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Adoptivkinder auf Spurensuche (2): Angekommen in Vietnam: Clara und Nhan auf der Suche nach ihren Wurzeln

Clara und Nhan kamen als Babys nach Deutschland, sie wuchsen hier auf. Gemeinsam haben sich die Vier auf den Weg nach Vietnam gemacht. stern TV hat sie mit der Kamera dorthin begleitet.

Clara Ellguth auf dem Weg zu ihrer Herkunftsfamilie: Was und wer wird sie dort erwarten?

Clara Ellguth auf dem Weg zu ihrer Herkunftsfamilie: Was und wer wird sie dort erwarten?

Auf diese Reise haben Clara und Nhan Ellguth lange gewartet: Für die beiden Teenager, die in Vietnam geboren wurden und als Adoptivkinder in Deutschland aufwuchsen, geht es das erste Mal in ihre alte Heimat. "Ich hoffe, dass ich in Vietnam meine leibliche Mutter und meine Geschwister kennenlerne", sagte Clara noch kurz vor der Abreise. Ihre leibliche Mutter übergab das 12 Monate alte Mädchen vor 18 Jahren aus Armut in die Hände von Oda und Dirk Ellguth, die Clara mit nach Deutschland nahmen. Nun tritt die Familie gemeinsam die umgekehrte Reise an. Und sie sind zu Viert. Denn auch Nhan, das zweite Adoptivkind der Ellguths, das sie zwei Jahre nach Clara aus einem Waisenhaus in Ho Chi Minh holten, wird nun erstmals in sein Herkunftsland reisen. Nhan kennt nur den Namen seiner Mutter, die ihn direkt nach der Geburt abgegeben hatte. Trotzdem ist Nhan sehr gespannt auf die Reise und das, was ihn nun vielleicht erwartet. "Ich würde das Waisenhaus gerne sehen, in dem ich über ein Jahr gelebt habe", sagt Nhan. Für ihn gehöre das ebenso zur Identitätsfindung.

"Ich habe noch nie so ein Gefühl von Zuneigung zu einem Menschen gehabt, den ich eigentlich gar nicht kenne"

Im zweiten Teil der Adoptivkinder-Spurensuche (Teil 1) ist stern TV mit Familie Ellguth vor Ort unterwegs - und mit der Kamera dabei, wenn Clara als 18-Jährige ihre Mutter das erste Mal wieder sieht. Bisher kannte Clara Vietnam nur aus dem Fernsehen. Die Reise war ein Geschenk der Ellguths zu ihrem bestandenen Abitur. Zwischen Clara und ihrer leiblichen Mutter war der Kontakt aber nie abgerissen, da sie sich regelmäßig Briefe schrieben. Nun, da das persönliche Treffen so kurz bevor steht, ist Clara sehr aufgeregt: "Ich freue mich unendlich. Ich habe noch nie so ein Gefühl von Zuneigung zu einem Menschen gehabt, den ich eigentlich in meiner Erinnerung gar nicht kenne. Es ist richtig komisch, was sich in meinem Bauch gerade zusammenbraut."

Claras leibliche Mutter übergab ihr 12 Wochen altes Baby vor 17 Jahren in die Obhut von Oda und Dirk Ellguth. Sie war zu arm, um Clara zu ernähren – hoffte auf ein besseres Leben für ihr Kind.

Claras leibliche Mutter übergab ihr 12 Wochen altes Baby vor 17 Jahren in die Obhut von Oda und Dirk Ellguth. Sie war zu arm, um Clara zu ernähren – hoffte auf ein besseres Leben für ihr Kind.

Dann steht Clara zum ersten Mal der Frau gegenüber, die sie vor 18 Jahren geboren hat. Clara ist gerührt, die Tränen lassen sich nicht zurückhalten und auch die Mutter weiß nicht, was sie machen soll. Am Anfang herrscht erst einmal Sprachlosigkeit auf beiden Seiten. Clara und die Ellguths werden von einer vietnamesischen Freundin begleitet, die beim Übersetzen helfen kann. "Kannst du sagen, dass ich nicht weine, weil ich traurig bin, sondern dass ich mich voll freue. Ich kann gerade nichts sagen", fragt Clara die Freundin. Auch ihrer Mutter fehlen die Worte – hätte sie doch niemals geglaubt, dass sie ihr Kind je wiedersehen würde. "Ich bin überwältigt", sagt sie schließlich. Und auch Oda Ellguth geht die Situation nahe: "Es berührt mich, unsere Tochter ein Stück weit wieder nach Hause zu bringen. Denn es ist ein Stück von ihr hier, was auch hierhin gehört. Und jetzt ist sie wieder ganz."

