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Bürgerkrieg weitet sich aus Ein Krieg, der selbst Afghanistan in den Schatten stellen könnte – darum versinkt Äthiopien in Gewalt

Ein Mitarbeiter einer muslimischen Hilfsorganisation koordiniert die Ankunft von Flüchtlingen in einem Camp nahe der äthiopisch-sudanesischen Grenze
Ein Mitarbeiter einer muslimischen Hilfsorganisation koordiniert die Ankunft von Flüchtlingen in einem Camp nahe der äthiopisch-sudanesischen Grenze
© Nariman El-Mofty/ / Picture Alliance
Die Lage in Äthiopien wird immer dramatischer. Vergewaltigungen werden systematisch als MIttel des Kriegs eingesetzt, mehreren hunderttausend Menschen droht eine Hungersnot, ein ganzer Staat könnte zerbrechen. Was geschieht da gerade im einstigen Vorbildland Ostafrikas? 

Es ist noch nicht lange her, ein paar Jahre nur, da stand Äthiopien für Aufbruch, für Hoffnung, für Stabilität – für all das, was die Nachbarländer von Sudan bis Somalia eben nicht hatten.

Addis Abeba, die Hauptstadt, brummte voller Baukräne, an jeder Ecke entstanden neue Bürohochhäuser, Wohnungen, Fabriken; abends traf man sich gerne mal deutsch bodenständig auf ein selbstgebrautes Bier im "Beer Garden Inn" umzingelt von bayrischer Folklore oder bei einem der trendigen libanesischen Restaurants, die überall aus dem Boden schossen.

Ja, es gab auch die andere Seite: Der Staat des damaligen Premierministers Meles Zenawi war autoritär, die Opposition wurde unterdrückt. Ein Überwachungs-System, ähnlich dem von Blockwarten, sorgte dafür, dass die Bewohner von Dörfern ihr Kreuz an der richtigen Stelle machten – sonst liefen sie Gefahr, von Lebensmittelhilfen abgehängt zu werden.

Doch als schließlich im April 2018 Abiy Ahmed zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, schien auf den wirtschaftlichen Frühling auch der demokratische zu folgen. Der vermeintliche Apparatschik Abiy entpuppte sich als Reformer, der politische Gefangene frei ließ, die Presse entknebelte, mit dem Nachbarn Eritrea Frieden suchte – und 2019 flugs den Friedensnobelpreis bekam.

"Sadistische und sinnlose Gewalt"

Fast Forward in den Sommer 2021. Ein Bürgerkrieg droht das Land zu zerreißen. Hunderttausende leiden Hunger.

Und, der bislang traurigste Höhepunkt, ein Bericht von Amnesty International listet auf, wie vor allem Regierungstruppen Vergewaltigungen systematisch als Waffe des Krieges nutzen. "Ein Ausmaß von sadistischer und sinnloser Gewalt, das kaum zu fassen ist", so formuliert es die Autorin, Donatella Rovera.

Die Aussagen der Frauen sind kaum zu lesen. Eine 39-Jährige erzählt, wie sie auf der Straße von eritreischen Soldaten – verbündet mit den äthiopischen Regierungstruppen – vor den Augen ihrer beiden Kinder von fünf Männern vergewaltigt wurde. Andere Frauen berichten, sie seien wochenlang als Sex-Sklavinnen gehalten worden.

Ein Land bricht auseinander

Die Schilderungen erinnern an Berichte aus dem Ostkongo. Dort setzen Rebellen wie Regierungstruppen seit Jahren sexuelle Gewalt als Mittel des Krieges ein. Behandelt werden die Frauen, gefördert auch von der Stiftung stern, im Panzi-Krankenhaus des Gynäkologen Denis Mukwege in Bukavu. Es scheint wie eine besonders bittere Ironie, dass Mukwege, ein beeindruckender und besonnener Mann, ebenfalls mit dem Friedesnnobelpreis ausgezeichnet wurde — ein Jahr vor dem Äthiopier Abiy, dem man zumindest die politische Verantwortung für das Verhalten seiner Soldaten zuschreiben muss.

