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Burnout bei Müttern: "So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt"

Fürsorglich zu den Kindern, erfolgreich im Job, den Haushalt im Griff und außerdem eine verlässliche und begehrenswerte Partnerin sein – um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, gehen gerade Mütter bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Das hat Folgen.

Jeanine Roepke war bereits mit Anfang 20 alleinerziehend.

Jeanine Roepke war bereits mit Anfang 20 alleinerziehend.

Den Tag, als sie unter den Lasten ihres Alltags zusammenbrach, werde sie nie vergessen, erzählt Jeanine Roepke: "Ich stand im Bad vor dem Spiegel und habe versucht, mich zu schminken. Dabei bin ich immer wieder in Tränen ausgebrochen. Ich musste mich übergeben, und dann bin ich weinend auf dem Badezimmerboden zusammengesackt."
Als Janine Roepke mit 21 Jahren ungewollt schwanger wurde, ahnte sie, was auf sie zukommen würde. Sie selbst war allein von ihrer Mutter großgezogen worden und hatte bis dahin bei ihr gelebt. Kurz zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Erzieherin begonnen und arbeitete fast bis zum Geburtstermin. Nebenbei renovierte sie eine eigene Wohnung für sich und ihr Baby. "Das Wichtigste war für mich damals, ein schönes Zuhause für mich und mein Kind zu schaffen", erzählt Janine Roepke. Als ihr Sohn Luis anderthalb Jahre alt war, brachte sie ihn in eine Kita, um ihre Ausbildung abschließen zu können. Das schlechte Gewissen immer mit dabei: "Ich habe mich nach Schulschluss in den Bus gesetzt, um ihn abzuholen und noch etwas sinnvolle Zeit mit ihm zu verbringen, mit ihm zu spielen." Zeit und Kraft für Treffen mit Freundinnen sei ihr kaum geblieben. Das Kind versorgen, Einkaufen, den Haushalt führen, die Mahlzeiten – bis Spätabends dann noch Hausaufgaben für die Ausbildung machen – Janine Roepke bewältigte oft 16-Stunden-Tage.

Jede fünfte Mutter kurbedürftig

Janine Roepke konnte nicht anders, ihre Mutter hatte ihr schließlich vorgelebt: Aufgeben ist trotz Alleinerziehens keine Option. Also kümmerte sie sich pflichtbewusst und fürsorglich viereinhalb Jahre allein um ihren Sohn Lius und ihr Leben – dann endlich hatte sie eine feste Beziehung und die Situation entspannte sich eine Zeit lang. Doch als die Partnerschaft nach einem Jahr zerbrach, verlor die junge Frau den Boden unter den Füßen: Janine Roepke schlief kaum noch, litt unter Ängsten und Essstörungen. Binnen zwei Monaten verlor sie 14 Kilogramm an Gewicht. "Ich habe mich so gehasst, hatte das Gefühl, im Leben versagt zu haben", so die junge Frau. "Das Gefühl, ich kann nicht mehr richtig für mein Kind da sein, meinen Haushalt nicht richtig führen, der Mann ist abgehauen – ich bin es nicht wert, geliebt zu werden."

Aber für ihren kleinen Sohn wollte sie weiter funktionieren, sie habe ihm nicht zeigen wollen, wie schlecht es ihr ging – bis es zum besagten Tag des Zusammenbruchs im Badezimmer. Ein Zusammenbruch, wie ihn unzählige Frauen bereits erlebt haben. Die Zahl der behandlungsbedürftigen Mütter nimmt laut Müttergenesungswerk rasant zu, etwa jede fünfte Mutter in Deutschland sei kurbedürftig. Symptome wie Schlaf- und Esstörungen, Angstzustände, Kopf- oder Rückenschmerzen ohne klare Ursache, häufige Infekte – all das deutet auf einen psychischen und physischen Erschöpfungszustand hin. Wortwörtlich mit Leib und Seele ausgebrannt. Alleinerziehende sind besonders gefährdet. Doch auch in "klassischen" Familienverhältnissen kommt es immer häufiger zur kompletten Überforderung. Die meisten Frauen ignorieren die Warnzeichen jedoch lange Zeit, wollen all ihren Rollen und Ansprüchen gleich gut gerecht werden.

Bin ich nur erschöpft oder schon ausgebrannt?

    Freie Tage oder Urlaub reichen mir nicht mehr aus, um mich zu erholen.


