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Muhammad Ali ist tot: The Greatest

Er war der größte Boxer und eine politische Ikone für viele Schwarze Amerikas: Muhammad Ali. Mit seinem Stil veränderte er nicht nur seinen Sport. Eine Würdigung zum Tode von Cassius Clay.

Von Nico Stankewitz

Muhammad Ali

Muhammad Ali galt als der beste Boxer aller Zeiten.

Sein schwerster Kampf war der gegen Parkinson, er hat ihn nun verloren. Box-Legende Muhammad Ali ist im Freitag in einem Krankenhaus Phoenix an den Folgen seiner langen Erkrankung gestorben. Der "Greatest of All Time" wurde 74 Jahre alt - und konnte auf eine außergewöhnliche Box-Karriere zurückblicken.

Großmäulige farbige Jungs gibt es in Kentucky viele, aber dass dieser Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali nennen sollte, etwas Besonderes war, wurde schon früh in seiner Karriere klar. Am 17. Januar 1942 in Louisville geboren, hatte sich Clay in atemberaubender Geschwindigkeit in die Spitze der Amateurboxer in den USA geboxt. Clay war schneller und beweglicher als alle Konkurrenten, konnte hart schlagen und war vor allem intelligent und flexibel im Ring.

Muhammad Ali: Das Leben des "Greatest of All Time" in Bildern
Muhammad Ali

Laut, schwarz, erfolgreich: So sah sich Ali am liebsten.


Weltmeister mit 22 Jahren

Schon mit 18 Jahren gewann der schlaksige Kerl aus Louisville die Goldmedaille im Halbschwergewicht bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom. Der Junge wurde Profi und erregte durch glatte Siege und seine große Klappe schnell Aufsehen. In kleine Gedichte verpackte er seine meist zutreffenden Kampfprognosen und wurde zur kommenden Attraktion.

Berühmt wurde Cassius Clay, als er mit gerade 22 Jahren am 25. Februar 1964 in Miami Beach seinen ersten Weltmeisterschaftskampf gewann. Der gefürchtete Titelverteidiger Sonny Liston hatte die Schwergewichtskrone von Floyd Patterson gewonnen, den er zweimal in kürzester Zeit vernichtend geschlagen hatte. Liston war ein harter, brutaler Schläger, der von allen Boxexperten und Wettbüros als haushoher Favorit gehandelt wurde. Doch nach sechs dramatischen Runden gab Liston schwer getroffen auf - der gerade 22-Jährige Clay war Weltmeister. Im Rückkampf gegen Liston besiegte Clay seinen Gegner dann durch K.o. in der ersten Runde und etablierte sich als Weltmeister im Schwergewicht.

Cassius tanzt den Ali-Shuffle

Neben seinen großen Sprüchen, die für ein lautes Medienecho sorgten, fielen jetzt auch den seriösen Boxkritikern Clays außerordentliche Fähigkeiten auf. Der 1,90 Meter große Boxer war dabei der vermutlich schnellste Schwergewichtler aller Zeiten und konnte sehr hart schlagen. Zudem zeigte er bereits gegen Liston (und später dann regelmäßig) erstaunliche Nehmerqualitäten. Vielleicht das Bemerkenswerteste an seinem Boxstil war die später als "Ali-Shuffle" bekannt gewordene Beinarbeit, sich blitzschnell mit kleinen Tanzschritten im Ring zu bewegen.

Schon vor seinem Titelgewinn hatte Clay mit dem islamischen Glauben und der "Nation of Islam", einer etwas verqueren Sekte unter Führung des Predigers Eljah Muhammad, geliebäugelt. Nun, als Weltmeister, bekannte er sich zu dieser Organisation, die den Islam mit einer obskuren Rassenethik verquickte und die Afro-Amerikaner zu radikalem Widerstand aufrief. Ein Mitglied der Nation of Islam war Malcolm X, eine Identifikationsfigur für die Farbigen insbesondere in den Großstädten und ein persönlicher Freund Alis. Nach dem Willen von Eljah Muhammad sollte Cassius Clay seine "Sklavennamen" ablegen und sich stattdessen "Muhammad Ali" nennen. Was der Boxweltmeister auch tat. Die Nation of Islam war zudem ein Schutz für Ali gegen die Mafia, die zuvor das Box- und Wettgeschäft beherrscht hatte, sich aber offenbar nicht mit religiösen Fanatikern anlegen wollte. In den späten 60er-Jahren löste Ali sich immer mehr von der Nation, ab Mitte der 70er-Jahre war er sunnitischer Muslim, ohne einer Sekte anzugehören. 

