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Wandern Unglücke in den Bergen nehmen zu – worauf Wanderer unbedingt achten sollten

Eine Wanderin genießt auf dem Zugspitzplatt die Fernsicht
Eine Wanderin genießt auf dem Zugspitzplatt die Fernsicht. Es muss aber nicht gleich so hoch hinaus. 
© Angelika Warmuth / DPA
Das warme, trockene Wetter in diesem Sommer zieht viele Menschen in die Berge. Beim Wandern gilt es manches zu beachten – von der Ausrüstung über den Proviant bis zur Selbsteinschätzung. Eine gute Vorbereitung hilft, Gefahren und Unglücke zu vermeiden. Hier geben Profis Tipps.

Es sind traurige Rekorde. Die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega) hatte noch nie so viele Einsätze wie in diesem Juli. Insgesamt waren es 2120. "Noch vor zehn Jahren war ein sogenannter 1000er-Monat für uns bemerkenswert", sagte Rega-Chef Ernst Kohler dem "Tages-Anzeiger". Inzwischen würden sie regelmäßig fünf bis sechs solcher Monate zählen. 

Über Sicherheit in den Bergen, Schuld, Touristenmassen und die passende Ausrüstung wird derzeit insbesondere im Alpstein gesprochen. In der beliebten Bergregion in der Ostschweiz sind in diesem Sommer innerhalb von fünf Wochen fünf Menschen in den Tod gestürzt. 

Das Berggasthaus Aescher in der Ostschweiz ist an einen Felsen gebaut
Das Berggasthaus Aescher mit seiner spektakulären Lage im Alpstein ist ein Touristenmagnet

Trauriger Rekord in den bayerischen Bergen

Auch in Bayerns Bergen nimmt die Zahl der Unglücke zu. Dort hat das Polizeipräsidium Oberbayern Süd, das von Berchtesgaden bis Garmisch-Partenkirchen reicht, im Jahr 2021 insgesamt 55 Bergtote registriert – so viele wie noch nie seit Beginn der systematischen Erfassung 2009. Die Auslöser dafür seien meistens banal – ein schlichtes Ausrutschen, ein kurzes Stolpern – die Gründe dahinter vielfältig, wie die "Süddeutsche Zeitung" schreibt. 

Roland Ampenberger, Pressesprecher der Bergwacht Bayern, sagt auf stern-Anfrage: "Seit Beginn dieses Jahres verzeichnen wir 51 Einsätze bei Unfällen und Notfällen mit tödlichem Ausgang. Das schließt neben Wanderungen auch den Wintersport ein." Die Bergwacht Bayern ist für alle bayerischen Mittelgebirge und Berge zuständig. Und sie kennt seit zehn Jahren eine klare Tendenz: mehr Einsätze. Waren es im Sommer 2017 noch 2836, verzeichnete die Bergwacht 2021 bereits 3650. Dieser Sommer liege mit 1200 Einsätzen vom 1. Mai bis Mitte Juli im Durchschnitt der vergangenen Jahre, so Ampenberger. 

Der Pressesprecher sagt aber auch: "Zum Glück wächst die Zahl nicht proportional mit den Menschen, die es in die Berge zieht. Denn es wandern heute viel mehr Menschen als noch vor 20 Jahren." Ähnlich klingt es bei Rega-Chef Kohler in der Schweiz: "An einem schönen Sommertag nutzen etwa 80.000 Personen die Bergbahnen in der Schweiz. Wenn wir in dieser Zeit ein Dutzend Mal für Wanderer im Einsatz sind, passiert im Verhältnis sehr wenig." Die Menschen zieht es in die Berge, Corona hat dem Wandern einen weiteren Aufschwung gegeben. Raus aus der Stadt, rauf auf den Berg. 

Hierin kann eines der Probleme liegen: "Was Wanderer nie vergessen dürfen: Die Berge sind nicht die Stadt. Man kann sich dort zum Glück freier bewegen als an vielen anderen Orten, man ist draußen in der Natur, aber das bedeutet eben, dass auch nicht alles so durchreguliert ist wie in der Stadt", sagt Ampenberger.

Ein Grund für Rettungseinsätze ist Überforderung

Die eine Hauptursache für Unfälle gibt es laut Bergwacht nicht. Klar sei aber: "Wenn Menschen aktiv sind, dann passiert eher etwas." Das habe in vielen Fällen gar nichts mit dem Berg zu tun, etwa klassische "Sportunfälle" oder internistische Probleme, die auch im Tal hätten auftreten können. Weil sie auf dem Berg passieren, ist die medizinische Versorgung und Rettung aber erschwerter.

