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153 Euro für einen Vollzeit-Job: Wie Auszubildende im Friseurhandwerk ausgebeutet werden

Dass der Friseurberuf nicht gut bezahlt wird, ist hinlänglich bekannt. Trotz Tarifen und Mindestlohn kommen die Angestellten kaum über die Runden. Noch schlechter sieht es für die Auszubildenden aus - teilweise bekommen sie nur 153 Euro im Monat.

Christine Schierenberg (20) ist Auszubildende in einem Friseursalon in Sachsen-Anhalt.

Christine Schierenberg (20) ist Auszubildende in einem Friseursalon in Sachsen-Anhalt.

Keine tarifliche Ausbildungsvergütung in ganz Deutschland ist so gering, wie jene für Friseur-Azubis in Sachsen-Anhalt. Genau deswegen fühlt sich Christine Schierenberg ausgenutzt: In ihrem ersten Lehrjahr bekam sie nur 153 Euro im Monat, im zweiten Lehrjahr sind es jetzt knapp 179 Euro, noch dazu schiebt die 20-Jährige Überstunden und leistet Schichtdienste. "Ich verdiene umgerechnet weniger als einen Euro pro Stunde. Ich erfülle meine Arbeit pflichtbewusst und bekomme trotzdem so wenig Geld", sagt die Auszubildende. Um überhaupt über die Runden zu kommen, wohnt die junge Frau bei ihren Großeltern und ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Die 20-Jährige bekommt monatlich eine sogenannte Berufsausbildungsbeihilfe von 395 Euro. "Das Gefühl, in so jungen Jahren schon von der Ausbildungsbeihilfe von Staat abhängig zu sein, frustriert mich schon."

Wie Christine Schierenberg geht es vielen Auszubildenden im Friseurhandwerk, insbesondere in den neuen Bundesländern. "Die schlechte Bezahlung von Friseur-Azubis, vor allem in Sachsen-Anhalt, ist skandalös. Besonders, weil es deutschlandweit enorme Unterschiede gibt",  sagt Marvin Reschinsky von der Gewerkschaft Verdi.

1,62 Euro pro Stunde für Haarschnitte, Färben, Make-up

In Brandenburg verdient die 18-jährige Jasmin im 2. Lehrjahr geringfügig mehr, als Christine. Ihr Monatsgehalt: 260 Euro brutto. Ohne die Unterstützung ihres Freundes wäre Jasmin gar nicht in der Lage, ihre Friseur-Ausbildung zu machen. Ihr Freund bezahlt die gesamte Miete für die gemeinsame Wohnung in Frankfurt/Oder, und übernimmt alle Kosten für Strom, Wasser, Telefon und Internet. Jasmin schafft es mit ihrem Lohn gerade einmal, zwischendurch den Kühlschrank für die beiden zu füllen. Im 2. Lehrjahr gibt es zwar noch viel zu lernen, Jasmin ist mit Schere und Kamm aber mittlerweile so geschickt, dass ihr Chef ihr einfachere Aufgaben schon ganz überlässt: "Ich mach Kinder-Haarschnitte alleine, ich färbe schon Haare, übernehme Wimpern- und Augenbrauenfärben, Haare föhnen, Make-up und Styling", so die 18-Jährige. "Und für die Arbeit, die ich leiste, meine ich, würde mir eine bessere Bezahlung zustehen." Neben ihrer 40-Stundenwoche im Friseursalon nimmt Jasmin regelmäßig Nebenjobs an, um sich überhaupt mal einen Kinobesuch oder etwas Neues zum Anziehen leisten zu können.

Alle vier Wochen fährt sie anderthalb Stunden mit Zug, Bus und Straßenbahn für zwei Wochen zur Berufsschule nach Fürstenwalde. Dort, unter ihren Azubi-Kollegen gibt es eigentlich nur ein Thema: das liebe Geld und die miesen Arbeitsbedingungen. Laut einer aktuellen Umfrage unter 7000 Friseur-Azubis arbeiten bundesweit 4 von 5 Auszubildenden mehr als 40 Stunden in der Woche, 3 von 5 müssen regelmäßig unbezahlte Überstunden leisten und 2 von 5 klagen darüber, dass sie fachfremde Tätigkeiten ausüben müssen. Das hat Folgen: Ein Viertel aller angehenden Friseure in Deutschland bricht die Ausbildung vorzeitig ab. In Jasmins Klasse ist es sogar mehr als die Hälfte, von ehemals 19 Schülern sind nur noch acht dabei. Die 18-Jährige hält selbst nur durch, weil sie davon träumt als Maskenbildnerin beim Film zu arbeiten, wofür eine abgeschlossene Friseurausbildung Voraussetzung ist.

