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Krieg und Hunger Der perfekte Sturm – wie das Zusammenfallen von Krisen die Lebensmittelversorgung der Welt gefährdet

Hodon Bile mit ihrem Sohn Kalif
Hodon Bile (r.) füttert ihren Sohn Kalif. Fast wäre er an Unterernährung gestorben, wie schon drei weitere Kinder von Bile
© Nicole Macheroux-Denault
Kaum ein Markt ist so globalisiert wie der für Getreide und kaum einer ist durch Krieg und Wetterextreme so gefährdet. Warum die USA und die Ukraine viel weniger Weizen exportieren – und was das für die Menschen in Deutschland und in afrikanischen Ländern bedeutet. 

Der Feldweg führt einen kleinen Hügel hinauf, von dem man das Tal mit seinen schier endlosen Weizen- und  Gerstenfeldern gut überblicken kann. Zebrykowe ist ein kleiner Weiler 80 Kilometer nördlich von Odessa. Steinbaracken kauern am Hang, verfallen und verlassen, zur Sowjetzeit gehörten sie zu einer Kolchose. Die meisten haben weder Fenster noch Türen. Nur ein Gebäude hebt sich von den Ruinen ab: Es ist frisch renoviert, das Dach ist neu, das schwere Eisentor schwarz gestrichen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. "Meine Schatztruhe", sagt Juryj Jalowtschuk und schließt auf.

Im Dämmerlicht ist ein riesiger Haufen goldgelber Körner zu sehen, etwa 20 Meter breit, 100 Meter lang, bis zu zwei Meter hoch. 3000 Tonnen Weizen dürften hier lagern, fast 1,2 Millionen Euro wert, theoretisch. Denn seit Russland die Ukraine überfallen hat, kann Juryj Jalowtschuk mit dem Getreide nichts mehr anfangen – er kriegt es nicht aus dem Land.

Der Bauer Juryj Jalowtschuk und sein unbrauchbarer Schatz sind Teil eines Räderwerks, das Länder, sogar Kontinente miteinander verbindet. Kaum ein Markt ist so globalisiert wie der für Getreide. Soja aus Brasilien nach China, Mais aus den USA nach Mexiko, Gerste aus der EU nach Saudi-Arabien.

Juryj Jalowtschuk in seinem noch grünen Getreidefeld
Juryj Jalowtschuk erwartet eine gute Ernte, doch er kann sie nicht aus der Ukraine exportieren
© FlorianBachmeier/Capital

Und kaum ein Markt, das zeigt sich in diesen Tagen, ist so gefährdet. Eine wachsende Bevölkerung, ein veränderter Konsum, der Klimawandel mit Dürren und Überflutungen, nun auch noch Russlands Krieg in der Kornkammer Ukraine – es ist ein perfekter Sturm, der die Nahrungsmittelversorgung der Welt trifft und über 50 Millionen Menschen mit dem Tod bedroht. Larry Fink, der Chef der weltgrößten Vermögensverwaltung BlackRock warnte jüngst in der "Financial Times", die Auswirkungen der Nahrungsinflation seien schwerwiegender als die von Gas oder Öl.

ZEBRYKOWE, UKRAINE

Im Auge des Sturms ist es an diesem Tag ruhig. Juryj Jalowtschuks Betrieb mit dem schönen Namen "Ähre" liegt knapp 200 Kilometer von der Front entfernt. Jalowtschuk, 60, stammt aus einer Getreidedynastie. Schon der Großvater war Kolchose-Vorsitzender, genauso der Vater, er selbst baute den Betrieb hier auf. 2500 Hektar besitzt er inzwischen, eine Fläche so groß wie 3500 Fußballfelder.

Die Region Odessa lebt von der Landwirtschaft. Drei Millionen Tonnen Weizen werden hier erzeugt. Russland und die Ukraine stellen in normalen Zeiten knapp ein Drittel des weltweiten Getreidehandels, diese Dimension macht die Lage so brisant.

Der Krieg ist hier in Zebrykowe nicht fern. Erst neulich ist ein Mann aus dem Dorf an der Front gefallen. "Am Anfang gab es hin und wieder Luftalarm, bei einigen Nachbarn sind auch Raketen eingeschlagen", sagt Jalowtschuk.

Das, je nach Blickwinkel, vielleicht größere Problem aber: Juryj Jalowtschuk kann seinen Weizen nicht mehr exportieren. Früher fuhren fast täglich die Lastwagen von seinem Hof zu den Häfen in Odessa, Piwdennyj und Tschornomorsk. 90 Prozent des ukrainischen Getreideexports liefen über das Schwarze Meer.

Jetzt sind die Häfen von der russischen Flotte blockiert. Die Ukrainer haben ihrerseits Seeminen gelegt. Und Handelskontore und Spediteure suchen verzweifelt nach Alternativen.

 Alla Stojanowa, an einer Rehling
 Alla Stojanowa, stellvertretende Gouverneurin der Region Odessa, sucht neue Transportwege
© FlorianBachmeier/Capital

Eines der größten Probleme sind die unterschiedlichen Spurbreiten der Eisenbahn in der Ukraine und in weiten Teilen Europas. Das Getreide muss mühsam umgeladen werden. An der polnischen Grenze stauen sich schon bis zu 10 000 Waggons, die gut einen Monat auf Abfertigung warten müssen.

Und hinter der Grenze gehen die Probleme weiter: Das überlastete Schienennetz der EU ist kaum in der Lage, all die zusätzlichen Züge aufzunehmen. Auch die im Mai angekündigte "Schienenbrücke" der Deutschen Bahn läuft deswegen nur langsam an. Nur zwei bis drei Getreidezüge täglich bringt DB Cargo mit Tochtergesellschaften von den ukrainischen Grenzen zu den Schwarzmeer- und Ostseehäfen.

Derzeit wird das Getreide aus Odessa darum meist per Lastwagen zu den Donauhäfen in Ismajil und Reni gekarrt. Dort lädt man es auf Lastkähne, die dann die Donau hinauffahren – oder durch einen Nebenarm den rumänischen Schwarzmeerhafen Constanța ansteuern. Der Fluss aber ist schmal, die Zahl der Kähne begrenzt. "Mit Zügen und Lastern können wir im besten Fall ein Viertel des Hafenumschlags ersetzen", sagt Alla Stojanowa, stellvertretende Gouverneurin der Region Odessa und für den Agrarsektor zuständig. "Und das nur, wenn alles klappt und alle mitspielen."

Putin hofft auf Hunger und einen Flüchtlingsstrom

Der entscheidende Spieler allerdings sitzt weder in den Bahnzentralen noch in den Speditionen, sondern im Kreml. Wladimir Putin will offenbar auch Weizen als Waffe einsetzen, um über eine wachsende Not vor allem in Afrika den Westen unter Druck zu setzen – er hofft auf einen Flüchtlingsstrom. Der Ukraine-Experte Timothy Snyder sieht darin eine "vollkommen neue Form des Kolonialismus". Die Chefredakteurin des russischen Staatssenders RT, Margarita Simonjan, formulierte es unlängst etwas plastischer: "Wir setzen all unsere Hoffnung auf die Hungersnot."

Vor einigen Tagen vermittelte die Türkei überraschend einen Deal. Unter internationaler Inspektion sollen Getreidefrachter die Ukraine durch das Schwarze Meer verlassen können, doch das Abkommen ist brüchig, erst ein Schiff konnte bislang fahren – und in den ukrainischen Häfen liegen etwa 70 Schiffe nutzlos herum. In Tschornomorsk zum Beispiel, südlich von Odessa, dümpeln derzeit sechs Frachter an den Kais. Normalerweise werden hier 24 Millionen Tonnen umgeschlagen, noch kurz vor dem Krieg hatte das Agrarunternehmen Kernel ein neues Terminal in Betrieb genommen.

Ein ausgebranntes Getreidesilo im Donbas
Ein von der russischen Armee zerstörtes Getreidesilo im Donbas
© Alex Chan/Picture Alliance

Wer sich das alles näher anschauen will, kommt allerdings nicht weit. Aus Angst vor Saboteuren ist der Hafen weiträumig abgesperrt, Fotografieren streng verboten. Wo sich einst Kräne drehten und Laster dröhnten, herrscht gespenstische Stille.

100 Kilometer weiter im Landesinneren, auf dem Betrieb von Juryj Jalowtschuk, wird noch gearbeitet. Jalowtschuk will den Betrieb am Laufen halten, für die 60 Angestellten und auch für seine beiden Töchter, die ihm vielleicht einmal nachfolgen. Dazu muss er Platz schaffen. "Wir versuchen gerade, alle möglichen Hallen in Speicher zu verwandeln", sagt er. Andere Bauern aus der Nachbarschaft wollen sich mit Silosäcken behelfen. Wiederum andere bauen provisorische Lager aus riesigen Plastikschläuchen.

Denn die neue Ernte steht vor der Tür – und die Frage im Raum: Wohin damit?

SONSBECK, DEUTSCHLAND

In seiner Backstube in Sonsbeck am Niederrhein stellt sich Bäckermeister Dirk Rosentreter andere Fragen: Wo das Mehl hernehmen? Und wie bezahlen?

Die Bäckerei Tebart ist das klassische mittelständische Unternehmen: elf Filialen, 120 Mitarbeiter, ein Chef. Dirk Rosentreter hat das Unternehmen von seinem Schwiegervater übernommen.

Rosentreter ist leidenschaftlicher Bäcker und gewiefter Unternehmer. "Jeden Tag checke ich die Preise für Weizenmehl." Er öffnet eine Website und zeigt den Verlauf des Preises. "Als sich Anfang Januar die russischen Truppen positionierten, wurden die ersten Kollegen nervös. Ich bekam Mitte Februar kalte Füße und habe meine Mühle informiert, dass ich einen neuen Kontrakt will, um mir den Mehlpreis zu sichern." Bäckereien schließen solche Terminverträge ab, um ein Jahr lang den gleichen Preis für Mehl zu bekommen.

Bäckermeister Dirk Rosentreter
Bäckermeister Dirk Rosentreter muss deutlich mehr für sein Mehl bezahlen
© Birte Filmer

Die Europäische Union ist normalerweise nicht auf Weizen aus der Ukraine angewiesen, sie exportiert mehr, als sie verbraucht. Frankreich etwa, sechstgrößter Erzeuger der Welt, beliefert unter anderem Nord- und Westafrika. Allerdings sind die Preise in Europa nicht vom Weltmarktpreis losgelöst. Und so wie der Ölpreis weltweit steigt, wenn es zum Beispiel im Nahen Osten zu Produktionsausfällen kommt, so steigt auch der Weizenpreis an den großen Börsen, wenn das Getreide eines wichtigen Produzenten wie der Ukraine fehlt. Dann zahlen die Mühlen mehr. Und Bäckereien in Deutschland müssen neu kalkulieren.

Beim letzten Kontrakt zahlte Rosentreter noch 28 Euro für 100 Kilogramm. "Jetzt zahle ich 48 Euro!" Noch hat er diese Teuerung nicht weitergegeben. "Wie soll ich das sagen", druckst Rosentreter herum, "die Kunden sind dünnhäutig geworden und geben nicht mehr so viel Geld für Torten oder Kuchen aus. Wenn ich jetzt die gestiegenen Preise eins zu eins umlegen würde, dann hätte ich keine Kunden mehr."

Im Verkaufsraum ist von diesen Verwerfungen nichts zu sehen. In der Hauptfiliale in Sonsbeck sind die Auslagen voll, noch: Denn auch die Gaspreise für Rosentreters Öfen explodieren. Und das Mehl, mit dem er arbeitet, Güteklasse A, stammt nicht allein aus Deutschland. Mehl aus anderen Ländern muss zugemischt werden, aus Kanada zum Beispiel. Oder den USA. Und auch dort gibt es dramatische Probleme.

HEALY, USA

Es ist Hochsommer, ein bewölkter Tag im Dorf Healy, 223 Einwohner, US-Bundesstaat Kansas. Der Farmer Vance Ehmke sitzt in einem silbernen Getreidesilo, das er zu einem rundförmigen Büro umgebaut hat. Er geht anhand von Tabellen noch mal die wichtigsten Daten des Jahres durch: wieder kaum ein Tropfen Regen. Die Dürre in der amerikanischen Prärie geht nun schon ins dritte Jahr. Neben ihm steht Louise, seine Frau, die jedes Mal hoffnungsvoll raustritt, sobald sie ein paar Wolken sichtet.

"Keiner weiß, wann die Dürre endet", sagt Ehmke. "Es ist eine einzige Katastrophe."

Ehmke erspäht ein paar dunkle Wolken im Süden, aber wieder folgen keine Tropfen. "Einige Gegenden in West-Kansas haben in diesem Jahr nur 3,5 Millimeter Niederschläge abbekommen", sagt er, "weniger als in der Wüste."

Farmer Vance Ehmke zeigt zwei verschiedene Ähren
Farmer Vance Ehmke zeigt den Unterschied zwischen einer Ähre, die sich entwickelt hat – und einer, die in der Dürre eingegangen ist
© David Condos/Kansas News Service

Dabei gehe es Kansas noch gut. Schlimmer noch treffe die Trockenheit Oklahoma, Texas und Colorado. "Dazu kommen Stürme, Hagel, Brände – und dann gibt es immer noch Nachbarn, die den Klimawandel für ein Hirngespinst halten", sagt er kopfschüttelnd – ein Verweis auf die vielen Trump-Anhänger in seinem Wahlkreis, die dem ehemaligen Präsidenten bei der letzten Wahl 85,1 Prozent bescherten.

Der Staat Kansas produziert 25 Prozent des amerikanischen Weizens, doch die Ernte wird dieses Jahr fast ein Drittel geringer ausfallen als normalerweise. Und das gerade jetzt, wo das Getreide von hier gebraucht würde.

Der Handel mit Rohstoffen wie Weizen ist auch darauf ausgelegt, dass Missernten oder Exportausfälle in einer Region zumindest zum Teil woanders ausgeglichen werden können. In diesem Jahr aber verhaken sich die Bausteine des Systems gleich an mehreren Ecken oder fallen ganz aus. Da sind nicht nur die Dürren im Sahel oder eben in Kansas, auch Indien litt im Frühjahr unter einer Rekordhitzewelle und verhängte kurzzeitig ein Exportverbot. Im Norden Italiens hat es seit Monaten nicht richtig geregnet. Und China, das mit seinen gewaltigen Vorräten den Markt entlasten könnte, hortet lieber.

"Liebes Afrika, für euch bedeutet das: Hunger"

780 Millionen Tonnen Weizen wurden im vergangenen Jahr auf der Welt geerntet, in diesem Jahr werden es wohl etwa elf Millionen Tonnen weniger sein. Dazu kommen noch mehrere Dutzend Millionen Tonnen, die in der Ukraine festhängen. Und weil die Welt von Weizen lebt, weil Ägypten, der weltgrößte Importeur, ihn für das Fladenbrot genauso braucht wie Italiens Pasta-Firmen für die Nudeln und die deutschen Bäcker für die Brötchen, weil also Weizen, wie die anderen Getreidesorten, für den Kalorienbedarf der Welt nicht wegzudenken ist, deswegen können auch elf Millionen Tonnen den Unterschied machen. "Es brennt auf der Welt an viel mehr Stellen, als wir das Feuer austrampeln können", sagt Martin Frick, Deutschlandchef des World Food Programme.

Seit vergangenem Herbst begleiten Stiftung stern und Welthungerhilfe das Dorf Kinakoni in Kenia und versuchen gemeinsam mit den Menschen, langfristige Lösungen gegen den Hunger zu finden. Start-ups aus Nairobi unterstützen uns. Auch Kinakoni leidet unter der Dürre, erste Maßnahmen wie Wassertanks konnten die Lage verbessern. Hier gibt es mehr Infos und Schulmaterialien.  Das Projekt ist auf Spenden angewiesen, wir freuen uns über Unterstützung. Hier können Sie direkt spenden.
Seit vergangenem Herbst begleiten Stiftung stern und Welthungerhilfe das Dorf Kinakoni in Kenia und versuchen gemeinsam mit den Menschen, langfristige Lösungen gegen den Hunger zu finden. Start-ups aus Nairobi unterstützen uns. Auch Kinakoni leidet unter der Dürre, erste Maßnahmen wie Wassertanks konnten die Lage verbessern. Hier gibt es mehr Infos und Schulmaterialien. Das Projekt ist auf Spenden angewiesen, wir freuen uns über Unterstützung. Hier können Sie direkt spenden.

Oder wie es Vance Ehmke in Kansas mit seinem Hang zum Sarkasmus formuliert: "Sorry, liebes Afrika, für euch bedeutet das: Hunger."

Für einen Moment steht der Satz brutal im Raum.

"Sorry, aber was soll ich darum herumreden", verteidigt er sich. "Du kannst dich als Bauer nicht auch noch um die Welt sorgen. Du musst dich ums eigene Überleben sorgen."