"Ich hatte Angst, dass du mich hasst, weil ich dich weggegeben habe"

Claras Mutter hat alle zu sich nach Hause eingeladen, die ganze Familie ist zusammen gekommen. Hier trifft Clara erstmals auch auf ihre Geschwister, ihr Bruder ist frischgebackener Vater. Und mit der Zeit schmilzt auch das Eis. Die 18-Jährige bekommt ein Foto ihres Vaters gezeigt, der vor sechs Jahren gestorben ist. Er hatte nie den Kontakt zu ihr gesucht, ihre Mutter aber hat sie nie vergessen. Sie habe sich in den Briefen immer wieder dafür bei ihr bedankt, sagt Clara. Sie hat ihrer Mutter als Geschenk ein Fotoalbum ihrer Kinderjahre mitgebracht, das die vietnamesische Frau zu Tränen rührt. "Ich hatte Angst, dass du mir Vorwürfe machst und mich hasst, weil ich dich damals weggegeben habe", sagt sie. Doch Clara wollte sich mit dem Album bedanken und ausdrücken, sie hoffe, dass ihre leibliche Mutter stolz ist, was aus Clara geworden ist. "Ich wünschte mir, dass Clara eine bessere Zukunft hat und ihr Leben nicht so schwer ist, wie meins", erklärt die Mutter.

Der Neuanfang begann in einem Hotel in Ho Chi Minh

Für Nhan Ellguth ist die Spurensuche schwieriger. Für ihn begann alles im Kinderheim Than Binh, wo Nhan die ersten 18 Monate seines Lebens verbrachte. Es ist für ihn die einzige Verbindung zu seiner Vergangenheit. Noch immer leben dort 150 Waisenkinder, viele mit Behinderung, die Jahre ihres Lebens dort verbringen werden. Für Nhan ging es gut aus, wie er selbst weiß: "Ich würde schon sagen, dass das zu meinen Wurzeln gehört", sagt er. "Ich bin glücklich, dass meine Adoptiveltern mich gefunden haben, weil ich sonst wahrscheinlich immer noch hier sein würde. Ich hoffe, dass die Kinder hier auch die Gelegenheit bekommen, adoptiert zu werden."

2001 im Than Binh Waisenhaus in Ho Chi Minh City: Nhan lebt bereits 18 Monate hier, als die Ellguths den kleinen Jungen adoptieren.

2001 im Than Binh Waisenhaus in Ho Chi Minh City: Nhan lebt bereits 18 Monate hier, als die Ellguths den kleinen Jungen adoptieren.

Nhans neues Leben begann in einem Hotel in Ho Chi Minh, wo er mit Dirk und Oda Ellguth so lange wohnte, bis alle Adoptionspapiere fertig waren. Das sei der erste Schritt von einem Neuanfang gewesen, reflektiert Nhan, als die Ellguths mit ihm vor dem Hotel stehen. "Es ist schon ein kleiner Rückblick auf den Anfang, wie es begonnen hat." Oda Ellguth sieht das ähnlich: Sie hoffe, dass er diese Eindrücke mit nach Deutschland nimmt und daraus etwas für sich ziehen kann.

Clara ist in diesen Tagen ihrer vietnamesischen Familie - beim gemeinsamen Einkaufen und Kochen – schon viel näher gekommen. Auch Claras Mutter genießt diese Momente besonders, sie sagt: "Als Mutter bin ich sehr glücklich und stolz auf Clara. Und ich habe sie sehr lieb."

Am letzten Abend in Ho Chi Minh geht die Herzensreise der Ellguth-Kinder zu Ende: Zum Abschied feiern alle einen Karaoke-Abend zusammen. Claras Mutter und ihre leiblichen Geschwister, die Ellguths, Clara, Nhan, die vietnamesische Übersetzerin. Die Stimmung ist ausgelassen, die Töne schräg – und von der anfänglichen Distanz ist nichts mehr zu spüren. Und nicht nur Clara hat ihre Familie in Vietnam gefunden, auch ihr Bruder Nhan wurde wie ein eigener Sohn aufgenommen.