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Berufsunfähig - und dann?: Wie sich Versicherungen um die Zahlung drücken

Eines der größten Risiken im Leben ist die Berufsunfähigkeit. In diesen Notsituationen sollte eigentlich die entsprechende Versicherung eintreten, sofern man eine hat. Doch in vielen Fällen wollen die Unternehmen dann doch nicht zahlen, wie diese Menschen am eigenen Leib erfahren mussten.

Tamara Kramm erhielt vor fünf Jahren ihre Krebsdiagnose.

Tamara Kramm erhielt vor fünf Jahren ihre Krebsdiagnose.

Tamara Kramm ist seit fünf Jahren an Krebs erkrankt. Die Grundschullehrerin bekam die Diagnose eher zufällig, als sie sich vor einer Afrikareise impfen lassen wollte. "Das hat mir das Leben gerettet", sagt sie heute. Statt zu verreisen musste die damals 46-Jährige eine Brustamputation und monatelange Chemotherapien über sich ergehen lassen.
Da Tamara Kramm eine Berufsunfähigkeitsversicherung hatte, gingen sie und ihr Mann davon aus, dass ein Leistungsantrag reine Formsache sein würde – Krebs kann man ja schließlich nicht erfinden. Doch ihre Versicherung lehnte jede Zahlung ab, zweifelte unter anderem daran, dass die schwerkranke Frau zwischenzeitlich wirklich zu mehr als 50 Prozent arbeitsunfähig war. Tamara Kramm macht das fassungslos: "Es kann einfach nicht sein, dass ich eine Versicherung abschließe und dann richtig schwer krebskrank bin - und die Versicherung will das nicht eingestehen. Ich habe mittlerweile eine 100prozentige Schwerbeschädigung, da hätte ich ja nicht noch Telefondienst oder sowas machen können!" Denn genau das hinterfragte die Versicherung: Tamara Kramm hätte doch sicher stundenweise noch arbeiten können. Das Ganze musste per Gerichtsgutachten geklärt werden, Tamara Kramm fuhr dafür vier Mal von Berlin nach Dortmund.

Abwehrmechanismen der Versicherungsbranche sind bekannt

Eigentlich ist die Berufsunfähigkeitsversicherung gerade für solche längerfristigen Verdienstausfälle wie bei Tamara Kramm gedacht. Doch bei zigtausend Versicherten wehren sich die Unternehmen hartnäckig gegen Zahlungen. Sie schalten Gutachter ein, durchleuchten Krankenakten – spielen auf Zeit. Die kranken Menschen müssen in zermürbenden, monatelangen Rechtsstreitigkeiten für ihre Ansprüche kämpfen. "Die Konstellation 'starke Versicherung' gegen 'schwachen Versicherten' führt häufig zu Vergleichen, die dann schnell geschlossen werden, weil der Versicherte am Ende seiner Kräfte angelangt ist", so Hermann-Josef Tenhagen vom Verbrauchermagazin Finanztip: Einige Versicherer würden im Leistungsfall einfach jeden Vertrag anfechten, sollten Angaben lückenhaft gewesen sein – unabhängig davon, ob eine Vorerkrankung mit der angezeigten Berufsunfähigkeit überhaupt in Verbindung steht. Insbesondere bei der Zunahme von psychischen Problemen, die inzwischen fast 30 Prozent der Berufsunfähigkeitsgründe ausmachen, habe das gravierende Folgen. Beispielsweise bei Burnout. "Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Versicherungen deswegen auf Zeit spielen."

Kausaler Zusammenhang zwischen Vorerkrankungen und Berufsunfähigkeit nicht gegeben

Oliver Reinhart durchlebt genau das: Der 28-Jährige ist gelernter Metzger. Er arbeitete zunächst in einem großen Schlachthof, dann in einer kleinen Metzgerei. Vor zwei Jahren hielt der das Töten der Tiere und die Fleischverarbeitung einfach nicht mehr aus. "Wenn man morgens reinkommt, ist alles sauber, der Edelstahl glänzt – und fünf Minuten später ist alles voller Blut. 200 Schweine in der Stunde, 56 Rinder – und du stehst an der Schlachtbank und machst immer dasselbe", erzählt Reinhart gedrückt. Jahrelang versuchte der Familienvater von drei Kindern, sich nichts anmerken zu lassen und seiner Arbeit nachzugehen. "Es war für mich echt die Hölle. Wenn morgens der Wecker geklingelt hat, wäre ich am liebsten rausgegangen und hätte mich am nächsten Baum aufgeknüpft." Er sei wegen schwerer Depressionen behandelt worden. In der Beratung habe man ihm gesagt, er müsste entweder seinen Beruf als Mezger unter Psychopharmaka weiter ausführen – oder er sei berufsunfähig und müsste umschulen.

