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Von Verfolgung bis Morddrohung: Ehemalige Bachelor-Kandidatin Denise Temlitz wird zum Stalking-Opfer

Erst Karten und Komplimente, dann Flugblätter und Morddrohungen: Denise Temlitz, 2016 noch Teilnehmerin bei der RTL-Show "Der Bachelor", wurde monatelang von einem Stalker belästigt und bedroht. Noch dazu machte sie die Erfahrung: Stalking-Opfer werden in Deutschland zu wenig geschützt.

Kein Verfolgungswahn, sondern ein Stalker, der ihr seit Monaten nachstellt: Denise Temlitz fürchtet sich allein auf der Straße.

Kein Verfolgungswahn, sondern ein Stalker, der ihr seit Monaten nachstellt: Denise Temlitz fürchtet sich allein auf der Straße.


Denise Temlitz hat vor wenigen Wochen das zweite Mal in kurzer Zeit all ihre Sachen in Kartons gepackt. Wieder ist sie umgezogen, diesmal ganz aus Berlin weg. Sie flieht erneut vor ihrem Verfolger, denn Denise Temlitz wird seit anderthalb Jahren gestalkt. Das Ganze hatte schon vor ihrer Teilnehme bei der der RTL-Show "Der Bachelor" im vergangenen Jahr angefangen. "Als ich beim Bachelor teilgenommen habe, da wurde mir gedroht: 'Wenn du da teilnimmst, dann bring ich dich um und mache dein Leben zur Hölle'."

Eigentlich sollte für die 26-Jährige mit der Sendung ein Traum in Erfüllung gehen, sagt sie: "Das war schon immer eine Sendung, die ich selbst auch geschaut habe. Ich fand das immer überragend, was die dort erleben – und da ich gerade Single war und auch auf der Suche nach meinem Prinzen, habe ich mich beworben." Doch schon damals lebte sie in Angst vor dem unbekannten Stalker. Sie bekam zwei Mal wöchentlich Drohbriefe und andere abscheuliche Nachrichten. Dabei hatte die Geschichte ganz harmlos begonnen: mit einer schüchternen Postkarte an ihre Arbeitsstelle - voller Komplimente. "Ich fand das am Anfang auch noch ganz lustig, weil da liebevolle Sätze drin standen", so Denise Temlitz. Ab der dritten Karte sei der Ton jedoch umgeschlagen, der Stalker bezeichnete sie als eingebildete Schlampe. "Und dann dachte ich: Entweder erlaubt sich jemand einen üblen Scherz oder es ist etwas Bösartiges." Dann kamen die Karten auch zu ihr nach Hause, immer aggressiver und voller Drohungen. Ihr Auto wurde beschmiert und Flugblätter direkt vor ihrer Haustür, an Bäumen, in Hinterhöfen und sogar am Alexanderplatz verteilt. "Er hat dann überall Zettel angebracht, auf denen ich als Prostituierte abgebildet war und meine Dienste angeboten habe. Und überall war ein Genital abgebildet. Er hat mich als Nazi betitelt, und so weiter."


Denise Temlitz erstattete Anzeige. Obwohl die Ermittlungen aufgenommen wurden, ging das Stalking weiter. Die Briefe wurden immer grausamer, blutiger und bedrohlicher. Und Denise Temlitz' Angst immer größer. Sie sei kaum noch aus dem Haus gegangen, nicht mehr im Dunkeln auf die Straße oder allein Fahrstuhl gefahren. "Dieser Mensch hat mich eine Zeit lang in meinem Leben komplett eingeschränkt. Ich konnte teilweise nicht arbeiten gehen. Und der wusste auch wo ich wohne. Ich hatte keine Lust mehr auszugehen. Ich war am liebsten Zuhause – mit einem Menschen den ich kenne." Schließlich entschloss sie sich, in einen anderen Stadtteil zu ziehen – weg von ihrer Oma, die in der Nähe lebte. Vielleicht war ihr ihre Medienpräsenz zum Verhängnis geworden? Denise Temlitz bloggt und ist in den sozialen Netzwerken unterwegs, wo sie auch Privates aus ihrem Leben teilt. Das könnte einem Stalker zusätzlichen Stoff liefern.

Die Stalking-Expertin Sandra Cegla ist entsetzt, wie weit der Stalker bei Denise Temlitz bereits ging. In ihrer Tätigkeit bei der Initiative SOS-Stalking erstellt die langjährige Kripobeamtin auch Täterprofile: "Wenn ein Täter anfängt, Fantasien von Gewalt und sogar von Mord zu entwickeln, dann müssen wir unbedingt genau hingucken", sagt Sandra Cegla. "Wer zweimal die Woche solche Briefe schickt, der hat eigentlich die ganze Woche daran gesessen. Der hat die ganze Zeit Fantasien und beschäftigt sich jeden Tag, jede Sekunde, nur mit dieser Frau."

