HOME

Schwangerschaftsabbruch: Abtreibung noch immer ein Tabu? Diese drei Frauen sprechen offen über ihre Entscheidung

Der stern-Titel vom 6. Juni 1971 schrieb Geschichte. Damals gestanden 374 Frauen in dem Magazin: "Wir haben abgetrieben". Fast 50 Jahre später spaltet das Thema noch immer die Gesellschaft. Diese drei Frauen haben den Mut, ihre Geschichten zu erzählen.

Abtreibung: Die 29-jährige Anna ist bereits Mutter von vier Kindern. Um ihnen gerecht zu werden, entschieden sich Anna und der Vater des Ungeborenen gegen ein fünftes.

Abtreibung: Die 29-jährige Anna ist bereits Mutter von vier Kindern. Um ihnen gerecht zu werden, entschieden sich Anna und der Vater des Ungeborenen gegen ein fünftes.

Eine ungewollte Schwangerschaft bringt viele Frauen in eine verzweifelte Lage.

"Ich wollte nie Kinder haben, ich wollte nie schwanger werden", sagt beispielsweise Tatjana (25).

"Ich habe abgetrieben, weil ich bereits Mutter von vier Kindern bin", sagt Anna (29).

Hinter ihren Geschichten steckt jedoch viel mehr als das. Denn die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch fällt keiner Frau leicht. Die Geschichten dieser drei Frauen sind ganz persönlich, dennoch möchten sie ihre Erfahrungen schildern.

Als Tatjana im April einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, habe ihr das den Boden unter den Füßen weggerissen, erzählt die 25-Jährige. Mutter zu werden habe sie in ihrem Leben nicht geplant. Dass sie sich je mit einem Abbruch beschäftigen müsste, jedoch auch nicht. Ihr Freund – ebenfalls noch in der Ausbildung, reagierte ebenso schockiert. Die beiden kannten sich erst ein Jahr. "Die erste Frage, die er gestellt hat, war: 'Wir sind uns aber sicher, dass wir das nicht wollen, oder?' Ich sagte: 'Ja, sind wir.'", erzählt Tatjana.

Wie vor Schwangerschaftsabbrüchen vorgeschrieben, wandte Tatjana sich an eine offizielle Beratungsstelle, wo Frauen ihre Not offen ansprechen und das Für und Wider der Schwangerschaft im Gespräch mit qualifizierten Mitarbeitern abwägen können. Nach der Beratung erhalten Frauen eine Bescheinigung und müssen mindestens drei Tage warten, bevor der Eingriff erfolgen kann. Der Abbruch selbst ist wie bei Tatjana bis zur 12. Schwangerschaftswoche straffrei. Als sie sich nach der ausführlichen Beratung dafür entschieden hatte, wandte sie sich an eine Tagesklinik. Doch es sei ihr bis heute unbegreiflich, wie man sie dort behandelte: "Ich hatte überhaupt keine Zeit, Fragen zu stellen, die Bilder zu verarbeiten, mal anzuhalten, um überhaupt durchzuatmen", so die 25-Jährige. "Und dann hieß es Hose runter, hinlegen, wir machen es jetzt."

Belastung vor allem durch Stigmatisierung

Bis heute brachte Tatjana es nicht übers Herz, mit ihren Eltern über ihren Abbruch zu sprechen, über das, was ihr passiert ist. Sie habe Angst vor den Reaktionen, fürchte, dass das Thema immer wieder auf den Tisch kommen würde. Die Debatte entbrannte auch im Internet, als stern TV im April den Paragrafen 219a  berichtete – über das Werbeverbot für Abtreibung und die damit verbundene Anklage zweier Ärztinnen, die auf ihrer Homepage lediglich angaben, dass sie diese durchführen. Es wurde nicht allein über die beschränkten Möglichkeiten, sich über Abtreibung zu informieren, diskutiert. Sondern vielmehr über Schwangerschaftsabbrüche allgemein. Über Ethik und Moral, und darüber, was erlaubt ist und was nicht. Tatjana las die Kommentare und stellte erschrocken fest, dass nur wenig Verständnis für betroffene Frauen geäußert wurde. Vieles war bewusst verletzend und beleidigend, manche Kommentare mussten von der Redaktion sogar verborgen werden. "Sowas kann ich einfach nicht begreifen. Das sind Menschen sind, die im Internet den Schutz der Anonymität nutzen, um Frauen ein schlechtes Gewissen zu machen. Die wissen gar nicht, was das in einem auslöst, was das für Gefühle sind", sagt Tatjana.