Knallharte Umsatzanforderungen für ausgelernte Friseure

Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks hat auf Anfrage mitgeteilt, dass die Ausbildungsvergütung im ersten Lehrjahr bundesweit mittelfristig auf mindestens 400 Euro angehoben werden sollte. Größtes Hindernis dabei seien allerdings die Landesinnungen, die sich gegen Lohnerhöhungen sperren. sagt Marvin Reschinsky von Verdi.  

Auch nach der Ausbildung ist die finanzielle Situation von Friseuren nicht gerade rosig. Zwar werden seit der flächendeckenden Einführung des Mindestlohns Friseuren zumindest 8,83 pro Stunde bezahlt. Allerdings haben viele der Angestellten knallhart formulierte Umsatzvorgaben. Wenn sie diese nicht einhalten, bekommen sie nur den Mindestlohn. Bei einer 40-Stunden-Woche macht das 1412 Euro brutto. Bleiben sie wiederholt unter dem vorgegebenen Mindestumsatz, droht ihnen sogar die Kündigung.

Regina Bär hat ihre Lehrjahre schon lange hinter sich. Die 38-Jährige arbeitet seit 20 Jahren als Friseurin in Magdeburg. Doch auch sie sagt: "Der größte Stress in meinem Job kommt durch den finanziellen Druck auf", so die alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter. Um etwas mehr als den Mindeststundenlohn zu bekommen, muss sie für ihren Chef mehr das Vierfache ihres Bruttolohns an Umsatz erbringen. "Und das jeden Monat. Deswegen arbeitet man die Kunden hintereinander weg, um so viel an Umsatz zu schaffen, wie möglich. Fair wäre eine solide Grundsicherung. Aber dieser ständige Druck, das macht auf Dauer krank." Regina Bär bekommt für ihre 30-Stundenwoche durchschnittlich 1312 Euro brutto im Monat. Durch die ständigen Geldsorgen und den permanenten Stress erlitt sie vor kurzem plötzliche Panikattacke bei der Arbeit.

Arbeitgeber könnten und müssten mehr zahlen, indem sie die Preise erhöhen

Die Aussichten von Friseur-Azubi Christine Schierenberg sind ebenso schlecht, da auch sie in Sachsen-Anhalt lebt und arbeitet, wo die tarifliche Vergütung im Friseurhandwerk bundesweit am geringsten ist. Wenn es nach ihr ginge, müssten die Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt ihren Friseur-Azubis für das, was sie täglich leisten, mindestens das Doppelte bezahlen. "Sie wollen es nur nicht, weil sie die Azubis als billige Arbeitskräfte sehen. Aber ein Auszubildender macht manchmal die gleiche Arbeit wie eine Fachangestellte." Dieser Meinung ist auch Marvin Reschinsky: "Das Argument der Arbeitgeber, wonach höhere Löhne für Azubis aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sind, ist unserer Meinung nach nur vorgeschoben. Zwar müssten die höheren Kosten auf die Preise für Haarschnitte umgelagert werden, aber wenn alle Arbeitgeber ihren Azubis mehr bezahlen müssten und dementsprechend alle die Preise erhöhen, hätte dies keine Auswirkungen. Das hat man bei der Einführung des Mindestlohns gesehen, der zuvor mit dem gleichen Argument abgelehnt wurde – und jetzt funktioniert."

Wenn Christine Schierenberg 2018 ins 3. Lehrjahr kommt, wird sie – gemäß der derzeitigen Tarifverträge – exakt 204,52 Euro verdienen. Für eine Vollzeitstelle mit 40 Stunden pro Woche und Überstunden. Sie wird ihre Großeltern also noch eine Weile um Unterstützung bitten müssen. Ebenso, wie unzählige andere Friseur-Azubis in Deutschland, die sich irgendwie finanziell organisieren müssen, um ihre Ausbildung überhaupt zu Ende machen zu können.