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Frauen berichten von Depressionen und Ängsten : Werden die Nebenwirkungen von Hormonspiralen verharmlost?

Wenn frau von der Antibabypille die Nase voll hat, erscheint die Hormonspirale eine gute Alternative. Zumal die niedrig dosierten Hormone ja nur in der Gebärmutter wirken sollen. Ein Trugschluss. Und der Zusammenhang mit Depressionen und Ängsten wird vielfach verkannt.

Ines H. (29) trug acht Jahre die Hormonspirale und litt in der Zeit unter Depressionen und Angst.

Ines H. (29) trug acht Jahre die Hormonspirale und litt in der Zeit unter Depressionen und Angst.

Ines H. ist früh Mutter geworden, nach ihren beiden Kindern mit Anfang 20 war die Familienplanung für sie erst einmal abgeschlossen. Deshalb entschied sie sich vor acht Jahren für die Hormonspirale: Eine nebenwirkungsarme Verhütung, deren gering dosierte Hormone nur "lokal" in der Gebärmutter wirken sollen und durch die sogar die Menstruation deutlich schwächer werden soll – das erschien Ines H. als die perfekte Alternative zur Antibabypille. Laut Arzneimittelexperte Gerd Glaeske von er Universität Bremen, sei derzeit ein regelrechter Trend zur Hormonspirale zu beobachten, das gerade auch junge Frauen "pillenmüde" seien und für andere Möglichkeiten offen seien. "Daher werden sie auch schon für sehr junge Frauen angeboten und beworben", so Glaeske.

"Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt"

Auch Ines H. war optimistisch, die richtige Wahl getroffen zu haben. "Nach sechs Monaten war ich meine Periode los und erstmal froh", so die X-Jährige. "Doch dann fing es an, dass ich müde und abgeschlagen war. Ich hatte keine Lust mehr, irgendwas zu machen, Leute zu treffen oder Sport zu machen. Ich war einfach leer und kaputt." Ines H. zog sich immer weiter aus dem Alltag zurück, litt unter Panikattacken und diffusen Ängsten. "Ich habe mich teilweise selbst nicht wiedererkannt", erzählt die 29-Jährige. Sie wandte sich an ihren Arzt, berichtete von ihren Problemen und Veränderungen. Er verschrieb ihr Antidepressiva.

Als Ines H. 2017 wegen ihrer depressiven Verstimmung eine Kur machte, wiesen sie andere Frauen dort darauf hin, dass sie womöglich wegen der hormonellen Verhütung so leide. "Ich habe vorher nie daran gedacht, dass es an der Spirale liegen könnte. Mein Frauenarzt hat auch nie gesagt, dass da groß irgendwelche Nebenwirkungen auf mich zukommen könnten." Dennoch recherchierte Ines H. im Internet und stieß sofort auf ein Forum, wo sie ihre eigene Geschichte plötzlich hundertfach nachlesen konnte – so vielen Frauen ist es wie ihr ergangen.

Bis zu 10 von 100 Frauen in Studien betroffen

Die Kölner Gynäkologin Pia Baust verschreibt die Hormonspirale selbst regelmäßig und weiß, dass psychische Nebenwirkungen vorkommen können: "Ich lege die Spirale jetzt seit über 15 Jahren ein und habe es drei Mal erlebt, dass ich sie entfernen musste. Eine Patientin wurde so extrem depressiv, dass es einfach nicht anders sein konnte, als von der Hormonspirale. Nachdem wir sie dann direkt gezogen hatten, wurde es auch schlagartig besser."

Depressionen und depressive Verstimmungen sind als häufige Nebenwirkung im Beipackzettel der derzeit verkauften Hormonspiralen aufgelistet. Häufig bedeutet: Bis zu 10 von 100 Frauen waren in Studien statistisch betroffen. Viele Patientinnen bekommen den Beipackzettel aber kaum zu sehen oder werden von ihrem Frauenarzt vorher nicht ausdrücklich auf mögliche unerwünschten Wirkungen hingewiesen. Anders als Pia Baust schätzen Gynäkologen diesen möglichen Zusammenhang oftmals falsch ein und schieben die Gefühlslage der betroffenen Frauen auf andere Lebensumstände. Wie Ines H. schlucken sie über Jahre Antidepressiva, gehen zu verschiedenen Ärzten – ohne dass die Hormonspirale als Ursache in Verdacht kommt. "Ich bin darüber immer wieder überrascht", sagt der Arzneimittel-Professor Gerd Glaeske. "Die Gebärmutter ist ein gut durchblutetes Organ, so dass die Hormone natürlich nicht nur lokal wirken, wie lange behauptet wurde, sondern auch in den gesamten Blutkreislauf gelangen."

Viermal so oft Antidepressiva: Anfälligkeit steigt mit Beginn der hormonellen Verhütung

Die allermeisten Frauen mit einer Hormonspirale sind mit ihrer Verhütungsmethode zufrieden. Etwa 8 bis 10 Prozent der Frauen in Deutschland verhüten damit. Ines H. ließ sich ihre Spirale vor drei Monaten entfernen. Seitdem geht es ihr deutlich besser. Und womöglich Tausende andere leiden weiterhin unter den unerwünschten Wirkungen; ihr Leben ist durch die hormonelle Verhütung alles andere als unbeschwert geworden. Wird dieser Aspekt von Pharmaunternehmen und Ärzten verharmlost?

Eine große Studie aus Dänemark (2016), die Daten von über einer Million Frauen ausgewertet hat, bringt hormonelle Verhütungsmittel ganz klar mit Depressionen und Suizidversuchen in Zusammenhang: Im Vergleich zu Frauen, die noch nie hormonell verhütet hatten, bekamen Frauen mit Antibabypille zu 70 Prozent häufiger Antidepressiva verschrieben. Frauen mit einer Hormonspirale sogar fast doppelt so häufig (90 Prozent häufiger). Bei jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren waren die Unterschiede noch dramatischer: Von ihnen bekamen Pillenverhüterinnen mehr als doppelt so häufig Antidepressiva, Jugendliche mit Hormonspirale sogar viermal so oft. Mit Blick auf erstmalige Suizidversuche verdoppelte sich das Risiko für Frauen, die die Pille nahmen. Bei Frauen mit der Hormonspirale erhöhte sich das Risiko sogar auf fast das Dreifache. Alarmierende Werte, findet auch Prof. Glaeske: "Die Studie hat gezeigt, dass mit dem Beginn der hormonellen Verhütung die Depressionshäufigkeit ansteigt. Das sollte man zumindest ernst nehmen, so dass man nicht einfach sagen kann: Das hängt mit irgendwelchen Lebensumständen zusammen. Nein, es steht offensichtlich mit dem Beginn der hormonellen Verhütung in Zusammenhang."

Live bei stern TV sprach Steffen Hallaschka über die gerne verschwiegenen Nebenwirkungen der Hormonspirale mit dem Pharmakritiker Gerd Glaeske und mit Sandra K., die ebenfalls jahrelang unter unerwünschten Wirkungen ihrer Spirale betroffen war.