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Aktuelle Arbeitsmarktrealität: Der Betroffenen-Check: Was hat diese Legislaturperiode den Arbeitslosen gebracht?

Angela Merkel ist stolz auf das, was sie und die Große Koalition in den vergangen vier Jahren geschafft haben. Die Arbeitslosigkeit habe sich unter ihr halbiert, sagte sie vor wenigen Wochen in Dortmund. Doch wie sieht die wirtschaftliche Realität der Betroffenen aus?

"Die großen Konzerne machen große Gewinne, aber bei uns Arbeitern kommt nichts davon an", sagt Melanie Bohlmann. stern TV zieht kurz vor der Bundestagswahl ein Fazit und hat vier Betroffene nach der Entwicklung ihrer wirtschaftlichen Lage gefragt: Was hat die aktuelle Legislaturperiode unter Angela Merkel und der großen Koalition denjenigen gebracht, die bessere Arbeits- und Lohnverhältnisse am Nötigsten hatten?

Melanie Bohlmann ist immernoch nur eine von denjenigen Menschen in Deutschland, die entweder arbeitslos sind oder versuchen, sich im Niedriglohnsektor über Wasser zu halten. Viele müssen, wie die Bohlmanns – sogar mit Hartz IV aufstocken, um über die Runden zu kommen. Bei den Bohlmanns arbeiten beide: Adrian Bohlmann ist in Vollzeit als Informationselektroniker angestellt, Melanie Bohlmann in Teilzeit mit 20 Stunden pro Woche als Kassiererin im Supermarkt. Beide arbeiten zum Mindestlohn; da kommen nur 1400 Euro monatlich zusammen. Mit einem Zuschuss vom Jobcenter kommen sie auf knapp 2039 Euro, für eine vierköpfige Familie mit Kindern im Teenageralter ist das nicht viel. "Von den 2100 Euro müssen wir alles für uns vier bezahlen: Miete, Versicherungen, Lebensmittel, Kleidung, Haushalt und Sonderausgaben." Immerhin haben sie durch die Arbeit der Mutter jetzt 300 Euro mehr, als noch 2013 zu Beginn der aktuellen großen Koalition. Die Kanzlerin verbucht die Einführung des Mindestlohns als Erfolg ihrer Regierung. Doch ist es wirklich der Verdienst der Politik, dass es den Bohlmanns jetzt wirtschaftlich ein wenig besser geht?

Endlich raus aus Hartz IV

Damals zählte Hans Dieter Heisters aus Mönchengladbach zu den rund einer Million Langzeitarbeitslosen. Für sich und seine Familie hatte er 1700 Euro zur Verfügung. 2014 bekam Heisters eine Chance als 1-Euro-Jobber: Er wurde als Fahrer für behinderte Menschen beschäftigt – nicht seine Berufung, doch er wolle weiter kämpfen, sagte er zu dieser Zeit. Und tatsächlich bot ihm die evangelische Stiftung Hephata 2015 einen Arbeitsvertrag als Gruppenleiter in einer Behindertenwerksatt an. Hans Dieter Heisters war mit seiner Familie nach langen Jahren endlich raus aus Hartz IV. stern TV traf auch ihn diese Woche wieder: Inzwischen hat er einen unbefristeten Vertrag bei Hephata und hat - inklusive Kindergeld - 2600 Euro zur Verfügung . "Vom Arbeitslosengeld 2-Empfänger in eine Vollanstellung, und dann in eine Vollzeitanstellung auf Lebenszeit" resümiert der 48-Jährige seine vergangenen vier Jahre. Hans Dieter Heisters ist einer derjenigen, die die Arbeitslosenzahlen sinken ließen. Während 2013 noch 2,8 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet waren, waren es im August 2017 2,54 Millionen. Angela Merkel sieht die Arbeitsmarktlage dementsprechend positiv: Heute habe man 44 Millionen Erwerbstätige in Deutschland. Das seien richtig tolle Zahlen, sagte sie noch im August in Dortmund. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen sank von gut einer Million auf knapp 900.000.

Im Juli 2017 waren 2,52 Millionen Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitslos gemeldet. Davon waren 35,7 Prozent (rund 900.000) langzeitarbeitslos, also ein Jahr und länger ohne Arbeit. 

Im Juli 2017 waren 2,52 Millionen Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitslos gemeldet. Davon waren 35,7 Prozent (rund 900.000) langzeitarbeitslos, also ein Jahr und länger ohne Arbeit. 

