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Die Treuen der Treuen: Ultras – eine Jugendkultur, die die Tradition bevorzugt

Jeder Fußballfan kennt die Ultras. Doch kaum einer versteht ihren leidenschaftlichen Einsatz. Oft kritisch, immer wieder mit Pyrotechnik, manchmal gewalttätig. Über eine Szene, die so vielfältig ist, wie die Menschen in den Stadien.

Umstrittene Fangruppierungen: Was sind eigentlich Ultras?

Es ist der bisherige Tiefpunkt einer schon lange schwelenden Diskussion. Das Erstrundenspiel im DFB-Pokal zwischen Hansa Rostock und Hertha BSC Berlin. Ein Spiel, das aufgrund seiner fußballerischen Qualität nicht viel mehr als eine kurze Meldung wert gewesen wäre, erhitzt auch Tage danach die Gemüter des deutschen Fußballs. Und sogar darüber hinaus. Bilder, die zeigen, wie Hertha-Fans Bengalos zündeten und Rostocker Ultras mit brennenden Bannern und Sitzschalen für eine 18-minütige Spielunterbrechung sorgten, zogen durch die deutsche Medienlandschaft. Die Tatsache, dass im Ostseestadion der Auswärtsblock neben der Hansa-Kurve liegt, begünstigt in Rostock Ausschreitungen zwischen den rivalisierenden Fans.

Etliche Kommentare und Stellungnahmen von Journalisten und Verantwortlichen griffen ein Thema auf, das kurz vor dem Bundesligastart noch einmal hochgekocht ist. Doch wie viele polarisierende Themen rückt auch dieses Aussagen von Menschen in den Fokus, die von den Ultras offenbar wenig verstehen. Dass die Ultras der Presse nicht besonders zugetan sind, ist allgemein bekannt. In der Boulevardpresse werden die Fans oft aufs Schärfste kritisiert und mit Hooligans gleichgesetzt. Dem stern erklärte ein kundiger Beteiligter, wer die Ultras sind, wofür sie stehen und warum die Szene so heterogen ist. So, wie Hunderttausende Fans, die an den Wochenenden in deutsche Stadien strömen.


Ultras vs. DFB

Die Angst beim Deutschen Fußball-Bund vor mehr Gewalt ist so groß wie nie – und das, obwohl die Bundesliga-Saison jetzt erst beginnt. Der DFB in Person von Präsident Reinhard Grindel kündigte den Ultras Anfang der Woche ein Entgegenkommen an: "Wir wollen ein Zeichen setzen, um gemeinsam in den Dialog einzutreten." Gemeint ist hiermit die vom DFB geplante Abschaffung der Kollektivstrafen.

Ein "Umdenken" solle stattfinden, um weitere Konflikte mit der Fanszene abzuschwächen. Seit Jahren setzten Ultra-Gruppierungen die Abschaffung von Kollektivstrafen als zentrale Bedingung für eine Kommunikation mit dem DFB voraus. Da stellt sich die Frage, warum der Fußball-Bund erst jetzt mit diesem Ansatz versucht, die Distanz zwischen Verband und Fanszene zu verringern.

"Verstehen, was es heißt, Ultra zu sein"

Die Fanszene ist sauer. "Der Verband hat mit einigen Entscheidungen maßgeblich dazu beigetragen, dass die Stimmung derzeit so erhitzt ist", erklärt Ole Schmieder dem stern. Er ist Sozialarbeiter beim "HSV-Fanprojekt" und kümmert sich seit Anfang des Jahres um junge Fans bei den Rothosen. "Um diesen Konflikt zu verstehen, müsse man zunächst einmal verstehen, was es überhaupt heißt, Ultra zu sein und wer diese Leute sind", so Schmieder. 

Seinen Ursprung haben diese Gruppierungen in den 1950er Jahren in Italien. Dort schlossen sich erstmals mehrere Fans zusammen, um ihren Verein zu unterstützen. Diese Bewegung schwappte Ende der 80er Jahre nach Deutschland. Spätestens seit der Jahrtausendwende hat jeder Erst-und Zweitligist, ja sogar manche Amateurvereine, mindestens eine Ultra-Gruppierung.

Doch den typischen Ultra gibt es nicht, jede Gruppierung ist individuell. So existieren politisch eher links orientierte Gruppen, aber auch rechtsgesinnte Ultras. Viele halten aber auch den Fußball als Bühne für ihre politischen Weltanschauungen für ungeeignet. Darüber hinaus kommen gewaltbereite Splittergruppen vor. Manche Vereine haben sogar mehrere Ultra-Gruppierungen, die sich gegenseitig nicht immer mit Respekt begegnen.

Die Vorkommnisse in Rostock zeigen aber auch, dass bestimmte Gruppen innerhalb der Szene Gewalt nicht ablehnen. Brutale Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Ultras gehören auch zum Alltag. Dass immer wieder unbeteiligte Fans ins Kreuzfeuer geraten und manchmal auch verletzt werden, trägt maßgeblich zum schlechten Image der Ultras bei. 

Die Doppelmoral der Verantwortlichen

Im Gespräch mit Schmieder wird der Kosmos dieser Fankultur deutlich. Anders als in vielen Berichten zu lesen, wollen die Ultras mitreden. In der deutschen Medienlandschaft wird oftmals das Bild gewaltbereiter Fangruppierungen propagiert. So werden die "organisierten Fans", wie sie Schmieder nennt, meist über einen Kamm geschert. Dabei geht häufig der Aspekt verloren, dass ohne die Ultras die Stimmung in deutschen Stadien kaum vorhanden wäre.

