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Ankunft von Flüchtlingen: Willkommen! Und dann?

Tausende Flüchtlinge sind in den vergangenen Tagen in Deutschen Städten eingetroffen. Sie wurden mit einer Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft begrüßt. Doch wie soll es weitergehen für Deutschland und die unzähligen Asylsuchenden?

Hauptbahnhof München: Die kleine Hadisa und ihr Vater haben zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen in Ungarn lange auf eine Weiterreise gewartet.

Hauptbahnhof München: Die kleine Hadisa und ihr Vater haben zusammen mit Hunderten anderen Flüchtlingen in Ungarn lange auf eine Weiterreise gewartet.

Erst vor wenigen Tagen erschütterte ein Schicksal, ein Bild eines kleinen Flüchtlingsjungen die ganze Welt: Der dreijährige Alan Kurdi liegt am Stand von Bodrum in der Türkei. Er ist ertrunken.
Seine syrische Familie wollte Europa mit einem Boot erreichen, um weiter nach Kanada zu fliehen. Doch wie viele zuvor kenterte auch dieses Boot. Das Foto sorgte weltweit für Schlagzeilen und wurde zum Sinnbild der aktuellen Flüchtlingskrise.

Der erst dreijährige Aylan Kurdi wurde am vergangenen Mittwoch am Strand von Bodrum in der Türkei gefunden. Er war bei der gefährlichen Überfahrt mit seiner Familie ertrunken, ebenso wie sein Bruder und seine Mutter. 

Der erst dreijährige Aylan Kurdi wurde am vergangenen Mittwoch am Strand von Bodrum in der Türkei gefunden. Er war bei der gefährlichen Überfahrt mit seiner Familie ertrunken, ebenso wie sein Bruder und seine Mutter. 

"Dass Menschen auf so einem Weg sterben!"

Der 16-jährige Ahmad Hasan ist der Cousin des kleinen Alan aus Syrien. Er hatte den Jungen und seine Familie kurz vor der tödlichen Überfahrt noch getroffen. "Ich hatte ein sehr schlechtes Gefühl dabei. Ich wollte nicht, dass sie über das Meer die Reise starten. Aber das Geld war leider nicht zur Verfügung", sagt Ahmad.

Im Gegensatz zu Alan und seiner Familie wollte Ahmad nicht nach Kanada, sondern nach Deutschland. Er war alleine auf der Flucht. Das Geld, das seine Eltern gespart hatten, reichte nur für ihn. Kurz bevor Ahmad die Bundesrepublik erreicht hatte, sah er das Foto seines toten Cousins wie tausende andere Menschen auf Facebook. "Ich bin verrück geworden, als ich das gesehen habe. Ich konnte es nicht fassen, dass das passiert ist. Es war so schwer, so hart davon zu erfahren. Dass Menschen auf so einem Weg sterben!"

Für ein bisschen Glück

Ahmad ist seit neun Tagen in Deutschland. Der 16-Jährige wohnt nicht in einem der Flüchtlingsheime, sondern bei Leyla Bilge. Die 34-jährige Finanzberaterin setzt sich seit Jahren für Flüchtlinge ein. Sie sagt: "Ich finde, es ist unsere Pflicht, Menschen in Not zu helfen. Ich bin selbst Flüchtling, bin mit meinen Eltern gekommen. Ich bin Kurdin aus der Türkei. Wir haben damals selbst Asyl beantragt in den 80er-Jahren und waren sehr froh, dass uns die Deutschen großzügig und mit offenen Armen empfangen haben."

Dass Leyla Bilge den Jungen kennt, ist kein Zufall: Die 34-Jährige war noch vor sechs Wochen in der zerstörten Stadt Kobane in Syrien unterwegs, um vor Ort zu helfen. Neben unzähligen Menschen, die durch den IS ihre Angehörigen verloren haben, lernte sie auch Ahmads Familie kennen. Als der 16-Jährige Wochen später in Deutschland eintraf, nahm seine Familie wieder Kontakt zu Leyla Bilge auf und bat sie darum, Ahmad aufzunehmen. Sie stimmte sofort zu. Zwar weiß sie nicht, ob der Junge offiziell bei ihr wohnen darf, doch das sei ihr egal, sagt sie. Ahmad hat Glück gehabt, seine Gastgeberin will sogar die Vormundschaft für ihn beantragen – damit der 16-Jährige, der so viele Menschen in seinem Leben verloren hat, endlich ein wenig Glück findet.

