerechtigkeit nach. Sie wollen sich nicht als "Opfer" bezeichnen, sondern als survivors, als Überlebende. So traten sie in dem Prozess gegen Nassar, der im Januar 2018 endete, auf. Die gesamte Sportwelt nahm damals die Enthüllungen schockiert auf.

Im inneren Zirkel von USA Gymnastics waren die Vorwürfe allerdings schon lange bekannt gewesen. Die Turnerin Maggie Nichols hatte sich intern als Erste über Nassar beschwert, weil er sie "komisch berührt" habe. Dennoch hatte die Führung um Verbandspräsident Steve Penny nichts unternommen. In den Akten tauchte Nichols jahrelang als "Athletin A" auf, erst beim Prozess traute sie sich, mit ihrem eigenen Namen und Gesicht aufzutreten.

In der Öffentlichkeit brachte Rachael Denhollander 2016 den Stein ins Rollen, die in einem Interview mit dem "Indianapolis Star" von dem Missbrauch durch Nassar berichtet hat. Daraufhin meldeten sich Dutzende ehemalige Turnerinnen, denen Ähnliches widerfahren war. Eindrucksvoll konfrontierten viele von ihnen ihren Peiniger im Prozess mit ihren Vorwürfen, Gefühlen und Verletzungen. 

"Die Patienten, die sich nun äußern, waren dieselben, die mich damals lobten und immer wieder zu mir zurückkehrten."   Larry Nassar, der ehemalige Teamarzt der US-Turnerinnen, ist wegen wiederholtem sexuellen Missbrauchs in zahlreichen Fällen zu einer Haftstrafe von bis zu 175 Jahren verurteilt worden.   Richterin Rosemarie Aquilina liest einen Brief vor, in dem Nassar sich als ein "guter Arzt" verteidigt.   "Die Medien haben die Frauen überzeugt, dass alles, was ich machte, falsch oder schlimm war. Sie glauben, ich habe ihr Vertrauen missbraucht. Selbst die Hölle kann nicht wüten wie eine verschmähte Frau. Es ist ein richtiger Alptraum. Die Geschichten, die erfunden wurden, um diesen Fall zu boulevardisieren."   "Ich wurde vom Justizminister manipuliert – und jetzt von Aqualina. Ich wollte nur den Stress aller Beteiligten minimieren."   "2015 untersuchte das FBI (meine Behandlungen) und fand nichts Bedeutendes, weil es medizinische Untersuchungen waren. Jetzt suchen sie nach medialer Aufmerksamkeit und finanzieller Belohnung."   "Möchten Sie Ihr Plädoyer zurückziehen?"   "Nein, Frau Vorsitzende."   "Weil Sie schuldig sind, oder nicht? Sind Sie schuldig?"   "Ich habe mein Plädoyer bekanntgegeben, genau."   Nassar war im Dezember wegen des Besitzes von kinderpornografischen Materialen bereits zu 60 Jahren Haft verurteilt worden.
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Kinder im Leistungssport – ein gnadenloses System

Der Prozess gegen Larry Nassar fand großes öffentliches Interesse und gewährte bereits Einblicke in die grausamen Zustände im US-Turnen. Die Netflix-Doku zeigt noch einmal deutlicher, in welches System Nassar und die Turnerinnen eingebettet waren, sodass der Missbrauch jahrelang im Verborgenen weitergehen konnte. Selbst Weltklasse-Turnerinnen sind oft noch Teenager, die meisten von ihnen kommen schon mit zehn Jahren in die Obhut von Trainern, die sie mit teils brutalen Methoden zu Athletinnen auf höchstem Niveau formen wollen.

"Man konnte so grausam wie nötig sein, um aus Sportlern rauszuholen, was man wollte", erinnert sich Jennifer Sey, US-Landesmeisterin von 1986. Der Übergang zwischen gnadenlosem Training und Missbrauch sei oft fließend gewesen. Den Sportlerinnen wurde systematisch ihr Selbstwertgefühl geraubt, wer aufmuckte, lief Gefahr, seinen Platz zu verlieren. In ihrem jungen Alter war vielen, an denen Nassar sich verging, gar nicht klar, welches Unrecht ihnen geschah. Nassar erschlich sich das Vertrauen der Mädchen, er sei der einzige nette Erwachsene in jenem Umfeld gewesen, erinnert sich eine Turnerin. Er nutzte aber auch das Klima der Angst aus, das in den Trainingscamps herrschte. 

"Athletin A" stellt zu Recht die Stärke der Sportlerinnen in den Vordergrund, die öffentlich über ihre Erlebnisse sprechen und mit ihren Vorwürfen wahrscheinlich noch viele andere Mädchen vor ähnlichen Erlebnissen bewahrt haben. Deutlich erkennbar ist aber auch, welche psychischen Schäden sie aus ihrer Turnkarriere davongetragen haben. Sicherlich in erster Linie durch einen perversen Mannschaftsarzt, mindestens indirekt aber auch durch ein System, das Minderjährige mit aller Macht zu Leistungssportlern trimmen will. Daran sollte man denken, wenn man spätestens bei den nächsten Olympischen Spielen wieder bewundert, wie 15-Jährige scheinbar schwerelos durch die Luft schweben.


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