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Sorge um Integration: Nur noch vereinzelt deutsche Schüler: Berliner Schulleiterin schlägt Alarm

Von 103 Kindern hat eines deutsche Eltern. Das ist die Realität an der Berliner Grundschule Köllnische Heide. Doch längst nicht nur dort sind deutsche Schüler in der Unterzahl und die Sprachbarriere ein Riesenproblem. Eine Schuldirektorin schlägt nun öffentlich Alarm.

Deutschunterricht an der Grundschule Köllnische Heide in Berlin-Neukölln (2010).

Deutschunterricht an der Grundschule Köllnische Heide in Berlin-Neukölln (2010).

Die Grundschuldirektorin Astrid-Sabine Busse sorgt sich in ihrer Schule um den Unterricht und das soziale Miteinander: Die Schüler in ihren ersten Klassen sprechen zu Hause allesamt nicht Deutsch, Schulbildung und Integration könne so nicht gelingen, so die 61-Jährige. Astrid-Sabine Busse leitet die Grundschule Köllnische Heide in Berlin-Neukölln seit über 25 Jahren. Im Einzugsgebiet der Schule leben inzwischen fast nur noch arabisch-stämmige, sozial schwache Familien, in denen daheim ausschließlich die Muttersprache gesprochen wird. "Das ist hier kein Multikulti mehr, das ist Monokulti", sagt der ehemalige Neuköllner Bürgermeister Hein Buschkowsky, der den Stadtteil anderthalb Jahrzehnte leitete.

Die so genannte High-Deck-Siedlung, von der hier die Rede ist, war einst ein Vorzeigeprojekt des sozialen Wohnungsbaus. Doch mit der Zeit wurden die Zuschüsse abgebaut, die Mieten stiegen. Viele ehemalige Bewohner zogen weg. Die Wohnungen werden jetzt anderweitig bezuschusst, nämlich durch Transferleistungen. In der Siedlung wohnen 6000 Menschen, 69 Prozent der Bewohner haben einen Migrationshintergrund – ein soziale Brennpunkt, sagt Heinz Buschkowsky: "Von einer bürgerlichen Siedlung ist hier überhaupt keine Rede mehr. Sie gilt heute schlicht und ergreifend als eine Ausländersiedlung. Mit der Spezialität: arabischstämmige Menschen."

Führt eine falsche Wohnungspolitik dazu, dass deutsche Schüler die Minderheit sind?

Dieser hohe Anteil einer Ethnie ist für die Integration eine riesige Herausforderung. In der Grundschule zeigt sich besonders deutlich, in welche Richtung sich der Kiez entwickelt: Von den 103 Erstklässlern, die in der Köllnischen Heide vor drei Monaten eingeschult wurden, hat nur ein einziges Kind deutsche Eltern. "Der Gesamtanteil an Schülern nichtdeutscher Herkunft liegt hier bei rund 97 Prozent", sagt Astrid-Sabine Busse. Eine der ersten Klassen sieht so aus: Ein Kind hat thailändische Wurzeln, eines spanische und eines kroatische. Zwei Kinder sind türkischer Herkunft. Allein 15 Kinder sind arabischstämmig. "Das ist das Ergebnis einer fehlgeleiteten Wohnungspolitik. Man hat verhindert, dass es eine gesunde Mischung gibt und da kann Schule dann auch nicht viel richten."

Diese Entwicklung zeichnet sich aber nicht allein in Neukölln ab, sie ist stellvertretend für viele deutsche Städte – vielerorts in der Bundesrepublik sind deutsche Schüler mittlerweile in der Unterzahl. Lehrer, Schulen und Sozialarbeiter müssen auffangen, was die Kinder zu Hause nicht lernen. In ganz Berlin haben heute schon 47 Prozent der Kinder von 0 bis 6 Jahre einen Migrationshintergrund; in Stuttgart sind es 60 Prozent; in Duisburg 66 Prozent. Spitzenreiter ist die Stadt Offenbach: Dort werden 82 Prozent der gesamten nächsten Schülergeneration einen Migrationshintergrund haben. Das sind vier Fünftel aller Kinder.

Acht Jahre zuvor: Der gleiche Kiez, die gleichen Probleme

Das Problem ist kein neues: Schuldirektorin Astrid-Sabine Busse sprach bei sternTV bereits vor acht Jahren genau darüber. Es fehle an Druck, die deutsche Sprache zu lernen, es mangele den Eltern in dieser 'Monokultur' an Integrationswillen und das schade den Kindern: "Der Lernfortschritt wäre viel größer, wenn die Kinder auch zu Hause eine gewisse Förderung hätten. Stattdessen läuft der Fernseher 24 Stunden – aber nicht mit deutschem Programm", so Busse in der Sendung 2010. Schon damals kamen 80 Prozent ihrer Schüler aus Migrationsfamilien. Die Grundschulleiterin hat seit jeher ihre Schüler und deren Eltern auch daheim besucht und weiß, wie sie leben. "Fördern heißt auch: Ich fordere etwas und sage den Eltern: Wenn Sie Ihr Kind hier haben, und wir tun alles für Ihr Kind, dann müssen Sie auch etwas tun. Sie leben unter anderem von dem, was die Menschen an dieser Schule verdienen. Und ich finde, wenn man als Eltern diese Pflichten nicht erfüllt, dann kann es nicht immer so viel Geld geben, dann kann man von diesem Land nicht bis zu 3000 Euro netto bekommen im Monat."

Auch der noch amtierende Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) war am 20. Januar 2010 zu Gast in der Sendung bei Günther Jauch. Bekannt für seine deutlichen Worte forderte ebenfalls mehr Leistungs- und Integrationsbereitschaft von den zugezogenen Familien und befürwortete bei Verweigerung auch finanzielle Sanktionen.

Acht Jahre später hat sich nicht viel geändert. Nach wie vor hakt es an der Motivation vieler Eltern, sich und damit ihre Kinder zu integrieren. "Wenn sich die Politik hier nicht komplett ändert, werden die Brennpunkte in 20 Jahren so ausufern, dass wir solche Siedlungen abreißen müssen", fürchtet Buschkowsky heute. Astrid-Sabine Busse möchte zuversichtlich bleiben. Sie sagt, dass es eigentlich egal sei, wie hoch der Anteil an Schülern nichtdeutscher Herkunft ist. Das Problem sei nicht der Prozentsatz, sondern dass viele dieser Eltern Bildung keinen Stellenwert einräumen, die Kinder vernachlässigen und sich in der Schule nicht engagieren. Ihr Wunsch Richtung Politik: "Ich wünsche mir, dass das Quartier wieder einmal so durchmischt ist, wie es vor 20 Jahren noch war." Denn nur dann könne die Integrationsbereitschaft wachsen.

stern TV-Studiogespräch vom 28.11.2018: Ahmad Mansour: "Integration ist die Bringschuld der Migranten"

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