80 Prozent der Opfer sind Frauen

Wie Denise Temlitz geht es unzähligen Menschen in Deutschland, etwa jeder zehnte soll einmal in seinem Leben gestalkt werden – mit etwa 80 Prozent hauptsächlich Frauen. In der Hälfte der Fälle sollen Opfer und Stalker vorher eine Beziehung gehabt haben. Doch die Dunkelziffer ist hoch – auch, weil nur zwei Prozent der Anzeigen oder aufgeklärten Fälle nach dem "Nachstellungs-Paragrafen" § 236 des Strafgesetzbuchs wirklich zu einer Verurteilung führen. "In 70 bis 80 Prozent aller angezeigten Stalking-Fälle muss man sogar davon ausgehen, dass das Verfahren eingestellt wird", sagt Sandra Cegla. Das sei ein verheerendes Signal an die Opfer, auch an zukünftige.

Stalking

Auch Denise Temlitz' Peiniger kam man trotz Anzeige und Recherchen bisher nicht auf die Spur. Es habe einen Tatverdächtigen gegeben, den man nach einer Durchsuchungsmaßnahme aber nicht strafbar machen konnte, erklärt der Generalstaatsanwalt Martin Steltner: "Selbstverständlich werden die Briefe zum Beispiel daktyloskopisch untersucht, das heißt: Es wird nach Spuren gesucht, aus denen man Erkenntnisse gewinnen kann. Es werden Zeugen aus dem Umfeld vernommen, ob sich daraus Erkenntnisse ergeben. Es wird geguckt, wo die Briefe eingeworfen wurden. Wir haben dann einen Durchsuchungsbeschluss erwirkt und bei dem Beschuldigten durchsucht. Aber wir haben keine Beweismittel gefunden, die den Tatverdacht erhärtet hätten."

Das Verfahren wurde im Dezember vorläufig geschlossen. Bei neuen Informationen könnten die Ermittlungen wieder aufgenommen werden, so der Staatsanwalt.

"Stalking ist in der überwiegenden Zahl der Fälle schwer nachweisbar", weiß auch Sandra Celga von SOS-Stalking. Denise Temlitz ist dahingehend von der Unterstützung der Polizei enttäuscht, sagt sie, letztlich hätten sie ihr nicht geholfen: "Man  will das nicht verstehen, warum die Polizei nicht mal einen Wagen schicken kann, der da eine Nacht steht und beobachtet", so die 26-Jährige.

Stalking künftig schneller als Straftat verfolgt

Die Beweispflicht liegt demnach bei den Opfern. Und zwar muss Stalking bisher auf zwei Ebenen belegt werden, um strafrechtlich verfolgt werden zu können: Zum einen musste die Beharrlichkeit des Täters bewiesen werden und zum anderen eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Lebensführung des Opfers vorliegen. Das heißt, das Opfer müsste etwa die Wohnung wechseln oder den Arbeitsplatz aufgeben. Das soll sich ändern: Nach einem neuen Gesetzesentwurf ist Stalking künftig bereits dann eine Straftat, sobald die Handlungen eines Täters dazu "geeignet" sind, das Leben des Opfers gravierend zu beeinträchtigen. Das ist mit dem Begriff "Eignungsdelikt" gemeint.

Expertin Sandra Celga rät deshalb dazu, jeden einzelnen Vorfall genau zu dokumentieren, damit die Polizei etwas in der Hand hat, um den Täter zu verfolgen und hinterher auch zu verurteilen. In jedem Fall solle man sich Hilfe holen oder bei einer Beratungsstelle nachfragen. Auch könne es helfen, eine starke Solidargemeinschaft um sich aufzubauen, etwa im Freundes- und Bekanntenkreis oder über die sozialen Medien. Auch wenn dies dem Stalker zusätzlichen Raum für Provokationen böte, so könne die Gemeinschaft doch abschreckend wirken.

Denise Temlitz hofft, dass sie jetzt weit genug weg gezogen ist, um ihrem Verfolger zu entkommen. Sie wolle wegen des Stalkers ihr Leben und vor allem ihre Persönlichkeit nicht ändern: "Ich bin ein fröhlicher Mensch und ich werde mir nicht alles von ihm nehmen lassen. Ich bin stärker als er!" Mit der Öffentlichmachung ihrer Geschichte wolle sie auch anderen Betroffenen Mut machen. "Ich will all den anderen da draußen sagen, dass man trotzdem nur ein Leben hat und es genießen soll."