VG-Wort Pixel

Wladimir Klitschko besiegt David Haye Box-Krieger feiern ihr Friedensfest


Sie wollten einen Krieg entfachen, inszenierten aber ein Friedensfest. David Haye blieb beim Kampf des Jahres um den WBA-Schwergewichtstitel passiv, Wladimir Klitschko tat nicht mehr als nötig - und die Zuschauer saßen im Regen.
Von Stephan Draf, Hamburg

Als David Haye kurz nach zwei Uhr morgens die Pressekonferenz nach dem großen Kampf um die Schwergewichts-Weltmeisterschaft aller Boxverbände eröffnete, lag in seinem Statement etwas sehr Vorhersehbares: Er hasse es, so der Engländer, wenn Kämpfer nach einer Niederlage eine Verletzung dafür verantwortlich machen. Dann griff Haye, der seinen WBA-Gürtel zu Klitschkos WBO-, IBF- und IBO-Trophäen in den Ring geworfen hatte, das Mikrophon fester und redete fünf Minuten lang über den gebrochenen kleinen Zeh seines rechten Fußes, der es ihm – der ja, nicht wahr, sehr von seiner Beinarbeit lebe – unmöglich mache, seine wahre Leistungsstärke abzurufen. Seit Wochen schon trage er meist Flip-Flops, der Zeh sei inzwischen auf doppelte Größe angewachsen. Ein Seufzen ging durch die Reihen der Berichterstatter.

Der ganze Abend hatte ja schon mit Absehbarem begonnen: Regen in Hamburg, 14 Grad, im Juli. Doch, doch, damit ist in der Hansestadt immer zu rechnen. Und es hatte für die überwiegende Mehrheit der Zuschauer, jene auf den etwas billigeren Sitzen im Fußballstadion des Hamburger Sportvereins, ja durchaus etwas Erheiterndes: Denn ausgerechnet die teuren Plätze hatten die Veranstalter nicht vor dem Dauerregen schützen können - dort verläuft in der Bundesliga normalerweise der Anstoßkreis. Was erstens zur Folge hatte, dass man auf den billigen Plätzen zwar weiter weg vom Geschehen, dafür aber trocken saß. Und zudem etwas zu gucken hatte: An die VIPs und Begüterten wurden nämlich lustige Plastikcapes ausgegeben, welche die Zuschauer wie prall gefüllte Einkaufstüten aussehen ließen. Zu allem Überfluss hatten die Verantwortlichen für den Überwurf die Farbe Rosa gewählt – was dem Regenschutz zusätzlich etwas Kondomiges verlieh.

Ebenfalls nicht unerwartet: Englische Fans sind laut, nicht nur beim Fussball, vor allem wenn sich 10.000 zusammen finden. Und sie können prima singen, auch das kennt man. Und so intonierten die Haye-Anhänger schon lange vor dem Kampf das Lied von der Königin, die der Herrgott doch retten und beschützen möge, und auch für den Haupt-Event hatten sie sich etwas ausgedacht: Zu den Klängen der Fußball-Hymne "Football is coming home" grölten sie "Klitschko is going down" so inbrünstig, dass die Anfeuerungsrufe für den Ukrainer fast untergingen. Humor haben sie ja ohnehin, die Briten: Als auf der Großleinwand im Stadion kurz vor dem Kampf ein Mensch namens Till Schweiger interviewt wurde, schallte ihm ein tausendfaches, höhnisches "Who are you - wer bist du denn" entgegen. Boris Becker immerhin war den Engländern bekannt, sie buhten ihn herzhaft aus. Vorhersehbar, na klar.

Mit dem Gong kam Langeweile auf

Dann betraten die Boxer ernsten Blickes den Ring, der Gong schlug und die Überraschung nahm ihren Lauf: Wohl nur wenige Zuschauer und Boxexperten hatten damit gerechnet, einem derart ereignisarmen Kampf beiwohnen zu müssen – immerhin hatten die Kontrahenten ja Köpfe rollen lassen wollen (Haye) oder unbedingt den 50. K.o. und Bestrafung des Gegners gewollt, für wiederholte Unverschämtheiten (Klitschko). Aber es kam ganz anders: Über die Distanz von zwölf Runden war der Kampf vor Langeweile kaum auszuhalten.

David Haye war von Anfang darauf bedacht, möglichst wenige Treffer zu bekommen - allerdings legte er es auch gar nicht darauf an, selber Wirkung zu erzielen. Ja, der Mann kann sich schnell bewegen, er kann Schlägen gut ausweichen, sie meiden. Und Finten, das Antäuschen eines Schlages, beherrscht er nahezu perfekt - allerdings vergaß er das Selberhauen zeitweise fast völlig. Als Wladimir Klitschko in der 5. Runde den ersten und einzigen echten Treffer des gesamten Kampfes setzte, eine ernsthaft kraftvolle Rechte, keimte bei den Zuschauern aller Sitzkategorien noch einmal Hoffnung. Der Kampf des Jahres, beginnt er vielleicht erst jetzt? Nein, er war schon wieder zu Ende: Haye machte fortan nichts. Und Klitschko nicht mehr, als er musste. Immerhin: Nach dem Kampf bedauerte er, dass er den 50. K.o.-Schlag seiner Laufbahn verpasst hatte. "Beim nächsten Mal ist es soweit."

Lieber rechtzeitig raus aus dem Regen

Natürlich mag man sagen, dass Klitschkos exzellent gesteuerte Führhand seinem Gegner Haye keine Chance ließ, an den größeren Mann heranzukommen. Natürlich mag man einwenden, dass Haye, trotz Aua-Zeh, immer noch so flink auf den Beinen war, dass Klitschko einen riskanten Ausfall hätte wagen müssen, um Haye entscheidend und mit finaler Wirkung zu treffen. Aber 90 Prozent der Zuschauer werden während dieses Kampfes mehrmals gegähnt haben - was nicht im Sinne der beiden veranstaltenden Brüder Vitali und Wladimir gewesen sein kann. Das Urteil, ein klarer Punktsieg für Wladimir Klitschko, bekamen eine Menge Leute gar nicht mehr mit, sie waren schon vorher aus dem Regen geflohen.

Als "Krieg" hatten die beiden den Kampf titulieren und plakatieren lassen, in der Pressekonferenz hörte sich das so an: "Ich danke Dir, David, dass Du mich durch Deine Aktionen vor dem Kampf so stark motiviert hast", sagte Klitschko und schloss: "I love you, David". I love you! Nein, nein: Von Krieg war nichts zu spüren, an diesem Abend in Hamburg. Und am Ende herrschte gar tiefster Friede. Das war - letzten Endes - eine Überraschung.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker