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Nigeria Das grausamste Geschäft – wenn Extremisten ganze Schulklassen kidnappen

Jäger warten vor dem Haus des Emirs. Ihr Wissen über den Busch nutzt Nigerias Armee bei der Jagd nach den Islamisten
Jäger warten vor dem Haus des Emirs. Ihr Wissen über den Busch nutzt Nigerias Armee bei der Jagd nach den Islamisten
© BENEDICTE KURZEN / NOOR
Regelmäßig werden im Norden Nigerias ganze Schulklassen entführt – das Lösegeld finanziert die islamistischen Extremisten des Landes. Die Angst der Menschen wächst. Und die Wut über eine untätige Regierung.
Von Manon Quérouil

Man muss Maiduguri verlassen, um zu erkennen, dass es sich bei dieser Stadt im Norden Nigerias tatsächlich um eine belagerte Festung handelt. Die Hauptstadt des Bundesstaates Borno ist von Lagern mit Vertriebenen und von dschihadistischen Widerstandskämpfern umzingelt. Eine stark beschädigte Straße in Richtung Kamerun führt durch eine Landschaft aus Ruinen, Geisterdörfern und Militär-Checkpoints. In den Wächterhäusern hängen, wie in einer Kulisse aus einem alten Western, die Fahndungsplakate mit den finsteren Gesichtern der "most wanted", der meistgesuchten Kämpfer von Boko Haram.

Das Gebiet der mörderischsten Terrororganisation Afrikas, die seit ihrem Anschluss an den IS auch unter dem Akronym ISWAP (Islamic State West Africa Province) firmierte, erstreckt sich entlang des zerstörten Asphalts von den Vororten Maiduguris bis zum Tschad-See. Dort werden irgendwo noch immer 112 Schülerinnen festgehalten, die vor sieben Jahren aus Chibok entführt wurden.

Vor wenigen Wochen sprengte sich der langjährige Anführer von Boko Haram, Abubakar Shekau, nach einem Gefecht mit einer abtrünnigen Fraktion selbst in die Luft. Noch ist unklar, welche Folgen das für den Kampf der rivalisierenden Islamisten in Nigeria haben wird. Sicher allerdings ist: Die Menschen werden weiterhin unter Attacken und Entführungen leiden – der Staat ist nicht in der Lage, Frieden und Stabilität zu sichern. Erst Anfang dieser Woche wurden wieder 140 Kinder aus einem Internat entführt.

"Sie konnten nicht so schnell laufen"

Nach einer einstündigen Fahrt erscheinen die Umrisse der Stadt Bama, die 2014 von den Dschihadisten dem Boden gleichgemacht und von einem guten Teil ihrer Bewohner verlassen wurde. Im Herzen dieser sterbenden Stadt steht ein riesiges Lager, die Menschen hier sind vor den Extremisten geflüchtet.

Mohammeds Eltern wurden bei einem Angriff auf sein Dorf ermordet. Mit seinen drei Brüdern besucht er die Future Prowess School
Mohammeds Eltern wurden bei einem Angriff auf sein Dorf ermordet. Mit seinen drei Brüdern besucht er die Future Prowess School
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

In einem dunklen Loch hält eine Frau ihr unterernährtes Baby auf dem Schoß und weint leise. Das Kind wurde im Wald von Sambisa geboren, lange Hochburg von Boko Haram. Die Frau nutzte eine Militäraktion, um die Flucht zu ergreifen, musste aber ihre ältesten Kinder, fünf und sieben, hinter sich lassen. "Sie konnten nicht so schnell laufen", erzählt sie leise, während sie ihren Jüngsten wiegt.

Ein paar Schritte von ihr entfernt lehnt ein alter Mann dösend an einer Wand. Er sieht so abgestumpft aus wie jemand, der aus der Hölle flüchten konnte. Man nennt sie hier die "Awan": Dorfbewohner, die von den Islamisten als Sklaven und menschliche Schutzschilder zwangsrekrutiert wurden. Sein Sohn erzählt von Zwangsarbeit auf dem Feld, vom Hunger, von den Prügelstrafen und wie Menschen nach gescheiterten Fluchtversuchen zur Abschreckung der anderen die Kehle durchgeschnitten wurde. Der Alte schweigt, hält die Hände vor seine Augen. Der Sohn erklärt die Geste: "Er dankt Gott dafür, dass er ihn hat erblinden lassen." So musste er das Grauen nicht sehen.

Die Strafe dafür: rechte Hand ab

Doch die ehemaligen Peiniger leben unter den Flüchtlingen. Vor einigen Wochen wurde ein Mann wegen Spionage für die Dschihadisten verhaftet. Das Lager beherbergt 600 ehemalige Kämpfer, die an einem Deradikalisierungsprogramm teilgenommen haben. Einer von ihnen besitzt eine kleine Blechbude, in der man sein Handy wieder aufladen kann. Mit leiser Stimme beichtet er seine Gräueltaten.

Im Lager für Vertriebene in Bama bereitet sich ein Mann auf das Freitagsgebet vor. 40.000 Menschen sind vor Gewalt und Terror hierher geflohen
Im Lager für Vertriebene in Bama bereitet sich ein Mann auf das Freitagsgebet vor. 40.000 Menschen sind vor Gewalt und Terror hierher geflohen
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Er trat den Extremisten mit 17 Jahren bei und lernte, einen Raketenwerfer zu bedienen. Neun Jahre lang bestand seine Arbeit darin, staatliche Gebäude und Dörfer zu pulverisieren. "Wir bombardierten, gingen rein und taten, was zu tun war: allen Männern den Hals durchschneiden und Frauen und Jugendliche mitnehmen." Und: "So lauteten die Befehle. Ich war zu 100 Prozent Soldat." Er spricht mit gleichgültiger Stimme, als ob er die Tragweite der Massaker nicht erkennen könne.

Nicht Schuldgefühle bewegten ihn dazu, sich vor drei Jahren zu stellen – sondern die erbarmungslose Justiz seiner Glaubensbrüder. Der Mann kratzt an dem Stummel, der auf seiner abgetragenen Tunika liegt. Er wurde vor einem religiösen Gericht des Diebstahls angeklagt, weil er sich ohne Erlaubnis ein Motorrad geborgt hatte, um seine Familie zu besuchen. In Boko Harams Interpretation der Scharia lautet die Strafe dafür: rechte Hand ab.

Sechs Monate lang herrschte Boko Haram 2014 und 2015 über die Stadt Bama. Seither liegen viele Viertel in Trümmern
Sechs Monate lang herrschte Boko Haram 2014 und 2015 über die Stadt Bama. Seither liegen viele Viertel in Trümmern
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Es sind solche Methoden, die selbst manchen Kämpfern von Boko Haram zu weit gehen. Schon vor einigen Jahren spalteten sich einige ab und beantspruchen fortan allein die ISWAP, die Filiale des Islamischen Staats zu sein. Seitdem bekämpfen sich die Fraktionen – was jetzt zum Tod von Shekau führte. Ein gewisser Bakura Modu gilt nun als Anführer von Boko Haram.

Wie undurchsichtig die Lage aber ist, zeigte eine Meldung der vergangenen Woche: Da griffen Kämpfer von ISWAP und Boko Haram gemeinsam ein Dorf an.

Die Geisel wird mit einem Messer am Hals gefilmt

Weit weg von den Lagern, in einem Restaurant von Maiduguri, willigt ein anderer Ehemaliger ein, über sieben Jahre in Diensten von Boko Haram zu reden. Der junge Mann beschreibt eine gut strukturierte Parallelgesellschaft, die einen mittelalterlichen Islam mit Hightech-Kommunikationsmitteln praktiziert.

In der Future Prowess School in Maiduguri erhalten von Krieg und Gewalt betroffene Kinder Unterstützung, hier werden sie unterrichtet und auch psychologisch betreut. Die Schule ist auf Hilfe angewiesen. Wir leiten Ihre Spenden ohne Abzug weiter. Hier können Sie helfen.
In der Future Prowess School in Maiduguri erhalten von Krieg und Gewalt betroffene Kinder Unterstützung, hier werden sie unterrichtet und auch psychologisch betreut. Die Schule ist auf Hilfe angewiesen. Wir leiten Ihre Spenden ohne Abzug weiter. Hier können Sie helfen.

100.000 Anhänger gehören dem "Kalifat" nach seinen Berechnungen an. Er wurde zuerst für zwei Jahren in eine "Madrasa" zur Beobachtung geschickt: "Die Anführer fanden, dass ich einen sanftmütigen Charakter besaß, und brachten mich in der Pflegeschule bei einem Professor der medizinischen Fakultät von Maiduguri unter. Er brachte mir bei, Kugeln zu entfernen und saubere Amputationen vorzunehmen."

Bald wird er seine Eltern wiedersehen. Im Dezember wurde der Junge mit über 300 anderen Schülern aus einem Internat gekidnappt. Nigerianische Soldaten befreiten ihn aus einem Lager im Busch
Bald wird er seine Eltern wiedersehen. Im Dezember wurde der Junge mit über 300 anderen Schülern aus einem Internat gekidnappt. Nigerianische Soldaten befreiten ihn aus einem Lager im Busch
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Boko Haram, so erzählt er, teile sich in mehrere Zweige: Training, Logistik, Chemie und sogar eine Mediationsabteilung, die über die Gemütsverfassung der Geiseln wachen soll. Er selbst wurde dem MediaCenter zugeordnet, das dank Dutzender Computer "den Anschluss des Waldes zum Rest der Welt ermöglicht", wie er mit einem Rest von Stolz sagt.

Er erzählt von Generatoren und Solarmodulen, die Botschaften an den "Imam" Shekau weiterzuleiten halfen. Weil sie über vertrauliche Informationen verfügten, durften Fachkräfte wie er nicht aus dem Hauptquartier heraus. Er war unter anderem zuständig für die Erstellung von Lösegeld-Videos nach stets dem gleichen Drehbuch: Die Geisel in einem roten Overall wird mit einem Messer am Hals von mehreren Kameras gefilmt und fleht die Familie und den nigerianischen Präsidenten um Hilfe an.

Hunger, Einsamkeit und fingierte Hinrichtungen

Vor zwei Jahren stand Halima vor diesen Kameras, nachdem sie auf dem Weg zu ihrer Mutter entführt wurde. Es fällt ihr schwer, die schmerzliche Erinnerung an diese sechs Monate zurückzurufen, die sie in einem Käfig aus Zink verbrachte. Ihre Angst zeigt sich in jedem Atemzug. Halima durchlebte Hunger, Einsamkeit und fingierte Hinrichtungen. Ihr Leidensweg endete eines Morgens im Juni 2019, als die Entführer sie in der Nähe einer militärischen Absperrung freiließen. Ein Wagen wartete auf sie. Halima erfuhr später, dass sie ihre Befreiung der Beifahrerin des Wagens verdankte.

Wir treffen diese Heldin in einem Chaos aus Kartons und umgekippten Möbeln. Ummul Kalthum Muhammad Rabiu zieht aus ihrem Büro im Zentrum von Maiduguri aus. Es ist aufgrund ihrer Bekanntheit zu klein geworden. Sie jongliert mit drei Telefonen gleichzeitig. Diese 26-Jährige ist zur letzten Hoffnung Dutzender Familien geworden. Sie hält wie keine andere den Kontakt zu den Extremisten.

Kalthum Muhammad Rabiu vermittelt zwischen Entführern und den Familien der Opfer. Die 26-Jährige wird als Heldin gefeiert. Für ihre Verhandlungen mit den Entführern benutzt Kalthum mehrere Handys parallel. Sie ist die letzte Hoffnung für viele Familien
Kalthum Muhammad Rabiu vermittelt zwischen Entführern und den Familien der Opfer. Die 26-Jährige wird als Heldin gefeiert. Für ihre Verhandlungen mit den Entführern benutzt Kalthum mehrere Handys parallel. Sie ist die letzte Hoffnung für viele Familien
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Angefangen hat alles mit einem Brief, den sie über einen Vermittler den Verantwortlichen bei Boko Haram hatte zukommen lassen. Darin empfahl sie ihnen, den Dialog mit den Behörden zu suchen, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Und bot ihre Dienste an. Entgegen allen Erwartungen erhielt sie eine Antwort aus dem Sambisa-Wald. Seither steht die Verbindung.

Die Befreiung Halimas war ihr erster Erfolg, und es folgten weitere: zwei Pastoren, drei Schülerinnen, ein Student. Von zwei Misserfolgen erzählt Kalthum auch: eine Geisel hatte sich in der Haft den Islamisten angeschlossen und weigerte sich, ihre Entführer zu verlassen. Eine andere wurde vor Ende der Verhandlungen hingerichtet. Die Vermittlerin schweigt über die geflossenen Lösegeldsummen und versichert, dass es sich meist um eine einfache Entschädigung für die Kosten der Geiselhaft handele.

Natürlich sehen manche diese junge, ehrgeizigen Frau skeptisch, die sich als eine Art Malala von Afrika sieht. Manche beschuldigen sie, sich mit dem Unglück anderer einen Namen machen zu wollen; andere werfen ihr vor, als Feigenblatt der Regierung zu agieren.

Tatsache ist, dass sich die Massenentführungen seit einigen Monaten häufen. Zeigt das die Schwäche der Organisation angesichts der Kämpfe mit Rivalen? Oder haben die Islamisten schlicht eine neue Finanzierungsquelle gefunden? Die Meinungen gehen auseinander – an den Schicksalen ändert das nichts.

Von einer Sekte zur terroristischen Organisation

Traurig schüttelt Zannah Mustapha sein weiß gewordenes Haupt. Der Mann wird respektiert im Staat Borno: Er leitet zwei Schulen, die gleichermaßen Opfer von Boko Haram und Kinder von Aufständischen aufnehmen. Ihm verdankt man die Befreiung von 103 der 276 in Chibok entführten Mädchen.

Die Männer des Emirs von Borno patrouillieren durch Maiduguri. Sie haben die Extremisten aus der Stadt vertrieben. Und verhindern deren Rückkehr
Die Männer des Emirs von Borno patrouillieren durch Maiduguri. Sie haben die Extremisten aus der Stadt vertrieben. Und verhindern deren Rückkehr
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Er brüstet sich nicht damit, sondern glaubt, die Regierung habe eine Gelegenheit verpasst, notwendige Verhandlungen zu beginnen, als die Lage im Norden Nigerias nach der Entführung von Chibok im Fokus der Weltöffentlichkeit stand: "Statt sich auf die Befreiung der anderen Mädchen zu fokussieren, hätten die Behörden besser einen Pakt zum Schutz der Zivilbevölkerung und einen humanitären Korridor aushandeln müssen."

Auch weil das unterblieb, sind die Entführungen heute ein gut eingespieltes Business. Die Entführer verlangen ihre Lösegelder nun in Euro, die sie anschließend zu einem rekordhohen Kurs wechseln. Seit dem Tod ihres Gründers Mohammed Yusuf, der 2009 von der Armee hingerichtet wurde, ist Boko Haram von einer Sekte zur terroristischen Organisation mutiert.

Kinder von Terror-Opfern lernen neben Kindern von Extremisten in der Future Prowess Islamic Foundation School – einem Friedensprojekt
Kinder von Terror-Opfern lernen neben Kindern von Extremisten in der Future Prowess Islamic Foundation School – einem Friedensprojekt
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Auch Maiduguri hat sich seit dem Entführungsdrama in Chibok gewandelt. Es gibt nun Dutzende NGO-Büros in der Stadt – und sogar funktionierende Verkehrsampeln. Aber für die meisten Menschen hat sich nichts geändert. Schlimmer noch: Sie haben den Eindruck, dass die Behörden aus ihrem Unglück Profit schlagen. Selbst die erbittertsten Gegner der Islamisten können ihre Wut über die Trägheit des Militärs nicht verbergen.

Extremisten statt Löwen jagen

Alhaji Mai-Gana Mai-Durma hat vier Frauen, 24 Kinder und verfügt über die exquisiten Manieren eines Aristokraten der Savanne. Als Emir der Jäger Bornos kann er auf ein Netzwerk von 15.000 Kämpfern und Informanten zurückgreifen. Seine Männer sind Mitglieder einer altüberlieferten Bruderschaft, der übernatürliche Fähigkeiten zugesprochen werden. Schon vor langer Zeit haben sie aufgehört, Löwen und Antilopen zu jagen, um sich anderer Beute zu widmen.

Die Jäger waren es, die 2013 Boko Haram aus Maiduguri verdrängten. Seitdem stellen sie sich den Extremisten mit alten Gewehren und Amuletten entgegen. Das Militär hält sie bestenfalls für sanftmütige Verrückte und schlimmstenfalls für versteckte Unterstützer der Islamisten.

Jäger warten vor dem Haus des Emirs. Ihr Wissen über den Busch nutzt Nigerias Armee bei der Jagd nach den Islamisten
Jäger warten vor dem Haus des Emirs. Ihr Wissen über den Busch nutzt Nigerias Armee bei der Jagd nach den Islamisten
© BENEDICTE KURZEN / NOOR

Die Feindschaft zwischen Jägern und Dschihadisten entzündete sich, als letztere versuchten, den Gebrauch traditioneller Medizinkräuter als "haram", verboten, zu verbieten. Die Jäger haben die erste Schlacht gewonnen, ihr Oberhaupt hütet sich aber vor zu großer Siegessicherheit. Im Wohnzimmer einer seiner vier Residenzen, die er nach seiner Laune oder der seiner Ehefrauen wechselt, schwankt er zwischen Wut und Verbitterung. Er ist empört, dass seine Kämpfer Spürhunde sein müssen für vor Angst gelähmte Soldaten, die sich nicht in den Busch trauen.

Zwischen den Gelegenheitsverbündeten gibt es Streit. "Wir warnen die Armee, sobald wir Informationen über eine Offensive erhalten. Aber sie treffen immer erst am nächsten Tag ein", sagt der Emir. "Jetzt befehle ich meinen Männern, das Gleiche zu tun: Im Fall eines Angriffs sollen sie sich verziehen. Es kommt nicht infrage, dass wir als Kanonenfutter eingesetzt werden, während andere die Lorbeeren ernten."

Aufopferung für den Krieg

Unter der erbarmungslosen Sonne stehen 30 Männer stramm: einige in Tarnanzügen und Kampfstiefeln, andere in Jogginghosen und Flipflops. Es geht in die südlichen Vororte von Maiduguri, wo Rebellen regelmäßig einfallen, um sich zu versorgen. Vor zwei Monaten ist die Patrouille auf zwei Frauen gestoßen, sie trugen einen Sprengstoffgürtel. Sie wurden von Mai-Durmas Männer erschossen. Der Anführer an diesem Tag war Hassan Mohammad, der älteste Jäger. Er trägt einen für die Region ungewöhnlichen Schnurrbart und hält einen Stock, mit Schlangenhaut umwickelt.

Plötzlich hockt er sich mit der Agilität einer Katze neben eine Erdnussverkäuferin. Sie sei eine seiner besten Informantinnen, flüstert er uns zu und zupft etwas Gras ab. Bei jeder Patrouille lehrt er seinen Sohn, der ihn begleitet, die Wirksamkeit der Kräuter. Hassan befürchtet, dass die Geheimnisse des Waldes mit ihm verschwinden. Die neue Generation jage nur noch Dschihadisten.

Nachdem sie diesem Krieg alles geopfert haben, wäre es die schlimmste Niederlage.

Erschienen in stern 28/2021

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