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Dramatische Langzeitfolgen Noch Jahre später spürt man die Folgen: Das richtet der Hunger im Körper des Menschen an

Ein Kleinkind wird im Waisenhaus von Gitega in Burundi gewogen. So soll eine mögliche Unterernährung und Wachstumsverzögerung erkannt werden
Ein Kleinkind wird im Waisenhaus von Gitega in Burundi gewogen. So soll eine mögliche Unterernährung und Wachstumsverzögerung erkannt werden
© HELMUT FOHRINGER/ / Picture Alliance
40 Millionen Menschen sind weltweit akut betroffen: Was richtet Mangelernährung eigentlich im Körper eines Menschen an? Und warum leiden noch Erwachsene darunter, wenn sie als Kinder hungern mussten? Der Arzt und Ernährungsexperte Michael Krawinkel klärt auf.

Der Hunger kehrt zurück – mehr als 40 Millionen Menschen sind weltweit akut betroffen. Der stern und die Welthungerhilfe begleiten in einem einzigartigen Projekt das Dorf Kinakoni in Kenia, um gemeinsam mit den Menschen vor Ort und Start-ups aus Nairobi Lösungen zu finden. Hier finden Sie alle Hintergründe.

Hunger ist ein zäher Gast. Hat er sich einmal in den Körper gefressen, wütet er dort noch lange, nachdem es wieder genug zu essen gibt. "Die gefährlichste Phase beginnt, wenn Helfer versuchen, Hungernde wieder hochzupäppeln", erklärt Michael Krawinkel. Der Kinderarzt und ehemalige Professor für Ernährung des Menschen an der Universität Gießen ist eine Kapazität in Sachen Mangelernährung.

Viele Jahre hat er im Südsudan, in Kenia, Tansania, Kambodscha und Lateinamerika verbracht und erforscht, was chronischer Hunger im Körper von Menschen anrichtet und wie man ihnen helfen kann – insbesondere den Kindern. Heute sitzt er beratend im Gutachterausschuss der Welthungerhilfe, wenn es darum geht, welche Hilfsprogramme und -projekte sinnvoll sind.

Michael Krawinkel ist Kinderarzt und ehemaliger Professor für Ernährung des Menschen an der Universität Gießen
Michael Krawinkel ist Kinderarzt und ehemaliger Professor für Ernährung des Menschen an der Universität Gießen
© Privat

Noch immer gelten knapp 690 Millionen Menschen auf der Welt als unterernährt. Der Welthungerindex listet Länder wie den Tschad, Ost-Timor oder Madagaskar als Länder mit "sehr ernsten" Ernährungsproblemen. Für Katastrophenregionen wie den vom Krieg verwüsteten Jemen gibt es noch nicht einmal solche Daten.

In den letzten Jahrzehnten habe die Wissenschaft bei der Bekämpfung von Hunger immerhin aus Fehlern gelernt, sagt Krawinkel: "Früher sind viele hungernde Menschen, vor allem Kinder, zu Tode kommen, weil man sie möglichst schnell wieder auf Normalgewicht bringen wollte." Diese Kinder seien oft an Herzversagen gestorben. Das durch den Hunger vorgeschädigte Herz war überfordert damit, einen rasch zunehmenden Körper mit einer wachsenden Menge Blut zu versorgen. Unausgewogen zusammengesetzte Nahrung in Hilfslieferungen ließ den Salzhaushalt der Hungernden entgleisen, zu reichhaltige Protein-Mahlzeiten konnten von der Leber nicht verarbeitet werden.

Alle Organe sind betroffen

Heute wissen Forscher und Ärzte, dass man den Stoffwechsel von chronisch Unterernährten langsam und vorsichtig mit einem ausgewogenen Mix aus Eiweiß, Fett, Kohlenhydraten, Vitaminen, Mineralsalzen und anderen Nährstoffen wieder aufbauen muss. Der Körper wird durch Hungern so stark geschädigt, dass er gehaltvolle Nahrung anfangs gar nicht mehr verarbeiten kann.

"Hunger betrifft praktisch alle Organe. Man sollte eher fragen: Gibt es einen Teil des Körpers, der NICHT durch Hunger angegriffen wird?", sagt Krawinkel. "Was wir von außen sehen – das Abmagern, den massiven Abbau von Fettgewebe und Muskulatur, die eingefallenen Augen und dürren Ärmchen – das ist nur die Spitze des Eisberges."

Fehlt lebenswichtiges Protein, leidet zum Beispiel das Herz: Eiweißmangel bewirkt, dass Fette im Herzmuskel nicht mehr mobilisiert und zur Energiegewinnung genutzt werden können. Stattdessen lagert sich zu viel Fett in den Herzmuskelzellen ab. Unter anderem deshalb entwickeln schwer unterernährte Kinder oft eine lebensbedrohliche Herzschwäche. Auch die Leber wird durch massiven Nährstoffmangel schwer geschädigt und kann Eiweiß nur noch schlecht verarbeiten.

Manchmal haben die Menschen in einer Region sogar zu essen, aber die Nahrung ist zu einseitig, es fehlen wichtige Vitamine und Mineralstoffe – ein Phänomen, dass Wissenschaftler als "hidden hunger" bezeichnen, den "verborgenen Hunger".

Auch einseitige Ernährung kann schwerwiegende Folgen haben

"In Westkenia haben wir bei Familien mit Kleinkindern gesehen, dass die meiste Zeit des Jahres sehr einseitig gegessen wird", erklärt Michael Krawinkel. "Frisches Obst und Gemüse gibt es nur direkt nach der Regenzeit, für den Rest des Jahres kommen im Wesentlichen Mais und Bohnen auf den Tisch und damit zu wenig Vitamine und andere wertvolle Pflanzeninhaltsstoffe. Die Bohnen-Ballaststoffe behindern sogar eher die Aufnahme von Mineralstoffen und Spurenelementen wie Eisen."

