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Deutschland ist krank: Kann man sich jetzt noch vor der Grippe-Welle schützen?

Leere Bänke in den Schulen, auf der Arbeit fallen die Leute reihenweise aus. Auch stern TV arbeitet diese Woche nur mit der halben Belegschaft: Deutschland ist krank. Die Grippe-Welle greift um sich. Ist es dieses Jahr besonders schlimm? Und wie kann man sich jetzt noch schützen?

Getty Images

Die diesjährige Grippewelle hat Deutschland momentan fest im Griff: Allein in der vergangenen Woche meldete das Robert-Koch-Institut mehr als 23.000 neue Erkrankungen. Egal ob Norden, Süden oder Westen: Die Viren sind auf dem Vormarsch. Gegen die Erreger der Grippe gibt es zwar einen Impfstoff, der jährlich angepasst wird. In diesem Winter sind allerdings Influenza-Viren des Typs B der sogenannten Yamagata-Linie besonders verbreitet. Seit Herbst 2017 sind sie mit 75 Prozent die am häufigsten identifizierten Grippe-Viren. Der aktuelle Dreifachimpfstoff, der von den Krankenkassen bezahlt wird, zeigt genau da Schwächen. Er bietet keinen Schutz gegen diese spezifische Viren-Gruppe.

Dementsprechend herrscht in deutschen Arztpraxen gerade Hochbetrieb – auch in der Gemeinschaftspraxis von Allgemeinmediziner Philip Kampmann, die momentan täglich von bis zu 400 Patienten aufgesucht wird. Die Ärzte haben deshalb eine extra Akut-Sprechstunde nur für Erkältungskrankheiten und Grippe eingerichtet. Seit Karneval ist besonders viel los. "Wir haben mehr Notfalltermine, mehr unvorhergesehene Patienten, die einfach bei uns stehen und sagen, sie haben Grippe", sagt die Sprechstundenhilfe. Pro Tag seien das bis zu 100 Patienten mehr. Ob Grippe oder grippaler Infekt – die Menschen fühlen sich krank. Dennoch gibt es einen Unterschied, erklärt Dr. Kampmann: "Grundsätzlich ist ein grippaler Infekt eine Atemwegserkrankung der oberen Atemwege. Eine Grippe, die echte Influenza, ist zwar ebenfalls eine Atemwegserkrankung, aber deutlich schwerer, deutlich stärker", so der Arzt. "Die Patienten schleppen sich mit letzter Kraft bei uns ins Sprechzimmer." Wer sich die Grippe eingefangen hat, steckt schon nach kurzer Zeit andere an – ohne es zu merken. Denn: Ein normaler Husten mit etwa 3000 Speicheltröpfchen erreicht eine Geschwindigkeit von bis zu 80 km/h und überwindet somit eine Distanz von mehreren Metern. Niesen enthält bis zu 4000 Tröpfchen und erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 160 km/h. Ein einziger Nieser eines Grippe-Infizierten kann einen ganzen Raum mit Viren füllen.

Grippe oder starke Erkältung?

Grippe-Symptome sind bei jedem Patienten unterschiedlich. Tatsächlich ist ein ausgeprägtes Krankheitsgefühl, das plötzlich einsetzt, ein Indiz für die echte Grippe. Sowohl Grippe als auch grippaler Infekt oder Erkältung werden zwar durch Viren ausgelöst, allerdings von unterschiedlichen Virustypen. Eine Erkältung verläuft meist unkomplizierter als eine echte Grippe, die Symptome wie Halsschmerzen, Husten und eine laufende Nase nehmen allmählich zu. Dem gegenüber steht der abrupte Krankheitsbeginn bei einer Grippe, oftmals mit Fieber über 38,5 Grad. Gegen die Erreger der Grippe gibt es einen Impfstoff, der jährlich angepasst wird. Gegen Erkältungsviren dagegen nicht. "Das Problem an der jetzigen Grippewelle ist, dass die Impfung nicht ganz optimal für die akute Situation war. Aber das kann man im Vorfeld nicht wissen", erklärt Dr. Kampmann. "Jedes Jahr wird nach Empfehlung der WHO ein neuer Impfstoff hergestellt. In diesem Fall hat man einen Impfstoff produziert, der die jetzt Krankheiten auslösenden Viren dummerweise ausgerechnet nicht abdeckt."

Leider ergeben sich die Grippeviren dem menschlichen Immunsystem nicht kampflos. Ihr Trick gleicht dem eines guten Agenten: Bei der Vermehrung innerhalb unserer Zellen verändern sie ihr Aussehen. Unsere Antikörper erkennen die Viren nicht mehr; wir werden krank. Natürlich passiert dieser Vorgang nicht innerhalb von Minuten, sondern kann Wochen oder Monate dauern. Aber es führt dazu, dass jedes Jahr wieder neue Grippevirus-Varianten entstehen.

Bester Schutz: Hände gründlich und lange waschen – und Kontakt zu Kranken meiden

Dr. Philip Kampmann macht bei einigen Grippe-Patienten Hausbesuche, denn mit einer echten Grippe sei nicht zu spaßen. Der Virus schwächt das ganze Immunsystem, besonders bei Kindern und älteren Menschen. Laut Kampmann können sich geschwächte Grippekranke deshalb recht schnell noch einen bakteriellen Infekt einfangen, der unter Umständen eine Lungenentzündung oder eine andere schlimme Entzündung auslöst. "Und daran kann man dann auch relativ schnell sterben. Die Influenza mit ihren ganzen Komplikationen und Nebenwirkungen ist keine harmlose Erkrankung. Die kann einen tatsächlich umbringen." 

In der Regel dauert die Grippezeit drei bis vier Monate und ist meist erst vorüber, wenn es wieder wärmer wird. Vor einer Ansteckung ist niemand gefeit, allerdings kann man sich trotzdem noch schützen: "Die Viren werden hauptsächlich über den Kontakt von Hand zu Hand weitergegeben", sagt Philip Kampmann. "Dann fassen wir uns ins Gesicht und stecken uns so an. Das bedeutet: Wir müssen die Hände sauber halten und sie mit Bedacht und lange genug von allen Seiten mit Seife waschen. Und möglichst ein Papierhandtuch benutzen – und nicht eines, das die ganze Familie oder auch Kollegen benutzen."  

Das Robert-Koch-Institut warnt ausdrücklich vor dem sogenannten "Präsentismus", der Anwesenheit am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Patienten seien in den ersten beiden Tagen besonders ansteckend. Durch falsches Pflichtbewusstsein riskiere man, seine Kollegen auch noch anzustecken.

Wen der Grippevirus also doch erwischt, der sollte unbedingt im Bett bleiben und sich vom Hausarzt krankschreiben lassen.



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