HOME

Dealer, Junkies, Kriminalität: Ein Report über den Brennpunkt Frankfurter Bahnhofsviertel

Drogenabhängige, die Crack rauchen und Dealer, die Stoff verkaufen - dieses Bild prägt das Frankfurter Bahnhofsviertel Tag und Nacht. Und all das passiert vor den Augen von Anwohnern, Touristen und Berufstätigen. stern TV-Reporter haben die Lage dokumentiert.

Crack-Pfeiffe rauchen auf offener Straße: im Frankfurter Bahnhofsviertel ein täglicher Anblick.

Crack-Pfeiffe rauchen auf offener Straße: im Frankfurter Bahnhofsviertel ein täglicher Anblick.

Das Frankfurter Bahnhofsviertel gerät immer wieder in die Schlagzeilen: Drogen und Kriminalität sind dort an der Tagesordnung. Trotz allen Bemühens, einer Erhöhung der Polizeipräsenz und über 60.000 Personenkontrollen im letzten Jahr ist ein Vorgehen der Polizei gegen Dealer und Junkies schwierig: der alleinige Konsum der Drogen ist keine Straftat, sondern bisher nur eine Ordnungswidrigkeit; viele Tatverdächtige haben nicht einmal eine Meldeadresse. Seit November 2016 ist in Frankfurt die "Besondere Aufbauorganisation Bahnhofsviertel" im Einsatz, eine Spezialeinheit mit mehr als 100 zusätzlichen Beamten.

Konsumräume mindern Zahl der Drogentoten

Bestimmte Ecken Frankfurts waren schon Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre Zentrum von Drogenkonsum und -handel, die Stadt wurde von billigem Heroin regelrecht überschwemmt. Treffpunkt der Junkies und Dealer damals: Die am Bahnhofsviertel angrenzende Taunusanlage. Auch zu dieser Zeit konnte die Polizei kaum etwas machen. Die Zahl der Drogentoten stieg – im Jahr 1991 waren es 147. Um der Lage Herr zu werden, entschied sich die Stadt so genannte Konsumräume zu etablieren, wo Abhängige legal und in sauberer Umgebung Drogen zu sich nehmen können. Dieser "Frankfurter Weg" war damals bahnbrechend in Deutschland.

Auch heute gibt es die Konsumräume noch, vornehmlich im Bahnhofsviertel. Doch viele Dealer und Abhängige halten sich aber vor den Einrichtungen auf. Mittlerweile ist neben Heroin vermehrt auch Kokain im Umlauf , das in Form von Crack geraucht wird – mitten  auf der Straße, zwischen Hauptbahnhof, Hotels und Wolkenkratzern der Großkonzerne. "Der Crackkonsum hat in den letzten Jahren immer schon draußen stattgefunden, einfach weil er so schnell ist. Der Konsumvorgang dauert nur 30 Sekunden. Dafür kommen die meisten nicht rein", erklärt Konsumraum-Leiter Ronald Schneider. Der 47-Jährige arbeitet seit über 20 Jahren im Bahnhofsviertel.

Mit der Drogenszene gehen Dealer, zugedröhnte Konsumenten, Dreck, Müll, Fäkalien und Kriminalität einher. 2016 nahmen die Straftaten noch einmal drastisch zu, knapp 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr: "Ich wurde festgehalten, einer hat meinen Arm gepackt, der andere wollte die Uhr klauen. Und das passiert hier im Bahnhofsviertel tagtäglich", erzählt Hotelleiter Robert Urseanu. Das Hotel Manhattan liegt etwa 100 Meter entfernt von einer jener Konsumeinrichtungen. Ständig würde er von Hotelgästen gefragt, ob man überhaupt vor die Tür gehen oder Wertgegenstände bei sich tragen könne, erzählt der 41-Jährige: "Jede dieser Fragen tut natürlich weh. Ich würde jetzt keine Stadt nennen können, bei der es ähnliche Zustände gibt" Auch würden auf dem Hinterhof des Hotels Drogen versteckt oder Geschäfte verrichtet, obwohl die Stadt Frankfurt ihm einen Zaun gestellt hat. Die Dealer und Junkies würden einfach drüber klettern: "Die verrichten hier alles Mögliche. Was wir sehen tagtäglich, mal mehr, mal weniger, sind Kot, Spritzen, Blut.“

Anwohner und Geschäftsleute leiden unter Drogenszene

Die Wohnung von Heiko Renner und Sandra Deibicht liegt in der Niddastraße – ebenfalls mitten im Problemviertel: 10 Meter Luftlinie vom Wohnzimmerfenster entfernt sieht das Paar auf den Drogenkonsumraum auf der anderen Straßenseite. "Mitten am Tag haben wir 40 Konsumenten direkt vor unserer Tür, für die Jahreszeit ist es ein ziemlich normales Bild. An guten Tagen können es auch doppelt so viele sein. Dazu noch die Lautstärke, das ganze Geschrei. Damit müssen wir auch die ganze Nacht leben. Jede Nacht", so Heiko Renner.

Auch Frank Höflers Laden liegt mitten drin, in der Elbestraße. Ein Konsumraum ist gleich nebenan. Der 44-Jährige erlebt, wie Bedrohungen und Gewalt vor Ort zunehmen: "Die bewerfen sich untereinander mit Flaschen, es werden Flaschenhälse abgebrochen und dann tatsächlich auch als Waffen eingesetzt.“
2016 hat die Polizei 453 tatverdächtige Drogendealer registriert, davon stammten 23 Prozent aus Deutschland, der Rest waren Ausländer. Die größten Gruppen unter ihnen: Algerier und Marokkaner.

Bahnhofsviertel braucht neuen "Frankfurter Weg"

Auch das stern TV-Team erlebte während eines Interviews die aggressive Stimmung der Herumlungernden, das Reporterteam wurde von Drogenabhängigen attackiert und bedroht. Kurz darauf erlebten wir, wie hemmungslos am helllichten Tag gedealt wird. Vor dem Konsumraum machten die Reporter Aufnahmen mit versteckter Kamera. Auch die Polizei war vor Ort. Dennoch wurden im Minutentakt Drogen verkauft, selbst uns bot ein Dealer Stoff an – obwohl ein Beamter nur wenige Meter entfernt hinter ihm stand. Als der Dealer nicht locker ließ, wollte stern TV wissen, wie weit er in dieser Situation gehen würde und folgten ihm. Mit der versteckten Kamera hielten wir fest, wie er uns Heroin anbot.  Einrichtungsleiter Ronald Schneider wehrt sich gegen den Vorwurf, dass die Konsumräume dort das Einnehmen und den Handel von Drogen befördere: "Daran sind ja nicht die Drogenhilfseinrichtungen schuld. Wir sind eigentlich Teil der Lösung. Bevor man Konsumräume in Frankfurt hatte, waren es glaube ich 147 Drogentoten in einem Jahr. Mittlerweile hat es sich eingependelt zwischen 20 und 25", so Schneider. "Natürlich kann ich die Sorgen und Nöte und Ängste der Anwohner verstehen." Sorgen und Nöte, die Heiko Renner und Sandra Deibicht immer haben: "Es ist dieses ständige Unwohlsein hier", so Renner. Auch er und seine Partnerin werden regelmäßig belästigt oder gar mit Flaschen beworfen. Die einst attraktive Eigentumswohnung der beiden im Erdgeschoss wäre derzeit nicht zu verkaufen – der Ruf des Frankfurter Bahnhofsviertels ist desaströs. Ob es auch dafür bald einen "Frankfurter Weg" geben wird? Ein Lösungsansatz wäre jedenfalls dringend gefragt.