    Gefühle richten sich gegen den Körper

    Tanja Bräutigam etwa hätte nie gedacht, dass ihr das passieren würde. Auch sie erinnert sich genau: "Ich habe – vor meinen Kindern – im Auto eine Panikattacke bekommen. Ich hab es noch bis zur Garage geschafft, dann bin ich weinend zusammengebrochen", so die 42-Jährige.  
    Als Karrierefrau und ehemalige Leistungssportlerin war sie es stets gewohnt gewesen, stark zu sein und niemals aufzugeben. Sie war verheiratet und hatte zwei Kinder bekommen – für sie selbstverständlich, dass sie vorerst nicht arbeiten geht und sich um die Erziehung kümmert. "Ich habe mein Lebensmuster auf die Mutterrolle übertragen, indem ich auch da alles richtig und gut – und rund um die Uhr machen wollte." Weil ihr Mann zum Teil beruflich wochenlang unterwegs ist, fühlte sie sich zunehmend allein verantwortlich für die Kinder. Die Nächte wurden kürzer und kürzer. Tanja Bräutigam schlief zwei Jahre lang nur noch ein paar Stunden bei ihren Kindern im Bett, dann sei sie mit Herzrasen aufgeschreckt. Danach plagte sie das Gedankenkarussell... Tanja Bräutigam wurde immer müder und dünnhäutiger; sie konnte nicht mehr richtig essen, ihr Selbstbewusstsein schwand dahin. Nach außen versuchte sie die Fassade aufrecht zu erhalten, habe sich nichts anmerken lassen wollen, sagt auch sie: "Man möchte seinen Kinder ja vorleben, dass das Leben schön und gut ist – und nicht, dass das Leben schwer und anstrengend ist."

    Für die Psychotherapeutin Susan Gubitz ist das ein ganz normales Verhalten von Müttern, mit gravierenden Folgen: "Die Gefühle wollen irgendwo hin und die eine Möglichkeit ist: die Explosion. Die andere ist, dass sie sich gegen den eigenen Körper richten."

    "Der Wille, sich zu kümmern, war ausgelöscht"

    Tanja Bräutigam hielt vier Jahre durch, dann sei der Wille, immer weiterzumachen, offenbar gebrochen gewesen: "Am Tag des Zusammenbruchs war dieser Wille ausgelöscht und das Gefühl überwog: Ich kann mich nicht mehr kümmern und ich will auch nicht mehr", so Tanja Bräutigam.  Wegen schwerer Depression und Burnout ging die zweifache Mutter schließlich für fünf Wochen in eine Klink, um den Teufelskreis zu durchbrechen und wieder sie selbst zu werden. Ohne ihre Kinder. das sei hart gewesen, aber auch gut. "Ich hatte zu dem Zeitpunkt kaum mehr gegessen, unglaublich viel abgenommen und kaum mehr geschlafen. Und so Basics – wie regelmäßig essen und mal schlafen – waren unglaublich hilfreich für mich", so die 42-Jährige. Tanja Bräutigam hat über ihren Kuraufenthalt ein Buch  geschrieben, um anderen Müttern Mut zu machen, sich wichtig zu nehmen. Es sei auch ein gesellschaftlicher Appell, etwas umzudenken, das zum Teil auch medial geprägte Bild der perfekten Mutter in all ihren Rollen zu hinterfragen. "Ich bin der Meinung man sollte sich selbst wichtig nehmen, denn wenn es einem gut geht, geht es auch meinem Umfeld gut und den Kindern gut. Das ist Selbstfürsorge von der alle anderen um einen herum profitieren."

    Susan Gubitz, Ärztin und Psychotherapeutin, kann das nur bestätigen. Sie hat bereits zahlreiche Mütter mit Burnout behandelt und hat festgestellt, dass im Verlauf der Jahre immer mehr Mütter in diesem Zustand in ihre Praxis kommen – meistens nicht einmal "freiwillig", sondern weil wirklich nichts mehr geht und sie ohne Hilfe nicht mehr weiterkämen. Der Schritt falle vielen Frauen schwer. "Häufig reagiert das Umfeld der Frau mit Unverständnis, wenn plötzlich ein solcher 'Zusammenbruch' kommt. Oft wird ihr nicht abgenommen, dass gerade diese taffe Frau jetzt nicht mehr kann. Das gilt besonders, wenn es hauptsächlich psychische Symptome sind, an denen die Frau leidet. Psychische Symptome sieht man jemandem von außen nicht an, sie sind schwierig zu kommunizieren – gerade für diese Frauen, die es gewohnt sind, eine starke Fassade nach außen zu tragen", erklärt Susan Gubitz. "Dieses Unverständnis greift betrifft oft alle Bereiche: Ehemänner oder Partner haben Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass die Frau jetzt krank ist oder nicht mehr kann. Die Arbeitgeber sehen, dass gerade die Mitarbeiterin, die immer am zuverlässigsten war, plötzlich hohe Krankenstände aufweist. Freunde verstehen nicht, warum jemand, der sonst immer vorne mit dabei war, sich jetzt komplett zurückzieht. Oft werden Freundschaften darüber sogar gekündigt, was für die Patientinnen selbst natürlich furchtbar ist."
    Es stecke aber auch eine große Chance darin, so die Therapeutin. So würden Partner, die zunächst mit Unverständnis reagierten, im Laufe einer Behandlung einbezogen, so dass sich alles in ein besseres Verständnis wandere und die Frau anschließend mehr Unterstützung und Zeit für sich erfahre. Das könne auch zu einer Festigung der Beziehung führen.

    Jeanine Roepkes Zusammenbruch liegt nun zwei Jahre zurück. Ihr Burnout wurde nicht behandelt; die Wartezeit habe drei Monate betragen. Aber sie hat geheiratet und ein zweites Kind bekommen. Ihr Traum von der eigenen Familie ist in Erfüllung gegangen. Das gibt ihr Halt.

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