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Debra Milke im stern TV-Interview: 22 Jahre in der Todeszelle - "Ich bin jetzt stärker"

22 Jahre saß Debra Milke unschuldig in der Todeszelle. In einem exklusiven Interview mit stern TV erzählt sie, wie sie die Zeit erlebt hat - und wann sie nach Deutschland kommt.

Von Niels Kruse

Debra Milke bei ihrer ersten Pressekonferenz in Freiheit

Debra Milke bei ihrer ersten Pressekonferenz in Freiheit

Wildfremde Menschen haben ihr in den vergangenen zwei Jahrzehnten geschrieben. Berührend sei das gewesen, eine Unterstützung und all die Worte und Zeilen habe sie aufbewahrt. "Jetzt", sagt Debra Milke, "kann ich endlich meinen Dank dafür ausdrücken". Denn jetzt ist sie frei. Endgültig. Nach fast 23 Jahren, die sie in einer Todeszelle verbrachte. Eine Bundesrichterin hob vor wenigen Tagen das Todesurteil gegen Debra Milke, 51, gebürtige Berlinerin, auf.

Es war ein Akt von nicht einmal zwei Minuten: "Ich hatte nichts Spektakuläres erwartet, und es ging so schnell, dass ich nur dazu kam, meine Brille zu putzen", erzählt sie exklusiv stern TV. Debra Milke sitzt irgendwo in Phoenix, Arizona. Hellroter Strickpullover, strohweiße, halblange Haare. Schon seit Herbst 2013 ist sie wieder auf freiem Fuß. Wenn man das so nennen kann. Bis vergangene Woche trug sie noch eine elektronische Fußfessel. Richtig unabhängig war sie nicht, aber langsam findet sie ins Leben zurück.

Zugeschaltet ins Kölner stern TV-Studio, spricht sie auch nicht von einem neuen Leben, sondern von einem neuen Kapitel, das nun beginne. Das wird sie auch nach Deutschand führen, sagt sie strahlend. "Irgendwann in diesem Jahr." Auf der Reise wird sie ihr Hund Angel begleiten. "Ich habe sie seit anderthalb Jahren, das war zwar nicht geplant, aber ich habe mich sofort in sie verliebt."

"Mein Kind bekomme ich nicht zurück"

Milke, die in den USA aufgewachsen ist, ist eines der vielen Opfer des überehrgeizigen Polizisten Armando Saldate, der in Phoenix jahrelang zahlreiche Geständnisse erfand, teilweise erpresste, um Ermittlungserfolge vorweisen zu können. Ihm soll Milke gestanden haben, den Auftrag zum Mord an ihrem damals vierjährigen Sohn gegeben zu haben.

Der war im Dezember 1989 mit drei Schüssen hingerichtet worden. Die Geschworenen glaubten damals dem Detective, der außer seinem Wort keine Beweise hatte. Der Mutter glaubten sie nicht und schickten sie in die Todeszelle. Die mutmaßlichen Mörder sitzen dort noch immer. stern TV-Moderator Steffen Hallaschka will wissen, ob sie hoffe, die beiden würden hingerichtet. "Was soll das bringen? Mein Kind bekomme ich deshalb auch nicht zurück", so ihre Antwort.
1998 war sie es selbst, die dem Tod bereits ganz nahe war. Damals wurde ihre Hinrichtung geprobt. Der Arzt hielt schon Ausschau nach einer gesunden Vene, in die die Giftspritze gesetzt werden sollte, eine Aufseherin erkundigte sich nach der Henkersmahlzeit. "Nach dieser Prozedur wurde mir erst richtig klar, dass der Staat Arizona mich wirklich umbringen will", sagt sie.

"Ich habe viel über mich gelernt"

Der einzige Grund, warum sie in all der Zeit nicht verrückt geworden ist, sei gewesen, dass sie immer gekämpft habe. "Ich wusste ja, dass ich unschuldig bin." Jetzt, im Nachhinein glaubt Milke, dass sie das Vierteljahrhundert hinter Gittern und den ständigen Tod vor Augen, positiv verändert hätten. "Ich habe viel über mich gelernt, bin stärker geworden." Nur einmal kommen ihr während des Interviews die Tränen. Debras Mutter starb im vergangenen Sommer.

All die Jahre stand sie, schwerkrank, der Tochter bei, besuchte sie zweimal nach ihrer Entlassung. Es sei schon immer ihr größter Wunsch gewesen, sie im Leben noch einmal in den Arm zu nehmen, sagte Milke einst in einem Interview. Dieser Wunsch ging zwar in Erfüllung, doch richtig von ihr verabschieden konnte sie sich bislang nicht. "Aber zum Glück hat sie noch meine Entlassung mitbekommen. Wir hatten noch ein paar Monate Zeit miteinander, auch wenn wir 23 Jahre nicht aufholen konnten."