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Box-Titelkampf: Universum-Boxstall feiert TV-Comeback, doch vier Todesfälle überschatten den Sport

Der legendäre Universum-Boxstall feiert ein Comeback und das ZDF überträgt nach langer Pause live - ein Wagnis für alle Beteiligten. Auch, weil vier Todesfälle in den vergangenen Monaten den Sport erneut in Verruf gebracht haben. 

Universum-Boxer Toni Kraft (v.l.n.r.) und Artem Harutyunyan, Promoter Ismail Özen-Otto und Trainer Artur Grigoryan

Das sind die Männer hinter dem neuen Universum-Boxstall: : Die Kämpfer Toni Kraft (v.l.n.r.) und Artem Harutyunyan, Promoter Ismail Özen-Otto und Trainer Artur Grigoryan Trainer

DPA

Die Zahl klingt noch immer unglaublich: 18,03 Millionen. So viele Menschen saßen am Abend des 9. Dezember 1995 vor dem Fernseher, um zwei kämpfenden Männern zuzuschauen. Als Axel Schulz und Frans Botha boxten, hatten sagenhafte 68 Prozent aller deutschen TV-Zuschauer RTL eingeschaltet. Solche Traum-Quoten beflügeln noch immer die Fantasie der Fernsehmacher.

Jetzt wagt das ZDF einen neuen Anlauf. Nach mehr als neun Jahren Pause und dem bescheidenen Box-Abschied mit Sebastian Zbik gegen Jorge Heiland am 31. Juli 2010 mit 2,72 Millionen Zuschauern steigt der öffentlich-rechtliche Sender wieder den Ring. In der Nacht zum Sonntag überträgt das ZDF den Kampf des kaum bekannten Artem Harutyunyan gegen den noch weniger bekannten Islam Dumanov.

ZDF: Es ist ein Experiment

Dennoch will das ZDF es mit dem Boxen ausprobieren. "Es ist ein Experiment mit vorläufig zwei Boxabenden", erklärt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann. Der Boxstall Universum habe "eine überzeugende Idee vorgestellt, und wir versuchen auszuloten, ob der Box-Sport in Deutschland noch ein Publikum findet".

Zugpferd von Universum soll der Hamburger Harutyunyan werden. Der 29-Jährige Boxer mit armenischen Wurzeln bestreitet am Abend den Hauptkampf, den das ZDF in der Nacht zu Sonntag ab 0.25 Uhr überträgt. Der Gegner ist der Russe Islam Dumanov. Die Vorkämpfe in der Hamburger Kuppel sind bereits ab 21.30 Uhr im Internet-Livestream zu sehen.

Die Quoten dürften erst einmal bescheiden sein. Hinzu kommt - mal wieder  - ein Imageproblem: In den vergangenen vier Monaten starben weltweit vier Boxer nach Kämpfen. 

  • 16. Oktober 2019: Der US-Boxer Patrick Day wurde nur 27 Jahre alt. Er war in der zehnten Runde eines Titelkampfs schwer k. o. gegangen. Beim Aufschlag auf die Ringmatte zog er sich ein Schädelhirntrauma zu. Vier Tage später bestätigte sein Promoter den Tod. 
  • 21. September: Der Bulgare Boris Stanchov, 21, bricht in der fünften Runde eines Kampfes zusammen und stirbt noch im Ring an Herzversagen. Zunächst wird gemeldet, der Tote sei Stanchovs Cousin Isus Velichkov. Später wird bekannt, dass Stanchov unter falscher Lizenz angetreten war. 
  • 25. Juli: Der Argentinier Hugo Alfredo Santillán, 23, stirbt an multiplem Organversagen infolge eines Blutgerinnsels im Kopf; in den vorangegangenen Wochen hatte er zwei harte Kämpfe über jeweils zehn Runden bestritten, den ersten in Deutschland ausgerechnet gegen Harutyunyan, den zweiten in seiner argentinischen Heimat.
  • 23. Juli: Der Russe Maxim Dadashew, 28, erliegt drei Tage nach einem harten Kampf einem erlittenen Hirnödem.


Speziell in den sozialen Medien gab es daraufhin sogar Forderungen, den Sport gleich ganz zu verbieten. So weit ist es noch nicht, aber viele Experten fordern, die Sicherheit zu verbessern. Der deutsche Ringarzt Dr. Stephan Bock plädierte zuletzt im ZDF, die Regeln dahingehend zu ändern, dass die Ringärzte entscheiden, wann sie eingreifen. Diese Entscheidung liegt immer noch beim Schiedsrichter – und die greifen meist viel zu spät ein.

Ringrichter greifen oft zu spät ein

Harutyunyan kritisiert das ebenfalls: "Ich hatte schon während unseres Kampfes Mitleid mit ihm und dachte, man hätte abbrechen sollen. Es ist ein Riesenproblem, dass Ringrichter und Ringärzte Kämpfe zu lange laufen lassen", sagte Harutyunyan dem "Hamburger Abendblatt" nach dem Tod von Santillán, gegen den er zuvor in Hamburg gekämpft hatte. Nur in Skandinavien und Belgien haben Ringärzte größere Eingriffsmöglichkeiten.

Ein weiteres Problem ist, dass Schutzmaßnahmen oft nicht ausreichend umgesetzt werden. Promoter drängen ihre Kämpfer zum nächsten Kampf oder diese ignorieren die Warnungen der Mediziner, weil es oft um viel Geld geht. Auch für die tödliche Verquickung aus Ignoranz und Geldgier ist der Tod von Santillian ein Beispiel: Nach dem Kampf gegen Harutyunyan (siehe oben) wurde er wegen der zahlreichen Kopftreffer vom Bund Deutscher Berufsboxer mit einer Schutzsperre belegt, die international gilt. Dennoch stieg er in Buenos Aires viel zu früh am 20. Juli wieder in den Ring und brach während des Kampfes zusammen. Fünf Tage später starb er in einem Krankenhaus an schweren Hirnverletzungen.

Quellen: DPA, ZDF, "Spiegel online", "Hamburger Abendblatt", "Boxsport.de"

tis

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