"Unter 2500 Euro gehe ich nicht arbeiten"

Dennoch gibt es weiterhin Menschen wie Oliver Nothers, ein gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, der seit sage und schreibe 14 Jahren Hartz IV bezieht – seit es Hartz IV überhaupt gibt. 2013 betrug die Grundsicherung 382 Euro, zuzüglich seiner Miete. "Hartz IV ist nicht zum Leben, sondern zum Überleben. Versuchen Sie mal von 180, 190 Euro zu leben", schimpfte Nothers damals, laut eigenen Aussagen weiterhin auf der Suche nach Arbeit. Doch dazu kam es bisher nicht, für ihn habe sich weiterhin nichts auf dem Arbeitsmarkt getan, so der 42-Jährige vor zwei Tagen. "Ich habe einen Preis. Für Arbeit will ich auch anständig bezahlt werden. Unter 2.500 Brutto gehe ich nicht arbeiten."

Eigenes Engagement – und über 400 Euro mehr

Julia Kukielski ist eine, die es  geschafft hat. Allerdings aus eigener Kraft. Mit der Annahme eines gering bezahlten Jobs in einem Fastfood-Geschäft, den stern TV ihr 2010 bei einer Aktion unter Arbeitslosen angeboten hatte, arbeitete sie sich über die vergangenen sechs Jahre über die Verkäuferin bei einer Drogeriekette 2013 bis zur stellvertretenden Filialleiterin 2017 voran. stern TV traf sie diese Woche wieder. Statt Hartz IV bekommt die 35-Jährige heute 1.700 Euro netto, 2013 waren es knapp 1300 Euro. "Das hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal so einen tollen Job habe", so Julia Kukielski. An ihre frühere Arbeitslosigkeit denkt sie heute nur ungern zurück: "Es ist einfach kein schönes Gefühl, einfach immer irgendwie um irgendwas kämpfen oder betteln zu müssen." Inzwischen kann sie sich auch mal spontan zum Shoppen mit ihren Freundinnen treffen, vor vier Jahren hatte sie noch 400 Euro weniger zur Verfügung.

Langzeitarbeitslose haben am wenigsten von Entwicklung profitiert

Doch ist die Entwicklung einiger zuvor Arbeitsloser wirklich ein Verdienst der Politik? Haben Menschen wie Julia Kukielski oder Melanie und Adrian Bohlmann tatsächlich von Regierungsentscheidungen profitiert? "Wir haben tatsächlich in den letzten vier Jahren eine gute Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gehabt - allerdings nur für einen Teil der Arbeitnehmer", so der Arbeitsmarktforscher Prof. Dr. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz am Mittwochabend live bei stern TV. Allerdings hätten 40 Prozent der Arbeitnehmer heute real weniger Geld als noch Mitte der Neunziger Jahre, weil deren Lohnentwicklung zurückgeblieben sei, sagte Sell. Das deckt sich auch mit den Umfragewerten, die wir im Vorfeld der Sendung ermittelt haben. Auf die Frage, ob sich die persönliche wirtschaftliche Situation unter der großen Koalition verbessert habe, antworteten 42,6 Prozent der 4.722 Teilnehmer: Nein, ich hatte zwar die letzten vier Jahre einen Job, verdiene aber nicht besser.
Lediglich 3,1 Prozent aller Befragten gaben an,innerhalb dieser Zeit Arbeit gefunden und dadurch auch mehr Geld in der Tasche zu haben. Knapp 13 Prozent sind nach wie vor arbeitslos oder arbeitslos geworden. "Von der guten Arbeitsmarktentwicklung der vergangenen Jahre haben die Langzeitarbeitslosen am wenigsten profitiert", sagte auch Prof. Sell. Zudem forderte Stefan Sell einen höheren Mindestlohn. So brauche man derzeit bei 45 Jahren Arbeit in Vollzeit einen Mindestlohn von knapp zwölf Euro, um nicht in die Altersarmut zu rutschen. Derzeit liegt der Mindestlohn in Deutschland bei 8,84 Euro. Demnach so Sell, "müsste der Mindestlohn eigentlich höher angesetzt werden."

Die stern TV-Umfrageergebnisse im Detail:

Vier Jahre große Koalition: Hat sich für Sie persönlich die wirtschaftliche Situation verbessert?

7.6%: Nein, ich bin arbeitslos, wie auch schon Ende 2013.

5.1%: Nein, ich bin in den letzten vier Jahren arbeitslos geworden.

10.8%: Nein, ich habe zwar zwischenzeitlich Arbeit bekommen, stehe finanziell aber nicht besser da.

42.6%: Nein, ich hatte zwar die letzten vier Jahre einen Job, verdiene aber nicht besser.

3.1%: Ja, ich habe inzwischen Arbeit gefunden und habe jetzt auch mehr Geld in der Tasche.

17.5%: Ja, ich hatte die ganze Zeit einen Job und verdiene jetzt besser, als vor vier Jahren.

13.2%: Nichts davon trifft auf mich zu (Beamte, Rentner, Pensionisten, Studenten, etc.)

Teilnehmer: 4722

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