HOME

Beichte eines Spitzensportlers: Zehnkampf-Olympiasieger Christian Schenk spricht über Doping und Depressionen

Als junger Mann war Christian Schenk einer der erfolgreichsten deutschen Sportler. Laufen, Werfen, Weitsprung, Hochsprung - in allen Disziplinen war er Weltspitze. Wenige Jahre nach seinen fulminanten Erfolgen im Zehnkampf wurde es ruhig um ihn. Bei stern TV erzählt er, warum.

Christian Schenk, Goldmedaillengewinner im Zehnkampf bei den Olympischen Spielen von 1988 in Seoul, leidet unter einer bipolaren Störung.

Christian Schenk, Goldmedaillengewinner im Zehnkampf bei den Olympischen Spielen von 1988 in Seoul, leidet unter einer bipolaren Störung.

Laufen, Werfen, Weitsprung, Hochsprung - jahrelang war Christian Schenk in vielen Disziplinen Weltspitze. 1988 gewann er bei den Olympischen Spielen in Seoul die Goldmedaille im Zehnkampf – für die DDR damals ein Riesenerfolg. Schenk wurde mehrfach deutscher Meister. Anfang der 90er Jahre war er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Damals hätte Christian Schenk niemals gedacht, dass ihm einmal schlecht gehen könnte. 1994 erhielt er zum ersten Mal diese niederschmetternde Diagnose: Depression.

"Ich habe mich für meine Depressionen geschämt"

Heute weiß Christian Schenk: Er leidet an einer bipolaren Störung: Hochaktive, euphorische Phasen wechseln sich mit depressiven Phasen ab. Manchmal könne er sich dann nicht einmal dazu aufraffen, Freunden die Tür zu öffnen. "Es ist wirklich wie so eine Lähmung, eine körperlich Lähmung", erklärt Schenk. "Ich habe mich immer geschämt, wenn ich depressive Phasen hatte. Ich konnte kaum sprechen, fühlte nichts. Ich hatte schlimme Wortfindungsstörungen, habe ganz wenig Empathie für andere gehabt. Ich weiß noch, als mein Vater im Sterben lag, konnte ich damit überhaupt nichts anfangen."

In anderen Phasen ging es dem Ex-Olympiasieger genau umgekehrt. Nach der Karriere arbeitete er im Sportmanagement – häufig wie besessen. Typisch für eine bipolare Störung: Während der sogenannten Hypomanien, oder den noch extremeren Manien, agieren Patienten rastlos, übermäßig aktiv und risikofreudig bis hin zum Größenwahn. In depressiven Phasen dagegen sind sie antriebslos, gefühlskalt, entwickeln sogar Selbstmordgedanken. Auch er habe an den sehr düsteren Tagen seines Lebens schon an Suizid gedacht, erzählt Christian Schenk. "Meine beiden Söhne waren letztlich der Grund, weshalb ich wusste, dass ich diesen Schritt nicht gehen darf."

Die jeweiligen Stimmungsphasen können Tage, Monate oder sogar Jahre dauern. Das Fatale: In den positiven Zeiten erkennen die Erkrankten oft nicht, dass etwas nicht stimmt. Als er vor ein paar Jahren nach Rügen zog, habe er das gesamte Freizeitangebot genutzt: Golf, Tennis, Reiten. Doch da war wieder diese Skepsis: Ist es die Krankheit? "Immer wenn es mir richtig gut geht, kommt gleich wieder die Angst, gerade in einer manischen Phase zu sein", sagt Schenk. 

Doping könnte Grund für psychische Erkrankung sein

Die Krankheit prägte vor allem seine letzten zehn Jahre. Christian Schenk verbrachte monatelang in einer psychiatrischen Klinik in Stralsund, zuletzt 2017: "In einer geschlossenen Anstalt zu sein ist ein dramatisches Gefühl, weil es wie in einem Gefängnis ist", so der 53-Jährige. Eine zeitlang habe er sogar Wahnvorstellungen und Halluzinationen durchlebt. Er glaubte etwa, ein schwerkrimineller Betrüger zu sein. Eines Tages habe er seinem Sohn gesagt 'Aron, ich muss dir was mitteilen. Ich habe etwas Schlimmes angestellt und ich werde ins Gefängnis müssen'. "Dann fing er an zu heulen und ist mit der Tagesmutter mitgegangen. Das war für mich rückblickend die schlimmste Situation. Dass ich ihm gesagt habe, ich hätte was Schlimmes getan, was ich gar nicht gemacht habe!"

Christian Schenk hat über seine Krankheit ein Buch geschrieben. Darin offenbart er auch: Er habe zu aktiven Sportlerzeiten wissentlich mit Oral-Turinalbol gedopt. Anfangs bestritt ich, jemals verbotene Mittel eingenommen zu haben. Dann legte ich mir die juristisch etwas weichere Antwort zurecht, ich hätte nie wissentlich gedopt. Beides war gelogen. Ich habe gedopt, und ich wusste, dass ich dope. Letzteres vielleicht nicht von Anfang an, doch lange hatte es nicht gedauert, bis ich begriff, dass es Mittel waren, über die man besser nicht sprach, schreibt er in seinem Buch. Ob das Doping unmittelbar mit der Erkrankung zu tun hat, wird Schenk wohl nie erfahren. Das Präparat, das er damals zu Dopingzwecken nahm, wird jedoch mit Depressionen in Zusammenhang gebracht. Dazu gibt es inzwischen Studien. Nach der Olympiamedaille 1988 wurde Christian Schenk getestet: negativ. Die Medaille darf er behalten. Allerdings, so sagt er, würde er all die Preise sofort hergeben, wenn ihn das wieder gesund machen würde.

Welchen Zusammenhang er heute zwischen seiner Krankheit und dem damaligen Doping sieht und wie er seine Sportkarriere jetzt betrachtet, hat Christian Schenk live im Gespräch mit Steffen Hallaschka erzählt.