"Schweb wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene"

Zur Legende und zum Symbol der Friedensbewegung wurde Ali, als er den Kriegsdienst verweigerte und als Grund anführte, dass ihn "kein Vietcong jemals Nigger genannt habe". Gleichzeitig bekam seine Karriere eine dramatische Wendung, denn er wurde wegen seiner Haltung in jahrelange Rechtsstreitigkeiten verstrickt. Dadurch verlor er seine Boxlizenz und den Titel im Schwergewicht. Fast vier Jahre, von 1967 bis 1971, konnte Ali keinen ernsthaften Kampf bestreiten und verlor Millionen an Einnahmen und einige gute Jahre seiner Karriere.

"Schweb wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene" war Alis legendärer Slogan im Kampf gegen Liston gewesen. Kreiert hatte der spätere Weltmeister ihn mit Hilfe seines "spirituellen Ratgebers" Drew "Bundini" Clarke, einem farbigen Juden, der die Hauptrolle in Alis Entourage spielte - ein schillernder Wanderzirkus, der den Boxer auf alle Kontinente begleitete.

Wichtigster Mann an Alis Seite war Angelo Dundee, der als Trainer die komplette Vorbereitung aller Kämpfe organisierte und großen Anteil an der Karriere Alis hatte. Nach seinem letzten Kampf trainierte er mit Sugar Ray Leonard einen weiteren legendären Boxer. Ebenfalls mit Ali unterwegs war über Jahrzehnte sein späterer Biograf, der Fotograf Howard Bingham. All diese Gestalten gewannen im Laufe von Alis Karriere geradezu mythischen Status. Genau wie viele andere Details seines Lebens. Sagenumwoben etwa ist sein Trainingscamp in Deer Lake, Pennsylvania, wo auf große Felsblöcke die Namen seiner besiegten Gegner gemalt waren, der Stein mit der Aufschrift "Liston" war zuerst von der Auffahrt aus sichtbar.

Ali gegen Frazier - Rückkehr im Ring

Nach über dreieinhalb Jahren Zwangspause kehrte der ungeschlagene Weltmeister Ali in den Ring zurück und traf auf den amtierenden ebenfalls ungeschlagenen Weltmeister: Joe Frazier. Drei Kämpfe fochten die beiden miteinander aus - und jedes dieser Duelle gehört zu den ganz großen der Sportgeschichte und den berühmtesten Boxkämpfen überhaupt. Das erste Aufeinandertreffen von Ali und Frazier fand im New Yorker Madison Square Garden am 8. März 1971 statt. Ali merkte man die lange Pause noch deutlich an und gegen einen hochmotivierten Frazier unterlag er nach Punkten - seine erste Niederlage überhaupt. Ali verlangte einen Rückkampf, aber Frazier entschied sich dagegen und unterlag prompt im Januar 1972 gegen George Foreman, der sich damit den Titel holte. Ali unterlag auch gegen den aufstrebenden Ken Norton, sicherte sich dann aber mit Siegen gegen Norton und Frazier die Chance auf einen Titelkampf.

Die Rückkehr von Muhammad Ali an die absolute Spitze fand im Herbst 1974 in Zaire (dem heutigen Kongo) statt, wo Diktator Mobutu und der aufstrebende Promoter Don King einen Weltmeisterschaftskampf gegen den neuen Champion George Foreman veranstaltete, den "ersten von Schwarzen finanzierten Weltmeisterschaftskampf". Im Stadion in Kinshasa gewann Ali mitten in der Nacht den "Rumble in the Jungle" (Schlägerei im Dschungel) getauften Kampf gegen den hochfavorisierten Foreman durch K.o. in der achten Runde und brach damit eine der goldenen Regeln des Boxsports ("They never come back"). In einer taktischen Meisterleistung gelang es Ali, den Favoriten mit ungewöhnlichen Manövern zu ermüden, ohne sich selbst schwere Treffer einzufangen. Gegen alle Erwartungen hatte der Herausforderer diesmal nicht getanzt, um sich den harten Schlägen seines Gegners zu entziehen. Weil Ali seine Kampstrategie selber festlegte, verdiente er sich im Herzen Afrikas endgültig seinen Beinamen "Professor des Boxens".