Oliver Reinhart schickte seiner Versicherung die ärztliche Bescheinigung, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Die Versicherung verlangte Einsicht in seine Krankenakte und fand dort einen Krankenhausaufenthalt, den er nicht angegeben hatte: Reinhart war als 14-Jähriger wegen eines Fahrradunfalls behandelt worden. "Ich bin da genährt worden und musste noch zwei Tage bleiben. Aber da dran denkt neun Jahre später doch kein Mensch mehr", so der 28-Jährige. Doch die Versicherung blieb hart: Oliver Reinhart hat die Frage nach Krankenhausaufenthalten innerhalb der letzten 10 Jahre im Antragsbogen mit "Nein" beantwortet. Noch dazu beschuldigt man ihn der arglistigen Täuschung, da man einen weiteren Krankenhausaufenthalt vor fast 20 Jahren gefunden hatte. Der musste beim Vertragsabschluss allerdings eigentlich nicht angegeben werden. Zitat Versicherung: Der Versicherte hatte 1997 nach einem Kopfball eine Hirnblutung in deren Folge es auch zu Hirninfarkten kam. "Es besteht keinerlei Zusammenhang zwischen den Erkrankungen, von denen die Versicherung meint, sie hätten angegeben werden müssen, und der jetzigen Berufsunfähigkeit", sagt Reinharts Anwalt Dr. Alexander Lang. Laut Gesetz könne die Versicherung die Leistung nur verweigern, wenn nicht angegebene Behandlungen und Berufsunfähigkeit kausal zusammenhängen.


Beliebte Lösung der Versicherung: schnelle Vergleiche

Seit Oliver Reinhart berufsunfähig ist, bezieht der dreifache Vater Hartz IV, obwohl er eigentlich von seiner Berufsunfähigkeitsversicherung 1.200 Euro monatlich bekommen würde – im Ernstfall sogar bis zum Rentenalter. "Das sind sicherlich mehrere 100.000 Euro, um die es hier geht", so Reinhart. Ein Großschaden für die Versicherung, meint auch Experte Hermann-Josef Tenhagen. Der Kunde wolle natürlich eine schnelle Bearbeitung, da er sich körperlich oder psychisch in einer schlechten Verfassung befindet und auf eine Zahlung angewiesen ist. Die Versicherungs-Lösung: ein schneller Vergleich. Anstatt bei seinem Anwalt meldete man sich direkt bei Oliver Reinhart mit einem Angebot: 14.000 Euro sofort und 1.200 Euro monatlich für ein Jahr. Der 28-Jährige muss nun abwägen, ob ihm das für eine Umschulung ausreicht und er in einem anderen Beruf in Zukunft fast genauso viel oder mehr verdienen kann.

Die krebskranke Tamara Kramm bekam vor dem Landgericht Recht, doch ihre Versicherung ging in Berufung. Der Streit zog sich weiter hin – bis man sich ein Jahr später vor dem Oberlandesgericht auf einen Vergleich einigte. Kramm erhielt knapp 14.300 Euro aus erster Instanz und noch einmal 4.300 Euro vom Oberlandesgericht zugesprochen.  Damit waren aber nur die Zahlungen bis 2015 geregelt, da es Tamara Kramm zwischenzeitlich wieder besser ging.  Aber der Krebs kehrt immer wieder zurück. Bei Tamara Kramm wurden zwischenzeitlich Metastasen in Rückgrat und im Gehirn gefunden, zuletzt auch in der Lunge. Die 51-Jährige muss erneut einen Antrag an ihre Versicherung stellen. Aussicht auf Leistungen hat sie aber nur, wenn es sich um einen anderen Krebs handelt, erkärt Kramms Anwältin: "Wenn eine Krebserkrankung einmal erfolgreich therapiert wurde und der Betroffene ins Leben zurückkehrt – und dann einen Rückfall erleidet, dann stellt sich die Frage: Ist es derselbe Berufsunfähigkeitsversicherungs-Fall? Oder ist es ein neuer Fall, bei dem neu geklärt werden muss: Wie wirkt sich diese Erkrankung auf den Beruf des Betroffenen aus?"

Tamara Kramm will den Kampf nicht aufgeben: nicht gegen die Krankheit und nicht gegen die Versicherung. Und: Sie hält weiter an ihrem Traum fest, nächstes Jahr die Afrika-Reise nachzuholen, die sie 2012 wegen der Krebsdiagnose nicht antreten konnte.