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Alpenüberquerung: Wie diese ahnungslosen Zugvögel das Reisen lernen sollen

Der Waldrapp ist einer der seltensten Vögel der Welt, in Deutschland und Mitteleuropa ist er seit Jahrhunderten ausgerottet. Doch die Chancen stehen gut, dass wir ihn bald wieder in freier Wildbahn sehen können. Sofern es diesen Forschern gelingt, den ahnungslosen Vögeln das Leben in Freiheit beizubringen.

Begleitet vom Ultraleichtflugzeug: Die Waldrappen sollen über die Alpen fliegen.

Begleitet vom Ultraleichtflugzeug: Die Waldrappen sollen über die Alpen fliegen.

Ein Mann, ein Ultraleichtflugzeug und ein Schwarm seltsam anmutender Vögel über den : Das ist das Ziel des Projekts von Verhaltensbiologe Johannes Fritz und seinem Forscherteam "Waldrapp". Der Vogel mit dem ungewöhnlichen Aussehen war einst in Deutschland und ganz Mitteleuropa heimisch. Er galt aber auch als Delikatesse – und wurde im 18. Jahrhundert regelrecht ausgerottet. In Deutschland gibt es ihn nun schon seit 400 Jahren nicht mehr.

Damit sich das ändert, haben Johannes Fritz und sein Team einen Schwarm junger Waldrappe in Süddeutschland großgezogen und angesiedelt. Eine große Herausforderung, da die Tiere gar nicht mehr wissen, wie sie in Freiheit eigentlich leben und es ihnen auch kein Artgenosse vorlebt. Und so haben Fritz und die beiden Vogel-Ziehmütter Anne Schmalstieg und Corinna Esterer das kurzerhand übernommen. Bevor der Winter kommt, müssen die Zugvögel aber noch über die Alpen nach Italien geführt werden. Ein schwieriges Unterfangen.

Und plötzlich drehte der Schwarm ab

Die mehr als 900 Kilometer lange Reise soll sie bis zur Laguna Orbetello nördlich von Rom führen. Die erste, fast 100  Kilometer lange Etappe vom Bodensee nach Andelsbuch in Österreich meisterte der Vogelschwarm in Rekordzeit. Vom Start auf dem kleinen Flughafen in Überlingen am Bodensee sind Vögel, Piloten und Ziehmütter mittlerweile in vier Etappen bereits bis Borgo San Lorenzo in der Toscana gekommen. Doch die letzte Etappe läuft nicht mehr reibungslos. Die Vögel sind mittendrin abgedreht und dem Ultraleichtflugzeugen nicht mehr gefolgt. Die Piloten mussten umdrehen. Große Ratlosigkeit. Wo sind die Jungvögel abgeblieben?

Eine halbe Stunde später kommen auch die Waldrappe zurück zum Ausgangspunkt in Borgo San Lorenzo. Zum Glück vollzählig, aber verwirrt und unsicher. Da eine Gewitterfront dazwischenkommen könnte, muss es dennoch bald weitergehen. "Ein weiteres Problem ist, dass wir durch Adler-Territorien durchfliegen. Wenn wir zu nahe an ihre Horste kommen, attackieren sie und die Waldrappe. Dann wären die Vögel innerhalb einer Sekunde in alle Richtungen unterwegs", erklärt Johannes Fritz. Noch dazu liegen auf der Strecke zwei Alpenpässe mit mehr als 1500 Metern Höhendifferenz – ein Riesenkraftakt für die Jungvögel.  

Den 100 Kilometer-Rückweg müssen die Waldrappe alleine meistern

Zwei Tage später landen die beiden Fluggerätepiloten, die Ziehmütter und der Schwarm Waldrappe endlich im Zielgebiet in Italien – als hätte es nie ein Problem gegeben. Es ist geschafft! Nach fast 1000 Kilometern Flug hat das Waldrapp-Team seine Schützlinge dorthin gebracht, wo es auch im Winter genug warm für sie ist und wo die Vögel genug Futter finden können. Denn ab jetzt gibt es für die Waldrappe keine Rundumversorgung mehr. In einem Vogelschutzgebiet direkt am Meer müssen die ungewöhnlichen Vögel lernen, ohne ihre Ziehmütter auszukommen – und sich zu selbständigen, freien Wildvögeln entwickeln. Wenn sie in zwei Jahren geschlechtsreif sind, werden die Waldrappe ganz alleine den Weg zurück in ihre Heimat zum Bodensee finden.  Das wäre dann der größte Triumph für das Waldrapp-Projekt-Team.

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