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Der Fall Debra Milke: Chronologie einer fragwürdigen Verurteilung

Es ist der Fall einer Frau, die mehr als 22 Jahre in den USA in der Todeszelle saß - verurteilt wegen Anstiftung zum Mord an ihrem Sohn. Ihre Schuld stand stets infrage. Die Abfolge der Ereignisse.

Debra Milke saß mehr als 22 Jahre lang in der Todeszelle in einem US-Frauengefängnis in Arizona. 1990 wurde die gebürtige Berlinerin wegen Anstiftung zum Mord verurteilt. Sie sollte die Erschießung ihres vierjährigen Sohns angezettelt haben. Milke beteuerte stets ihre Unschuld. Allein die Aussage eines Polizeiermittlers war der entscheidende Beweis für ihr Schuldeingeständnis und ihre Verurteilung gewesen. 2013 hob ein US-Revisionsgericht das Todesurteil auf: Debra habe keinen fairen Prozess erhalten.

Lesen Sie hier eine Chronologie der Ereignisse, die zu diesem Gerichtsbeschluss führten.

10. März 1964:

Debra Jean Milke wird als Tochter der Deutschen Renate Sadeik (jetzt: Renate Janka) und des US-Amerikaners Richard Sadeik in Berlin-Lichterfelde geboren.

02. Mai 1965:

Die Familie zieht in die USA nach Montana.

1967 – 1983:

Verschiedene Umzüge der Familie innerhalb der USA, nach der Scheidung der Eltern zieht die Mutter Renate zurück nach Deutschland. Debra bleibt in den USA. Die jüngere Schwester Sandy bleibt beim Vater Richard Sadeik in Florence, Arizona.

April 1983:

Debra lernt Mark Milke kennen und die beiden werden nach kurzer Zeit ein Paar.

Juli 1984:

Debra verlässt Mark Milke wegen seiner Alkohol- und Drogenprobleme.

September 1984:

Nach zwei Monaten kehrt Debra zu Mark Milke nach Phoenix zurück.

22. Dezember 1984:

Debra und Mark Milke heiraten.

02. Oktober 1985:

Ihr gemeinsamer Sohn Christopher Conan Milke kommt zur Welt. Mark Milkes anstehende Gefängnisstrafe wird aufgrund der Geburt verschoben.

1985 – 1989:

Mark Milke ist wegen Alkohol- und Drogendelikten mehrfach im Gefängnis.

19. April 1988:

Debra Milke stellt einen Antrag auf Auflösung der Ehe.

27. Juni 1988:

Debra erwirkt gegen Mark eine Schutzanordnung, so dass er sich ihr nicht mehr nähern darf.

November 1988:

Debra wird von Mark Milke geschieden und stellt einen Antrag auf alleiniges Sorgerecht für ihren Sohn. Mark Milke darf Christopher unter Aufsicht sehen.

Juli 1989:

Nach Drohungen und Kidnapping-Versuchen versteckt sich Debra mit Sohn Christopher bei einem Freund ihrer Schwester, James Styers. Dort will sie vorübergehend zur Untermiete wohnen.

August 1989:

Debra findet eine neue Arbeitsstelle bei einer Versicherungsgesellschaft in Tempe und kümmert sich um einen Kindergartenplatz für Christopher, sowie um eine Wohnung.

24. November 1989:

Debra sagt James Styers, dass sie zum Januar ausziehen wird.

02. Dezember 1989:

Christopher wird in der Wüste erschossen aufgefunden. Debras Mitbewohner James Styers und dessen Freund Richard Scott hatten den Jungen mit zum Einkaufen genommen, wo er angeblich verschwand. Die beiden verwickeln sich in Widersprüchen und werden verhaftet.

03. Dezember 1989:

Debra wird nach einer Befragung durch Detective Armando Saldate verhaftet.

04. Dezember 1989:

Nur einen Tag später: Die Untersuchungen im Fall Christopher Conan Milke werden eingestellt.