"Eine häufige Unfallursache in den Bergen sind Stürze", sagt Ampenberger. Worauf diese zurückzuführen seien – ob jemand unaufmerksam war, überfordert oder abgelenkt oder ob es am Schuhwerk lag, könne man abschließend nicht sagen. "Weil wir waren ja nicht dabei." Ein Grund sei Überforderung. "Im Herbst unterschätzen die Menschen oft, wie früh es dunkel wird, im Frühjahr werden Altschneefelder immer wieder zum Problem. Auch ein Wetterumschwung kann zu Einsätzen führen oder wenn plötzlich ein Weg zu steil oder zu schmal ist und die Menschen sich weder vor noch zurück trauen." 

Gründlich planen, früh aufbrechen – Tipps fürs Wandern

Für eine risikoarme, gelungene Wanderung gibt es manches zu beachten. Julia Janotte von der Sicherheitsforschung beim Deutschen Alpenverein (DAV), sagt:

Das A und O einer Wanderung ist die gründliche Planung. Sich informieren, defensiv planen.

Man sollte sich die Route schon vorher anschauen und auch am besten eine Karte mitnehmen und sich nicht nur auf Apps verlassen. Auch die DAV-Sektionen vor Ort könnten helfen. Ihre weiteren Tipps: 

  • Eher früher aufbrechen, gerade im Sommer, damit man in der Mittagshitze im Schatten eine Pause machen kann und nicht erst startet.
  • Regelmäßige Pausen einlegen.
  • Man sollte seine eigenen Grenzen kennen und sich in einer Gruppe nach dem schwächsten Glied richten.
  • Anfänger sollten mit einfacheren, kürzeren Routen starten und sich steigern. Nicht gleich auf die Zugspitze oder den Watzmann wollen. 
  • Proviant mitnehmen, vor allem Trinken jetzt im Sommer. 
  • Sonnenschutz und Kopfbedeckung tragen, denn in den Bergen ist die UV-Strahlung höher. 
  • Gutes Schuhwerk ist natürlich Grundvoraussetzung.

Roland Ampenberger von der Bergwacht hat ganz ähnliche Tipps. Sein wichtigster: "Mit Reserven und eher defensiv unterwegs sein, insbesondere wenn man sich dem Thema Berg das erste Mal nähert. Reserven in Bezug auf die eigene körperliche Leistungsfähigkeit, die Bekleidung sowie Essen und insbesondere Trinken." Sobald technische Ausrüstung erforderlich sei, wie zum Beispiel am Klettersteig, brauche es zwingend eine Schulung und Training. 

Ausrüstung und Erfahrung sollten zum Vorhaben passen. Und dies könne sehr individuell sein. Auch ein zu viel an Ausrüstung, ein zu schwerer Rucksack mit viel "Luxusausstattung" werde bei einer fordernden Tour zu Belastung. 

Der Klimawandel und das Wandern

Für Schlagzeilen sorgt in diesem Sommer der höchste Berg der Alpen. Schneemangel und immer wärmere Temperaturen führen zu sehr schwierigen Bedingungen für Touren zum Mont Blanc. Die Gefahr durch Gletscherspalten und Steinschlag auf der Hauptroute sei derzeit extrem groß, berichtete die "Tagesschau" Anfang August. Trotz ausdrücklicher Warnungen wählten Hobbyalpinisten allerdings noch immer diese Route. Die Behörden haben deshalb Berghütten geschlossen. Die möglichen Routen bleiben wegen ihres Schwierigkeitsgrades Experten vorbehalten. 

Besteigung des Mont Blanc: die Goûter-Hütte liegt auf 3835 Metern
Besteigung des Mont Blanc: die Goûter-Hütte liegt auf 3835 Metern
© Jean-Pierre Clatot / AFP

Der Klimawandel ist längst in den Alpen angekommen. Im "Tages-Anzeiger" sprach Rega-Chef Ernst Kohler über die veränderte Bergwelt in der Schweiz mit schmelzendem Permafrost, der die Felsen bröckeln lässt. Die veränderten Temperaturen würden sich auch auf die Wanderwege auswirken. Das Gestein werde lose, was auch in tieferen Lagen die Steinschlaggefahr erhöhe.

Julia Janotte vom Deutschen Alpenverein sagt: "Den Klimawandel spüren wir hier noch nicht so stark wie im hochalpinen Raum. Aber auch in Bayern werden sich die Alpen auf Dauer verändern. Zum Beispiel durch Starkregen können Hänge abrutschen." Vorsicht beim Wandern wird auch in Zukunft geboten sein – aus verschiedenen Gründen. 

Quellen: Tages-AnzeigerSüddeutsche Zeitung, St.Galler Tagblatt, Deutscher Alpenverein, Tagesschau


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