Dem deutschstämmigen Vance Ehmke, 73, Weizenbauer in der fünften Generation ("seit 1886"), ist die Welt da draußen keineswegs egal. Er verfolgt die Entwicklungen in der Ukraine und in Afrika sehr genau, er war lange in Marokko, er hat Kunden in Polen.

Ehmke holt einen Notizzettel hervor, er hält alles in Zahlen fest, Erträge, Verluste, den Taschenrechner immer dabei. "Der Preis für Weizen ist zwar hochgeschossen, die Nachfrage auch, aber das führt nicht automatisch zu mehr Anbau", erklärt er. "Denn die Preise für Mais sind noch stärker gestiegen. Also steigen viele Bauern um. Erst wenn auch die Maisernte in Iowa wegen der Dürre einbrechen sollte, könnte der Weizenanbau wieder profitieren, weil einige Bauern dann zum Weizen zurückkehren."

Aber soll er jetzt für eine Dürre in Iowa beten?

Es ist kompliziert.

Russland profitiert wie kaum ein anderer Staat

Vance Ehmke steigt in seinen SUV und führt über seine Farm. Der Himmel erscheint schier endlos, eine Weite wie in Ostfriesland. Goldene Felder links und rechts, durch manche springen Rehe, aber dazwischen immer auch Brachland und staubtrockene Erde.

Es ist Erntezeit, riesige Mähdrescher sind im Einsatz. Sie fahren über die trockene Erde, durch die sich tiefe Risse ziehen. Manche Felder sind "tot", wie es Ehmke formuliert, "nur knöchelhohes Stroh". Auf Monitoren im Führerhaus lassen sich die Erträge in Echtzeit ablesen, mal 10 Scheffel pro Acre, also 0,4 Hektar, mal sind es 30. "Es müssten 70 Scheffel sein", sagt der Fahrer Daneel, ein Südafrikaner.

Riesige Getreidefelder werden mit mehreren Mähdreschern abgeerntet
 Vance Ehmkes Heimat Kansas ist die Kornkammer der USA, riesige Felder werden mit mehreren Mähdreschern abgeerntet
© Depositphotos

Daneel tourt als Erntehelfer durchs Land, er kommt gerade aus Texas und Oklahoma, und er sieht überall nur: "Trockenheit, Trockenheit, Trockenheit."

"Hoffentlich nicht wie in den 30er-Jahren", ergänzt Ehmke und zählt auf: "Der Dust Bowl – Sandstürme, zehn Jahre Dürre, Armut, Landflucht, das volle Programm während der Weltwirtschaftskrise."

Das ist für ihn die große Frage: Ist das gerade nur eine schwere Gesamtkrise – Kriege, Pandemie, Dürren, eben ein perfekter Sturm – oder der Beginn eines weltweiten Absturzes? Einer dramatischen Verschiebung der Gewichte?

Er gibt damit das mulmige Gefühl wieder, das die Menschen nicht nur vor den Supermarktregalen umtreibt, sondern auch in den Ministerien. Denn Agrarmacht ist reale Macht. Die USA erzeugen fast 40 Prozent des Maises und 13 Prozent des Weizens der Welt.

In der Region zwischen Texas und Nebraska könnten die Erträge allerdings in den kommenden zwei Jahrzehnten um bis zu 90 Prozent sinken, während sich die besten Anbauregionen als Folge des Klimawandels nach Norden verlagern – und davon könnte wiederum Russland profitieren. Ausgerechnet Russland, das den Hunger als Waffe einsetzt, das als drittgrößter Weizenproduzent wie kaum ein anderer Staat vom gestiegenen Weltmarktpreis profitiert – Getreide ist nicht mit Sanktionen belegt.

Infografik zum Weg des Weizens
Quellen: Guardian, World Food Programme, liveuamap.com
© stern

Wladimir Putin setzt auf diese strategische Macht. Um 100 Prozent ist Russlands Weizenexport innerhalb von vier Jahren angestiegen, und schon im Herbst 2019 sagte Putin den Teilnehmern eines russisch-afrikanischen Wirtschaftsforums: "Wir exportieren jetzt nach Afrika mehr landwirtschaftliche Produkte als Waffen."

Schon damals schien eine Drohung zwischen den Zeilen zu stehen.

