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Gefangen in den Vereinigten Arabischen Emiraten: "Und plötzlich war mein Sohn in einem arabischen Massengefängnis"

Christian Wilke arbeitete als Lehrer in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Seit über vier Monaten sitzt er nun in einem Massengefängnis in Al Ain. Der Vorwurf: "elektronische Beleidigung". Seine Mutter kämpft für seine Freilassung. stern TV hat sie getroffen.

Christine Wilke-Breitsameter kämpft für die Freilassung ihres Sohnes Christian (39).

Christine Wilke-Breitsameter kämpft für die Freilassung ihres Sohnes Christian (39).

Schlafentzug, Dauerverhöre, eiskalte Zellen - seit gut vier Monaten sitzt Christian Wilke in einem Massengefängnis im arabischen Al Ain. Was genau ihm vorgeworfen wird, weiß er nicht genau, der Vorwurf lautet "elektronische Beleidigung". Mehr ist ihm nicht bekannt.

Eigentlich war Christian Wilke seit 2016 als Informatiklehrer in der Großstadt Al Ain in Abu Dhabi, arbeitete dort an einem College und nebenbei an seiner Doktorarbeit. Anfang Oktober 2017 wurde er plötzlich verhaftet. Laut seiner Mutter Christine Wilke-Breitsameter soll ihr Sohn in seiner Wohnung regelrecht überfallen und mit Maschinengewehren bedroht worden sein. Seither wird der 39-Jährige unter schier unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Sechs Wochen lang musste er auf den ersten Kontakt zu einem Anwalt warten. "Sein Daumen wurde in ein Dokument mit arabischen Schriftzeichen gedrückt, das dann letztendlich seine Aussage darstellen sollte", erzählt Wilkes Mutter. In der Zelle, in der Christian Wilke zunächst eingesperrt war, habe vier Wochen lang ununterbrochen das Licht gebrannt, er sei Schlafentzug, Repressalien und Dauerverhören ausgesetzt worden und habe kaum etwas zu essen bekommen. Nach inzwischen 20 Wochen hat der 39-Jährige 20 Kilogramm verloren - er fühle sich nur noch wie ein Geist, sagte er seiner Mutter. "Ich bin mir sicher, dass ich die nächsten zwei Wochen kaum noch durchstehe. Tut mir leid, dass ich es so sagen muss, aber es ist hammerhart", so Christian Wilke wörtlich am Telefon.

Petition soll Bewegung in den Fall bringen

Seine Mutter fühlt sich in 6000 Kilometern Entfernung einfach nur hilflos. Vor der Verhaftung hatten die beiden regelmäßig per Internet und telefonisch Kontakt, plötzlich habe sie drei Monate lang nichts mehr von ihrem Christian gehört, habe nicht einmal gewusst, ob er noch lebt. Am 25. Dezember erhielt sie den erlösenden Anruf: "Er hat dann gesagt: 'Mom, ich bin es, der Christian.' Er hat dann angefangen zu weinen und ich auch. Und dann hat er mir gesagt, dass er im Gefängnis ist, und nicht weiß warum. Das war für mich so ein bewegender Augenblick, weil ich die ganze Zeit dachte, es gibt ihn nicht mehr."  Die 57-Jährige entschied sich zusammen mit ihrer Tochter Evi an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie starteten online eine Petition, die inzwischen gut 80.000 Menschen unterschrieben haben. Die Hoffnung: Bewegung in den Fall zu bringen. "Das Schwerste ist für mich, dass ich hier in Deutschland überhaupt nichts aktiv machen kann", sagt Christine Wilke-Breitsameter. "Christian ist gesundheitlich total am Boden. Er hat unheimlich abgenommen und er ist schwer erkrankt an einer Lungenentzündung." Sie erzählt, ihr Sohn sei in einem Massenverfahren abgefertigt worden. Da alles auf Arabisch gesprochen wurde und er nur Ja und Nein habe sagen dürfen, sei alles an ihm vorbeigelaufen - und dann ein Urteil gesprochen worden: In erster Instanz wurde Christian Wilke so zu einem Jahr in dieser Haft verurteilt, er soll außerdem 12.500 Euro Strafe zahlen sowie die Verfahrenskosten. Das Auswärtige Amt teilte stern TV auf Anfrage mit: Der Fall Wilke ist bekannt. Das Generalkonsulat Dubai betreut Herrn Wilke konsularisch. Vor einer Woche konnte Wilke erstmals von einem Konsulatsmitarbeiter besucht werden. Danach sei er in eine 'Kühlkammer' gesteckt worden, erzählte der 39-Jährige am Telefon. "Das ist so ein Raum, in den man gesteckt und bestraft wird."

"Ich möchte einfach nur heim, Mama, einfach nur heim!"

Die Mutter erzählt uns, dass sie nicht wisse, wann er anrufen darf. Sie würde seit Wochen in der Nähe des Telefons bleiben. Während unserer Dreharbeiten klingelte es plötzlich – und Christian war dran und schilderte die augenblicklichen Zustände: "Ich habe immer noch stechende Brustschmerzen, ich atme schwer. Hier ist kaum Licht. Gar nichts. Es ist ein fünf mal fünf Meter-Raum mit acht Leuten drin. Einige blutüberströmt, weil sie gerade gestritten haben. Ich habe mittlerweile 20 Kilo abgenommen in den letzten Wochen. Hygiene ist unter aller Kanone. Ich möchte einfach nur heim, Mama, einfach nur heim!"

Christine Wilke-Breitsameter will für ihren Sohn kämpfen - und gegen die Ungerechtigkeit, mit der er in Abu Dhabi festgehalten und verurteilt wird. Dafür hat sie die  Petition ins Leben gerufen und sich sogar an unseren Außenminister gewandt. "Ich bin eine Löwenmutti. Mein Mann, meine ganze Familie, die gibt mir diese Bärenkräfte. Ich hole ihn da raus. Und das schaffe ich!"