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Pacific Crest Trail: Schon per SMS verabschiedet: Deutsche Bergsteigerin wird kurz vorm Erfrieren gerettet

Es sollte das Abenteuer ihres Lebens werden. Doch die Wanderung durch das amerikanischen Hochgebirge wurde für Katharina Gröne beinahe zum Verhängnis. Sie geriet in einen Schneesturm, harrte tagelang in eisiger Kälte aus. Ganz alleine, fast erfroren, kraftlos und ohne Hoffnung. Ihre Rettung in letzter Minute verdankt sie einer Zufallsbegegnung.

Katharina Gröne (34) unterwegs auf dem Pacific Crest Trail. Ein Bild von sich selbst (links) machte sie noch, als sie - im Schneesturm allein - die Hoffnung auf Rettung fast aufgegeben hatte. 

Katharina Gröne (34) unterwegs auf dem Pacific Crest Trail. Ein Bild von sich selbst (links) machte sie noch, als sie - im Schneesturm allein - die Hoffnung auf Rettung fast aufgegeben hatte. 

Alleine unterwegs in der Wildnis - für Katharina Gröne sollte es das Abenteuer ihres Lebens werden: Der bekannte, höchst anspruchsvolle Fernwanderweg entlang der Westküste der USA von der mexikanischen hoch zur kanadischen Grenze: 4279 Kilometer. Jährlich laufen etwa 3.500 Wanderer den legendären "Pacific Crest Trail" an der Westküste der USA, der durch den Film "Wild" mit Schauspielerin Reese Witherspoon erst richtig bekannt wurde. Katharina Gröne hatte den Film auch gesehen – und wollte unbedingt los. Im Mai startete sie an der mexikanischen Grenze ihr großes Abenteuer. Sie lief jeden Tag bis zu 50 Kilometer. Fünf Monate lang. "Ich war total unsportlich, im letzten Job habe ich eigentlich nur gestanden und nett gelächelt. Das war jetzt natürlich eine krasse Herausforderung. Von jetzt auf gleich war ich Hochleistungssportlerin." Ende Oktober hatte sie 4.000 Kilometer geschafft – eine Wahnsinnsleistung für die Münchenerin. Doch vor zwei Wochen nahm ihr Abenteuer ein jähes Ende.

"Man verliert doch zuerst die Finger, aber nicht die Füße!"

Ende Oktober liegt das letzte Teilstück vor ihr: nur noch 200 Kilometer. Aufgeben kommt für die 34-Jährige nicht in Frage. Auch nicht, als sie die Amerikanerin Nancy trifft und mit ihr einige Meilen gemeinsam läuft. Nancy bricht die Wanderung ab, sie fürchtet einen aufkommenden Schneesturm. Das vor Katharina liegende Stück ist das riskanteste: hoch gelegen, schwierige Pfade, unvorhersehbares Wetter. Die Amerikanerin will Katharina vom Weitergehen abbringen, es sei zu riskant. Katharina Gröne aber will das letzte Teilstück noch schaffen. Sie läuft unbeirrt weiter - bis das Wetter tatsächlich umschlägt. Außer ihr ist kein Wanderer mehr unterwegs. Die 34-Jährige ist allein. Mitten im Kaskadengebirge, bei Schneetreiben und eisigen Temperaturen. Sie irrt umher – ohne Handy-Empfang, ohne Orientierung. Der nächste Ort ist meilenweit entfernt. Katharina harrt im Schneegestöber aus, unter einer Plane in eine Decke gewickelt, durchnässt, kraftlos, ohne Hoffnung. Sie hat erste Erfrierungserscheinungen. "Ich dachte nur: Das sind doch meine Füße. Die darf ich nicht verlieren. Man verliert doch zuerst seine Finger oder so – aber nicht die Füße! Das hat mir wahnsinnig Angst gemacht." Stündlich geht es Katharina schlechter, die Situation scheint aussichtslos. Vier Tage hat sie keine Menschenseele gesehen, niemand würde jetzt auch nur in die Nähe kommen. "Ich habe geschrien, um Hilfe gerufen. Aber es ging immer weiter bergab mit mir. Mein Körper wurde schwächer und schwächer", erzählt sie. Verzweifelt spricht sie Abschiedsnachrichten an ihre Eltern auf ihr Handy. Sie entschuldigt sich, dass sie zu weit gegangen ist. Hier und jetzt würde ihr Lebensabenteuer enden: "Ich kann nicht mehr laufen, es ist so kalt. Es ist einfach kalt. Ich habe das Gefühl, ich spüre meinen kleinen Finger nicht mehr. Ich weiß nicht, was ich machen soll."

"Katharina, lauf! Du läufst um dein Leben"

Doch die Amerikanerin Nancy kann Katharina nicht vergessen: Warum hat sie keine Nachricht mehr von der Deutschen bekommen, nichts mehr von ihr gehört? Nancy schreibt eine Nachricht in ein Wander-Forum. Doch dort beschwichtigt man sie, Katharina würde es schon schaffen. Die Amerikanerin aber lässt es keine Ruhe. Nach fünf Tagen alarmiert sie die Bergrettung. Ein Helikopter fliegt das Gebirge ab, ohne genau zu wissen, wo man suchen soll. Wegen des Schneetreibens haben die Rettungspiloten noch dazu eine schlechte Sicht. "Ich war kurz davor aufzugeben. Mir ging der Sprit aus. Aber ich dachte, einen Versuch starten wir noch", berichtet Pilot Bill Qustorf.  Dieses Mal finden die Bergretter eine Spur: Katharinas Fußabdrücke im Schnee. Während der Helikopter eine Stelle zum Landen sucht, rennt Katharina Gröne los – aus Angst, die Retter könnten abdrehen. "Ich fing wirklich an zu heulen, ich bin gerannt und konnte eigentlich nicht, obwohl es bergab ging. Ich habe dann selbst meinen Namen geschrien 'Katharina, lauf! Du läufst gerade um dein Leben! Wenn du jetzt nur 'ne Pause machst, und der entwischt dir, dann war's das!'."

Katharina Gröne wird in allerletzter Minute aufgelesen und gerettet, dank Nancys Initiative. Die ersten Tage nach der Rettung ist sie bei ihrer Amerikanischen Retterin untergekommen und konnte ihr persönlich danken. Zwei Wochen später war Katharina nun bei stern TV zu Gast, erholt und gesundet. Welch ein Glück, weiß sie selbst: "Eine absolut Fremde entscheidet sich: Ich lass das Kind nicht alleine, ich werde sie da rausholen, wenn sie ein Problem hat. Und es hat funktioniert!"
 

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