AINABO, SOMALIA

Hodon Bile sitzt schunkelnd auf dem Plastikstuhl im Gesundheitszentrum von Ainabo in der autonomen Region Somaliland im Norden Somalias. Ihr Hijab ist streng um das Gesicht geschlungen und fällt locker über ihren Körper. Es lässt sich nur erahnen, wie groß das Kind ist, das sich unter dem Schleier an der 30-jährigen Mutter festhält. Wenn Hodon Bile nur eine Sekunde mit dem Wiegen aussetzt, dringt ein Weinen unter dem Hijab hervor. "Kalif war sehr krank, aber langsam geht es besser", sagt die Mutter. Sie pustet die Worte schnell aus sich heraus. Nur nicht aufhören, das Kind zu wiegen.

Um fünf Uhr ist Hodon Bile heute aufgestanden, um den Marsch zum Gesundheitszentrum hinter sich zu bringen, bevor die Sonne die Temperatur auf über 40 Grad jagt. Gegessen hat sie noch nichts. Heute ist Kalifs Nachuntersuchung. Der Dreijährige wurde vor wenigen Tagen von der Stabilisierungsstation entlassen, wo unterernährte Kinder vor dem Hungertod gerettet werden.

Denn der Tod durch Hunger ist hier am Horn von Afrika wieder zu einer grausamen Realität geworden. Viele Familien leiden noch unter den wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie. Vier Regenzeiten in Folge sind ausgefallen. Und nun explodieren auch noch die Lebensmittelpreise. Das trifft selbst Orte am Ende der Welt wie Ainabo.

Hodon Bile mit ihrem Sohn Kalif
Hodon Bile (r.) füttert ihren Sohn Kalif. Fast wäre er an Unterernährung gestorben, wie schon drei weitere Kinder von Bile
© Nicole Macheroux-Denault

Knapp 6000 Menschen leben hier. Der Boden ist staubtrocken, die Dürre ist unübersehbar, und sie trifft jeden. "Wir haben unser gesamtes Vieh verloren. Und wir hatten viele Ziegen!", sagt Hodon Bile. Ungefähr vier Stunden Fußmarsch von Ainabo entfernt hat Bile mit ihrem Mann und ihren Kindern gelebt. "Unsere Tiere sind alle verhungert. Als das letzte starb, sagte mein Mann: Was soll ich noch hier?" Er überließ Frau und Kinder ihrem Schicksal.

Mehrere Tage lang ist Hodon Bile mit ihren sieben Kindern nach Ainabo gelaufen. Wie die meisten Flüchtlinge landete die Familie zuerst in einem der Flüchtlingslager am Rand des Ortes. Mehr als 10 000 Menschen leben dort in einfachen Hütten, ein paar Äste als Gerüst, darüber Tücher oder Plastikfolien.

"Meinem jüngsten Sohn ging es sehr schlecht. Ich habe ihn ins Gesundheitszentrum gebracht", erzählt Bile. "Aber es war zu spät." Zwei weitere Söhne starben kurz darauf. "Und im Krankenhaus dachte ich dann: Jetzt stirbt auch Kalif."

Die kleine Klinik von Ainabo wird seit einigen Jahren von der Hilfsorganisation Care finanziert. Die Lage war immer schwierig, aber jetzt ist es existenziell. "Es geht darum, Menschenleben zu retten", sagt Amrab Shire, eine somalische Mitarbeiterin von Care.

Das Weizen aus der Ukraine fehlt

Über 4000 Kilometer liegen zwischen Kiew und Somalia, doch was im fernen Osteuropa passiert, schlägt Wellen bis ans Horn von Afrika. Die autonome Region Somaliland importiert einen Großteil des Weizens aus Indien und aus Ägypten, das wiederum von der Ukraine und Russland beliefert wird. Wenn aber die Seeroute durch das Schwarze Meer blockiert ist, dann hat das Folgen für die gesamte Region.

Im Libanon schließen viele Bäckereien inzwischen schon nach zwei Stunden – das Land importiert normalerweise 95 Prozent seines Getreides aus der Schwarzmeerregion. Von Tunesien aus machen sich inzwischen wieder deutlich mehr Migranten auf den Weg übers Mittelmeer, nachdem die Lebensmittelpreise um ein Vielfaches gestiegen sind. In Ägypten sitzt die Angst vor Brot-Aufständen tief, und so nutzte das Land einen kurzzeitigen Rückgang der Weizenpreise, um 815 000 Tonnen zu ordern – der größte Einkauf seit zehn Jahren.