Auf Dauer wird die monotone Kost zum Problem – selbst dann, wenn die Kalorienmenge noch ausreicht, einen Menschen am Leben zu erhalten. Denn unser Organismus kann Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente nur begrenzt speichern. Bleibt der Nachschub aus, drohen Mangelerscheinungen: Ein Zuwenig an B-Vitaminen und Eisen hat oft eine Blutarmut zur Folge. Bei schwangeren Frauen kann sie das Leben bedrohen, weil ihr Körper die letzten Reserven zugunsten des wachsenden Fötus aufbraucht. Vitamin-A-Mangel wiederum ist laut Unicef die weltweit häufigste Ursache für vermeidbare Erblindungen unter Kindern.

Ohnehin sind es die Jüngsten, die am schlimmsten unter Hunger und Nährstoffmangel leiden: Ihr Körper muss wachsen und benötigt pro Kilo Eigengewicht mehr Nährstoffe als der eines Erwachsenen. Bei chronischem Mangel kann das menschliche Wachstumshormon aus der Hirnanhangdrüse seine Wirkung nicht mehr entfalten: Normalerweise aktiviert es bestimmte Wachstumsfaktoren in der Leber, die wiederum über das Gewebshormon Osteokalzin den Knochenaufbau und das kindliche Wachstum anregen.

Viele Meter tief müssen die Männer im Flussbett graben, bis sie auf Wasser stoßen. Tana River, wo das Foto entstand, gehört zu einer der am stärksten von der Dürre betroffenen Regionen in Kenia
Viele Meter tief müssen die Männer im Flussbett graben, bis sie auf Wasser stoßen. Tana River, wo das Foto entstand, gehört zu einer der am stärksten von der Dürre betroffenen Regionen in Kenia
© Frederik Lerneryd

Bildet eine hungergeschädigte Leber nicht mehr ausreichend Wachstumsfaktoren, gerät die gesamte Signal-Kette ins Stocken, sodass zwar viel Wachstumshormon produziert wird, aber dennoch kein Knochenwachstum stattfindet. Forscher sprechen dann von ‚Stunting‘, einer ernährungsbedingten Wachstumsverzögerung. Die Kinder liegen mit ihrer Größe oft Jahre hinter ihren Altersgenossen zurück und können diesen Rückstand nur zum Teil wieder aufholen, wenn sich die Versorgung verbessert.

Das Gehirn ist doppelt betroffen

Wird durch den Hunger der Wachstumsschub in der Pubertät ausgebremst, bleiben sie auch als Erwachsene klein. "Früher dachte man etwas verharmlosend, Stunting sei ein Anpassungsprozess des Körpers an schlechte Zeiten", sagt Kinderarzt Krawinkel. "Heute wissen wir, dass bei Kindern mit Stunting auch die Sterblichkeit höher ist. Der Organismus ist dann also längst überlastet."

Die Chancen chronisch unterernährter Kinder stehen auch später im Leben schlecht: Studien aus Lateinamerika belegen, dass Menschen, die in der Kindheit Hunger litten, als Erwachsene weniger Erfolg im Beruf und ein schlechteres Einkommen hatten. "Das Gehirn ist vom Hungern gleich doppelt betroffen", erklärt Krawinkel. "Zum einen durch die ständige Unterversorgung mit Nährstoffen, zum anderen durch den extremen Dauerstress, den quälender Hunger verursacht."

Gehirn und Schädel wachsen langsamer, die Neuronen bilden weniger Synapsen – Schaltstellen zwischen den Nervenzellen, die essenziell sind fürs Lernen und die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Zu den Schritten, die die Weltgesundheitsorganisation WHO zur Rehabilitation mangelernährter Kinder empfiehlt, gehört daher seit langem auch die Versorgung mit geistiger "Nahrung" wie Lernspielzeug, Bauklötzen oder: Musik.

Vor allem aber sei es wichtig, die Menschen zu bestärken, sich selbst zu helfen, betont Michael Krawinkel: "In meiner Zeit im Südsudan haben wir viel von den Leuten dort gelernt: Die lokalen Diätassistentinnen gaben Müttern und Kleinkindern ein Mus aus Papayas, Erdnüssen und etwas Zitrone – eine fast ideale Nahrungsergänzung mit reichlich Fett, Eiweiß, Provitamin A und Vitamin C."

Altes Wissen kann helfen

In Simbabwe sah Krawinkel, wie die Menschen auf das wertvolle Protein frisch geschlüpfter Termiten zurückgriffen. Sie lockten sie nachts mit Licht an und kehrten sie eimerweise mit Besen von den Insektengittern an den Fenstern, um sie zu rösten.

Oft helfe es schon, an das ohnehin in der Region vorhandene Wissen zu erinnern, so Krawinkel, Dorfbewohnern etwa einen Saisonkalender der wilden Früchte und Gemüse in die Hand zu geben. Vieles lässt sich zwar nicht anbauen, aber selbst in der Trockenzeit gut in der Natur sammeln. Es gehe darum zu erklären, wie man getrocknete Insekten richtig lagert oder warum es sich lohnt, wilde Affenbrotbäume zu pflegen: weil die Früchte Vitamin C und die Blätter wertvolles Eiweiß liefern. Und wer nicht sämtliches Holz für Ziegen oder Feuerstellen abhackt, hat die Chance, von den Mangobäumen im Wald vor dem Dorf noch Jahre lang vitaminreiche Früchte zu ernten.


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