Keine Entscheidung ohne Zweifel und Trauer

Das Thema bleibt ein heikles. Auch fast 50 Jahre nach der Frauenbewegung der 70er Jahre ist Abtreibung ein gesellschaftliches Tabu. Wer sich trotzdem outet, wird zum Teil massiv angefeindet oder gar bedroht. Die sozialen Netzwerke machen es möglich. "In den 70er Jahren war das ein großes Thema, als sich die Frauen dafür eingesetzt haben, dass das ihr Körper ist und dass sie das selbst entscheiden dürfen. Jetzt haben wir 2018 und irgendwie scheint das Thema total rückschrittig zu sein", meint Anna. Die 29-Jährige ist alleinerziehende Mutter von vier Kindern. Ihr erstes Kind bekam sie mit 18 Jahren, fünf Jahre später das zweite. Mit 25 Jahren wurde sie das dritte Mal Mutter. Das vierte Kind machte ihr Glück perfekt – auch wenn es viel Verantwortung und finanzielle Einschränkungen bedeutete. Ein fünftes Kind hätte sie aber überfordert, sagt Anna. Als sie 2017 ungeplant schwanger wurde, war ihr sofort klar, dass sie das Kind nicht würde austragen können. Die junge Mutter bereut ihren Abbruch rückblickend nicht, sondern nur, dass es überhaupt zur Schwangerschaft kam. Sie habe nicht verhütet und das sei verantwortungslos. "Das ist es, was ich bereue und dafür schäme ich mich."

In der Nacht nach dem Schwangerschaftsabbruch war Anna vollkommen aufgelöst und versuchte ihre Gedanken zu ordnen, indem sie alles aufschrieb. Ein Brief voller Liebe für ihre Kinder, auch das ungeborene. Und ein Brief der Trauer und Reue – mit der Erkenntnis, dass die Entscheidung Folgen hat: Gute wie schlechte. Das Ultraschallbild hat sich Anna erst nach dem Abbruch geben lassen. Es erinnert sie daran, dass sie ihre Entscheidung alles andere als leichtfertig getroffen hat. "Ich weiß, wie sich Mutterliebe anfühlt. Sobald du weißt, du bist schwanger, hast du automatisch solche Gedanken im Kopf. Dann klar zu bleiben und zu sagen 'Das geht nicht mehr', das ist hart und nicht leichtfertig entschieden."

Hinter der Entscheidung zu stehen wird kaum toleriert

Alexandra hat heute all das, was sie sich immer gewünscht hat: Zwei gesunde Kinder, einen tollen Partner, einen Beruf und das Familienleben. "Das ist genau das, was ich wollte und das wäre damals nicht möglich gewesen", sagt die 33-Jährige. Sie spricht von 2010: Alexandra war in einer Beziehung mit einem anderen Mann. Ihr Sohn war damals erst zwei Jahre alt. Als Alexandra erneut schwanger wurde, war ihre Freude über das zweite Wunschkind groß. Doch ihr Partner reagierte anders: Er hatte eine Affäre und ließ Alexandra mit der Schwangerschaft kurzerhand allein. "Er trennte sich mit den Worten, dass er für das Kind definitiv nicht da sein wird. Und sollte ich mich dafür entscheiden, würde es für mich zur Hölle werden. Da stand ich nun und musste überlegen, was wird." Alexandra stand mit ihrem kleinen Jungen plötzlich allein da, konnte mit niemandem über ihre Lage sprechen. In der Not wandte sie sich an die evangelische Kirche, wo sie beschimpft wurde und man ihr die Hölle voraussagte, erzählt die 33-Jährige.

Alexandra suchte Beratung. Doch darauf, wie schwer die Monate nach dem Abbruch sein würden, fühlte sie sich nicht vorbereitet. "Für mich war das das tiefste Loch, in das ich gefallen bin. Ich habe mich selbst in dem Moment auch als Mörderin gesehen und dann gemerkt, dass ich wieder an schweren Depressionen litt. Ich habe angefangen, mich selbst zu hassen – bis ich entschieden habe, dass es nicht mehr wert ist, auf der Welt zu sein." Alexandra unternahm ein halbes Jahr nach der Abtreibung einen Suizidversuch. Dass sie überlebte, war für sie wie ein Weckruf. Sie machte eine Therapie, um wenigstens für ihren Sohn dasein zu können. Heute akzeptiert Alexandra ihre Geschichte und geht offen mit ihrer Entscheidung um – auch wenn sie weiterhin auf Unverständnis stößt. "Ich bereue es nicht, dass ich mich für einen Abbruch entschieden habe", sagt sie. So wie ihr Leben jetzt ist, sei es richtig. Damals, mit der Schwangerschaft und ihrem Sohn allein gelassen, nicht. 

Auch Tatjana und Anna stehen zu ihrer Entscheidung. Das ungeborene Kind werden sie deswegen dennoch nicht vergessen, sagen sie.