Formlose Einreise nach Deutschland

Der Großteil der Flüchtlinge hat 'Glück' erst einmal nicht in Aussicht. Für sie geht es weiterhin darum, dem Krieg zu entkommen und dabei nicht zu sterben. Umso erleichternder für sie, wenn sie Deutschland erreichen – das Ziel unzähliger Menschen in diesen Tagen und Monaten. Allein am vergangenen Wochenende trafen am Münchener Hauptbahnhof fast 20.000 Flüchtlinge ein. Die meisten von ihnen haben eine wochenlange Odyssee hinter sich.

Seit Samstag gibt es eine Ausnahmeregelung für Flüchtlinge, die in Ungarn fest sitzen: Sie dürfen vorübergehend formlos nach Deutschland einreisen, wo sie mit Bussen auf die Bundesländer und Städte verteilt werden. In den vergangenen Tagen erleichterte eine Woge der Hilfsbereitschaft den Flüchtlingen die Ankunft. Doch viele Deutsche fragen sich: Was passiert demnächst mit all den Flüchtlingen und Asylsuchenden? Wo sollen sie leben, wohnen, arbeiten?

Unterbringungsfrage muss geklärt werden

Städte und Gemeinden beklagen bereits jetzt Engpässe bei der Versorgung und Unterbringung der vielen Menschen. Nicht so Goslar im Harz, eine Stadt mit 50.000 Einwohnern. Dort leben 50 Flüchtlinge. In den vergangenen zehn Jahren sind hingegen 4000 Bürger der Stadt weggezogen. Bürgermeister Dr. Oliver Junk sieht die Zuwanderung deshalb als Chance für seine Stadt und möchte mehr Flüchtlinge aufnehmen. "In den nächsten Jahren werden hier 15.000 Stellen frei. Wir brauchen hier Menschen für unsere Wirtschaftsbetriebe. Und auch die Unternehmer stellen sich natürlich die Frage: Investiere ich ein eine schrumpfende Stadt?"

Goslar sei insgesamt mit einem Bevölkerungsrückgang konfrontiert, rund zehn Prozent der Wohnungen seien unbewohnt, so Junk. Die Goslarer sehen diese Euphorie mit gemischten Gefühlen. Vielen Bürgern tun die Flüchtlinge leid und würden es begrüßen, wenn die Stadt bewohnt und belebt wird. Andere wiederum befürchten eine Überfremdung ihrer Stadt im Harz und betonen die aktuellen Arbeitslosenzahlen.

Die Integration hängt vom Aufenthaltsstatus ab

Der Soziologe Prof. Aladin El-Mafaalani von der Fachhochschule Münster sieht die Unterbringung der Flüchtlinge in Kleinstädten und ländlichen Gebieten kritisch. "Die Infrastruktur, die Anzahl der Helfer, auch der medizinischen, ist auf dem Land nicht zu gewährleisten. Städte und Ballungszentren sind günstiger für die Aufnahme von Flüchtlingen“, erklärt er. In ländlicheren Gebieten werde die Fähigkeit der Bewohner, Fremde zu integrieren, massiv überschätzt. Es stehe zwar häufig Wohnraum zur Verfügung, aber gerade in diesen Regionen sei mit einer desillusionierten und frustrierten Bevölkerung zu rechnen, die sich übervorteilt fühlt, so die klaren Worte Mafaalanis bei stern TV. "In der Stadt fällt der Bekannte auf, auf dem Land der Fremde."

Die 'Stadtgesellschaften' seien den Umgang mit Fremden gewohnt. Die Bewohner störten sich weniger an fremdem Aussehen und unbekannten Sprachen. Außerdem stehe eine Infrastruktur bereit, die grundsätzliche Anforderungen der Integration erfülle, wie Sprachkurse, Ämter, Transportwesen. Für eine erfolgreiche Integration hält der Soziologe es aber für genauso wichtig, dass die Flüchtlinge frühzeitig über Erwartungen aufgeklärt werden, dass klare Ansagen erfolgen, welche Schritte wann und wie zu unternehmen sind, beispielsweise: 'Du musst in fünf Jahren einen komplizierten Sprachtest bestehen und Arbeit gefunden haben.' Würden die Flüchtlinge zu lange im Unklaren darüber gelassen, wie sich ihr weiterer Aufenthalt gestalten wird, würden sie unzufrieden. Dann empfänden sie ihren Aufenthalt zunehmend als sinnlos. Das Resultat seien Flüchtlinge, die immer konservativer würden und die Werte ihres Herkunftslandes als einziges Identitätsmerkmal verstünden. "Der Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge muss schnell geklärt werden", fordert Aladin El-Mafaalani.

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