Der "Thriller in Manila"

Das dritte Aufeinandertreffen von Ali und Frazier sollte an Dramatik alle Duelle in den Schatten stellen. Diesmal war es der philippinische Diktator Marcos, der die Kampfbörse übernahm und sich die globale Aufmerksamkeit sicherte. Bei brütender Mittagshitze von über 40 Grad in Quezon City (der Kampf musste zur amerikanischen Primetime ausgetragen werden), bekämpften sich die beiden Veteranen am 1. Oktober 1975 über 14 lange Runden. Als Frazier vor der 15. Runde schwer gezeichnet aufgab, sackte auch Ali in der Ringecke zusammen, nur reine Willenskraft hatte die beiden Männer bis hierher durchhalten lassen.

Der Kampf übertraf als mediales Großereignis alles zuvor da gewesene, erstmals gab es wirklich ein "globales Dorf", saß ein Milliardenpublikum weltweit vor den Fernsehschirmen. Diese Boxkämpfe machten Dritte-Welt-Länder über Nacht bekannt und verbanden gleichzeitig die Kontinente, Vorboten der erst zwei Jahrzehnte später einsetzenden Globalisierung. Ali war mit seiner enormen weltweiten Popularität die perfekte Symbolfigur für diese Entwicklung, an seinem sportlichen und persönlichen Schicksal nahm wirklich die ganze Welt Anteil.

Ein Kämpfer auch außerhalb des Rings

Allerdings war Ali bereits im Spätherbst seiner Karriere. Die Anfänge der tückischen Parkinsonschen Krankheit machten sich bemerkbar, nur noch ein Höhepunkt blieb ihm: Zwar unterlag der Weltmeister 1978 überraschend gegen den Olympiasieger von 1976, Leon Spinks. Doch danach brachte sich Ali noch einmal in Topform und holte genau sieben Monate nach der Niederlage den Titel zurück. Zum dritten Mal setzte sich Ali die Krone des Champions aller Verbände im Schwergewicht auf - eine einmalige Leistung in der Geschichte des Boxsports. Aber die Krankheit machte ihm zu schaffen, am 27. Juli 1979 erklärte Ali seinen Rücktritt vom Boxsport. Den Titel verlor er am 2. Oktober 1980 an seinen früheren Sparringspartner Larry Holmes, Alis große Karriere war beendet.

Doch Ali kämpfte außerhalb des Rings weiter: Gegen seine Krankheit, gegen soziale Ungerechtigkeiten, gegen Rassismus, für den Sport. Der in den USA umstrittenste Sportler der 60er-Jahre wuchs in die Rolle eines "moralischen Gewissens" hinein, bis ihn die Krankheit schließlich zum Verstummen zwang. Ein letzter anrührender Moment vor einem Milliardenpublikum fand 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta statt, als Ali das Olympische Feuer entzündete. 54-Jährig, schwer von der Krankheit gezeichnet, war es auch so etwas wie eine Aussöhnung von Ali mit Amerika. 1999 wählte das IOC Ali zum Sportler des Jahrhunderts, 2005 verlieh US-Präsident George W. Bush ihm die "Medal of Freedom", die höchste zivile Auszeichnung in den Vereinigten Staaten. Auch eine Ehrendoktorwürde wurde ihm zuteil.

Nun ist Muhammad Ali am Freitag in Phoenix, Arizona an den Folgen seiner schweren Erkrankung gestorben. Er war am Donnerstag mit Atemproblemen ins Krankenhaus eingeliefert worden. Der "Greatest of All Times" wurde 74 Jahre alt.

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