06. Dezember 1989:

Detective Armando Saldate gibt seinen Untersuchungsbericht ab. Den Medien sagt er, Debra Milke habe ihm gegenüber das Mordkomplott gestanden. Sie soll ihren Mitbewohner James Styers und dessen Freund Richard Scott zum Mord an ihrem Sohn angestiftet haben, um eine Lebensversicherung von 50.000 Dollar zu kassieren. Beweise für das Geständnis, wie Tonaufnahmen, Zeugen oder eine Unterschrift von Debra Milke unter dem Geständnis, fehlen.

08. Dezember 1989:

Debra wird angeklagt. Einziger Zeuge ist der Detective Armando Saldate.

12. Oktober 1990:

Debra wird wegen Konspiration zum Mord, Kidnapping, Kindesmissbrauch und verübten Mordes schuldig gesprochen.

11. Januar 1991:

Richterin Cheryl Hendrix ordnet die Todesstrafe an.

1991 bis 1993:

Im Berufungsverfahren wird die Strafe für Kindesmissbrauch fallen gelassen, da das nicht hinreichend bewiesen werden konnte.

1993 bis 1997:

Debera Milkes Anwalt Anders Rosenquist und Privatdetektiv Kirk Fowler beantragen die Zulassung neuer Beweismittel, die erst nach dem Schuldspruch geltend gemacht werden können. Zudem greifen sie die Glaubwürdigkeit von Detective Saldate an: Er habe gelogen. Mittlerweile war bekannt geworden, dass in Saldates Bezirk fünf Unschuldige als Mörder verhaftet wurden. Das zuständige Gericht lehnt ab.

1997:

Schauspielerin Uschi Glas erfährt von Debra Milkes Schicksal und engagiert sich für eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Weitere Unterstützer sind der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und stern TV-Moderator Günther Jauch.

19. Dezember 1997:

Das Bundesgericht von Arizona ordnet Debra Milkes Exekution für den 29. Januar 1998 an.

Januar 1998:

Debra Milke wird abgeholt und zu einem "Probelauf" zur Hinrichtungskammer gebracht. Unterdessen beantragt ihr Anwalt eine Revision ihres Urteils. Kurz vor dem Exekutionstermin erhält Debra ein Aufschub für eine erneute Prüfung ihres Falls.

1998 bis 2013:

Die Berufungsverfahren ziehen sich hin. Die Hinrichtung wird verschoben. Bei den Verfahren geht es vor allem um die Frage, ob Debra freiwillig, wissentlich und im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte auf ihre sogenannten "Miranda rights" verzichtet hat, also auf das Recht auf einen Anwalt und das Recht, während der Vernehmung durch die Polizei zu schweigen.

20. Juni 2001:

stern TV berichtet über den Fall. Es ist es das erste Fernsehteam, das in den Hochsicherheitstrakt von Perryville bei Phoenix darf. Als die stern TV-Reporterin außerdem Armando Saldate zu diesem Thema befragt, bricht er das Interview abrupt ab.

2003:

Debras Mutter Renate Janka (ehemals Sadeik) veröffentlicht ein Buch mit dem Titel "Lasst meine Tochter endlich frei".

15. März 2013:

22 Jahre sind vergangen, in denen Debra Milke in der Todeszelle saß. Das neunte Berufungsgericht urteilt nun, dass Debra Milke keinen gerechten Prozess erhalten hat - und hebt das Todesurteil auf. Folglich muss die Staatsanwaltschaft entscheiden: Entweder gibt es einen neuen Prozess - oder Debra kommt frei.

08. September 2014:

Das Urteil gegen Milke wird wegen mangelnder Beweise für ungültig erklärt. Die 50-Jährige kommt auf Kaution und mit einigen Einschränkungen - unter anderem einer elektronischen Fußfessel - frei.

12. Dezember 2014:

Ein Berufungsgericht im Bundesstaat Arizona ordnet an, die Mordanklage gegen Debra Milke fallen zu lassen. Das Gericht folgt damit Milkes Anwälten. Denn die drohende Neuauflage des langen Prozesses verstoße gegen die US-Verfassung: Niemand darf zweimal für dasselbe Verbrechen vor Gericht gestellt werden.

23. März 2015:

Das Verfahren gegen Debra Milke wird nach einem viertel Jahrhundert endgültig eingestellt. Die mittlerweile 51 Jahre alte Frau, die als 25-Jährige verhaftet wurde, ist frei.