"Ultra zu sein heißt zunächst, einen Großteil seiner Freizeit aufzugeben. "Es geht gar nicht darum, nur Fan eines Vereins zu sein, sondern man ist quasi eine große Clique, die alles zusammen macht: sich Choreografien ausdenkt, in die zum Teil tausende Euros aus eigener Tasche gesteckt werden, Fahnen bastelt oder Auswärtsfahrten organisiert, das gehört dazu."

So fortschrittlich das Entgegenkommen des DFB auch sein mag, in der jüngeren Vergangenheit hat seine Glaubwürdigkeit gelitten: Durch unaufrichtiges Verhalten hat er sich von der Fanszene entfernt. "Das macht doch die Bundesliga so attraktiv – die tollen Gesänge und die Choreografien", sagte Ole Schmieder. Der Verband weiß das auch, nur sind ihm die Bilder von brennenden Bengalos ein Dorn im Auge: Sie stehen in starkem Kontrast zu den aufwendigen Choreos und der Fankultur in deutschen Stadien, die zu den stimmungsvollsten Europas zählen.

Teil einer Bewegung sein

Die Ultras beim Hamburger SV sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. "Es ist eine Jugend-/Subkultur wie beispielsweise Hip-Hop oder früher Punk, die vor allem durch alle sozialen Schichten geht", erklärt der Sozialarbeiter. Das heißt, nicht ausschließlich für etwas einzustehen, sondern auch gegen etwas zu sein, wie die jüngste Debatte um den "Graben" zwischen Kommerzialisierung des Fußballs und der Fankultur zeigt.

"Man muss sich das mal vorstellen, der DFB hatte tatsächlich Pläne, die chinesische U20-Nationalmannschaft am Spielbetrieb der Regionalliga-Südwest teilnehmen zu lassen, um eine bessere Vermarktung in China zu erzielen", erzählt Schmieder und fügt hinzu: "Genau so etwas vergrößert doch den Graben zwischen der Fanszene und dem Verband."

Warum keiner die Ultras versteht

Subkulturen sind keinesfalls neu und auch nicht außergewöhnlich. Für viele Jugendliche und junge Erwachsene zählt die bedingungslose Liebe zum Verein. Dass sich diese Vereinstreue nicht nur in kreativen Choreos und lautstarkem Support auf der Tribüne äußert, leuchtet aber vielen nicht ein. Die Ultras beharren auf die Legalisierung von Pyrotechnik, die ohnehin schon nahezu jedes Wochenende in deutschen Stadien im Einsatz ist. Die breite Öffentlichkeit kann nicht verstehen, was sie damit bezwecken wollen.

Warum sich, wie am Montag in Rostock, verfeindete Fangruppen einen Revierkampf auf öffentlicher Bühne liefern müssen und dadurch andere Stadionbesucher gefährdet werden, verstehen die meisten nicht. Ultras wollen respektiert werden für das, was sie machen. Sie wollen den Verein als Fangruppe repräsentieren und stehen für den Erhalt der Fankultur, zu der ihrer Meinung nach auch Pyrotechnik und die Auseinandersetzung mit rivalisierenden Gruppen gehört. Sie stehen für ihre Ideale ein und gegen den Kommerz im Fußball. Für faire Ticketpreise und gegen repressive Strafen der Verbände. Die Fangesänge und die Stimmung werden in der Regel von dem sogenannten Capo (ital. Anführer) initiiert. So weit kann man die Ultra-Szene verallgemeinern. Alles, was darüber hinausgeht, wofür die einzelnen Gruppen stehen, dazu gehören die politische Einstellung und gewisse Werte und Normen, ist bei jeder Gruppierung anders.

Ultras informieren Fans über Aktionen und Meinungen

Treue Stadiongänger werden es kennen: Die meisten organisierten Fans informieren vor jedem Spiel die Zuschauer auf ihrer Tribüne über das aktuelle Geschehen im Verein und zur aktuellen Lage im deutschen Fußball über die "Kurven-Flyer". Darin ist auch häufig zu lesen, wofür die Gruppe steht, was sie kritisiert und wovon sie sich distanziert.

Der Konsens ist bei allen eindeutig: Sie wollen den Fußball in seiner modernen Erscheinung in Einklang mit der Fankultur bringen. Sich einsetzen gegen die Eventisierung des Sports. Mit allen Mitteln. Über politische und soziale Themen berichtet jede Gruppe individuell, oder auch nicht. Wer die Ultra-Bewegung seines Vereins und deren Ziele besser verstehen will, der sollte sich diese Flyer vor dem nächsten Heimspiel durchlesen.

Es bleibt abzuwarten, ob der Konflikt zwischen dem DFB und den Ultras im Laufe der Saison weiter ausufert. Fest steht, so betonen die Ultras immer wieder, dass sie mitreden wollen. Viele Verantwortliche der Vereine gehen schon länger in den Dialog mit diesen Fans. Der DFB hat das in den letzten Jahren verpasst. Man wird sehen, inwiefern der DFB sein Entgegenkommen einhält und ob die angekündigten Gespräche fruchtbar sind. 

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