Was ist geschehen in diesem Land der Hoffnung? Wie konnte es soweit kommen? Und was droht auf die Region noch zuzukommen?

Immer klarer scheint, dass Abiy die Fliehkräfte im Vielvölkerstaat Äthiopien vollkommen unterschätzt hatte. Nicht wahr haben wollte, wie sehr die lange herrschende Minderheit der Tigrayer sich um die Macht betrogen fühlte. Dann schließlich zu den Methoden griff, die ihm, der aus dem Sicherheitsapparat stammt, am plausibelsten erschienen: Unterdrückung und Gewalt.

Und sich dabei verkalkulierte wie kaum ein Anführer eines Landes in den vergangenen Jahrzehnten.

Vor wenigen Tagen nahmen die Rebellen Lalibela ein, die Stadt ist berühmt für die in den Fels gehauenen Kirchen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Und die Tigray People‘s Liberation Front (TPLF), die Armee der Rebellen, macht keinen Hehl daraus, dass es keine Option ist, sich nun in die Heimatprovinz zurückzuziehen.

Zehntausende Menschen sind vor den Kämpfen in den Sudan geflüchtet und harren dort in Flüchtlingslagern nahe der Grenze aus. Die Stiftung stern leitet Ihre Unterstützung ohne Abzug an vor Ort tätige Organisationen weiter. Hier können Sie spenden.
Zehntausende Menschen sind vor den Kämpfen in den Sudan geflüchtet und harren dort in Flüchtlingslagern nahe der Grenze aus. Die Stiftung stern leitet Ihre Unterstützung ohne Abzug an vor Ort tätige Organisationen weiter. Hier können Sie spenden.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Rebellen aus Tigray eine Regierung stürzten. Schon 1991 besiegten sie das marxistisch-autoritäre Regime von Mengistu Haile Mariam. Der General, der damals aus ein paar Berg-Kämpfern in Flipflops eine diszipliniert kämpfende Armee schuf, steckt auch heute hinter den Erfolgen der Männer aus Tigray: General Tsadkan Gebretensae.

Tsadkan wurde nach der Machtübernahme 1991 zu einem der führenden Militärköpfe der TPLF-Regierung. Als dann der aus dem Volk der Oromo stammende Abiy Ministerpräsident wurde und die ersten Konflikte sich abzeichneten, versuchte Tsadkan zunächst zu vermitteln – zog sich dann aber enttäuscht nach Tigray zurück, wo er sich den Rebellen anschloss.

Vor wenigen Wochen gingen die von ihm geführten Soldaten zur Offensive über und überrannten die Regierungstruppen, geradezu panisch rief nun Ministerpräsident alle Äthiopier auf, sich zur Landesverteidigung zu melden.

Vom Friedensnobelpreisträger zum Kriegsherr: der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed
Vom Friedensnobelpreisträger zum Kriegsherr: der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed
© Mulugeta Ayene/ / Picture Alliance

Dabei ist noch nicht einmal sicher, dass es dieses Land bald noch gibt. Abiy selbst facht den Hass zwischen den Völkern im Staat unablässig an, redet von den Anführern in Tigray als "Krebsgeschwür" und "Unkraut", was an den Völkermord 1994 in Ruanda erinnert, als Tutsi als "Kakerlaken" diffamiert wurden. Und nicht nur in Tigray wird gekämpft, auch an den Grenzen zu Somalia und dem Sudan gibt es inzwischen Gefechte und Scharmützel. Derweil sehen UN-Organisationen eine Hungersnot von mehreren hunderttausend Menschen drohend am Horizont.

Sollten sich die Konflikte in dem 110-Millionen-Einwohner-Land vereinen, würde die Gewalt selbst die Kriege in Syrien oder Libyen in den Schatten stellen. Die ersten Anzeichen gibt es schon. Vor wenigen Tagen verkündeten die Rebellen aus Tigray eine Allianz mit jenen aus dem Volk der Oromo – aus den Flammen droht ein Flächenbrand zu werden.


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