Noch dramatischer allerdings sind die Folgen am Horn von Afrika, hier, wo der Hunger nie fern ist. "Ich verfolge die Nachrichten über die Ukraine genau", sagt etwa Abdilahi Farax. Der 54-Jährige besitzt einen Lebensmittelladen in Burao, gut 120 Kilometer nordöstlich von Ainabo. Burao liegt an der Route zur Hafenstadt Berbera, von hier bekommt Farax die meisten seiner Waren. Von Spaghetti bis Klopapier, von Seife bis Babynahrung. Und eben auch Weizen, in großen Säcken.

Händler Abdilahi Farax vor Weizensäcken
Der Händler Abdilahi Farax zeigt seinen Weizen – der immer teurer wird
© Nicole Macheroux-Denault

Wer über die Lage im Donbas reden möchte, findet in der somalischen Kleinstadt gut informierte Gesprächspartner. "Frankreich hat recht", sagt Abdilahi Farax an diesem Tag, da Präsident Macron rhetorisch in die Offensive gegangen ist. "Die Ukraine muss gewinnen." Aber bitte bald, fügt er hinzu und hebt die Arme gen Himmel.

Alle drei Monate kommt ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation Care in Farax’ Laden und fragt die Lebensmittelpreise ab. "Im März kosteten zwei Liter Sonnenblumenöl drei US-Dollar. Heute sind es acht", sagt Farax. Er hat die Preise auf einen Ringblock geschrieben. Der Care-Mitarbeiter gibt die Daten in eine App auf seinem Handy ein. 25 Kilogramm Weizenmehl: von 24 auf 33 Dollar. Der Preis von Milchpulver hat sich fast verdreifacht von acht auf 21 Dollar.

Dabei ist es gar nicht allein der aktuelle Mangel, der die Preise in die Höhe treibt. So wie auch Hungersnöte normalerweise nicht entstehen, weil es nichts mehr zu essen gibt, sondern, das wies der Nobelpreisträger Amartya Sen nach, weil lokale Märkte nicht funktionieren und Menschen sich Mais oder Hirse oder Weizen schlicht nicht mehr leisten können.

Tausende Menschen werden sterben

Die Welternten der vergangenen Jahre waren nicht schlecht, die Lagerbestände sinken zwar, aber noch gibt es Getreide. Die Händler an den Börsen aber preisen auch schon die zu erwartende Knappheit mit ein. Da Prognosen derzeit schwierig sind, schwanken die Preise sehr stark und gingen zwischenzeitlich fast wieder auf Vorkriegsniveau zurück. Auch Spekulationen spielen eine Rolle. Sie verstärken Trends – die am Ende der Kette eben auch einen kleinen Laden am Horn von Afrika treffen.

"Ich habe zwei Drittel meiner Kunden verloren", sagt Abdilahi Farax. Um seine Existenz zu sichern, versucht er, sich auf die neue Lage einzustellen. Normalerweise verkauft Farax den Weizen im Sack zu 25 Kilo. "Inzwischen biete ich auch halbe Säcke an, manchmal sogar einen viertel Sack." Sonst könne er sie nicht mehr verkaufen.

Auch den Hilfsorganisationen fehlt das Geld. Auch sie müssen ja mehr zahlen – doch kaum jemals gab es so wenig Unterstützung in einer Krise dieses Ausmaßes. Der Hunger in Afrika scheint weit weg angesichts von Russlands Krieg in der Nachbarschaft, doch lassen sich Menschenleben aufrechnen? Zählt das Leid der einen mehr als das der anderen? Auf der Welt sind inzwischen fast 50 Millionen Menschen akut von einer Hungersnot bedroht. Mehr als 800 Millionen sind unterernährt. Noch nie waren es so viele.

Das Welternährungsprogramm musste aus Geldmangel für 1,7 Millionen Menschen im kriegsgebeutelten Südsudan die Rationen streichen. Tausende von ihnen, so viel ist sicher, werden sterben. Und auch die von den G7-Staaten zugesagten 4,3 Milliarden Euro werden nicht ausreichen, das Leid dieser Menschen zu lindern. Sie erfahren die Folgen des Klimawandels und eines sehr weit entfernten Kriegs am eigenen Leib, obwohl sie an beidem keine Schuld tragen.

Die Milliarden bleiben ein Tropfen auf den heißen Stein, und das ist hier am Horn von Afrika wortwörtlich zu verstehen.

Erschienen in stern 30/2022

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