HOME

Film "Familiye": Über das wahre Leben: Warum dieser Berliner Kiez mehr Beachtung verdient hat

Sie haben Gewalt und Liebe, Kriminalität, Drogen, Spielsucht und Zusammenhalt erlebt. Das Leben dieser drei ungleichen Brüder ist voller Gegensätze. Und doch erzählt es von einer besonderen Familie, der "Familiye" in ihrem Lynar-Kiez in Berlin.

Kubilay Sarikaya kümmert sich um seinen Bruder Muhammed, der das Down-Syndrom hat.

Kubilay Sarikaya kümmert sich um seinen Bruder Muhammed, der das Down-Syndrom hat.

Sie haben sich als Sozialarbeiter und Sicherheitsmann durchgeschlagen – dabei haben sie eigentlich immer vom Filmemachen geträumt: Die Berliner Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya leben in einer besonderen Ecke in Berlin Spandau, dem Lynar-Kiez. Dort haben sie die Straßen in all ihrer Härte kennengelernt. Kubilay Sarikaya musste eine fünfjährige Haftstrafe verbüßen, bis er geläutert den Knast verließ. Seither kümmert er sich um seine beiden Brüder, den spiel-süchtigen Miko und Muhammed, der das Down-Syndrom hat und die ungewöhnliche Brüder-Konstellation immer wieder vor große Herausforderungen stellt.

Sedat Kirtan und Kubilay Sarikaya haben fünf Jahre an einem Drehbuch gearbeitet, das den ungeschönten Alltag ihres Berlins so authentisch wie möglich rüberbringen sollte. Die Schauspieler in ihrem Film "Familiye" sind fast ausschließlich Laien, die Aufnahmen wirken dokumentarisch. Auch Rapper Xatar taucht dort in einer Rolle auf. Echte Menschen, echte Kulissen – vor allem Casinos. In "Familiye" dreht sich Vieles um die Spielsucht. Sie ist rund um die Lynarstraße allgegenwärtig: Danyal, gespielt von Kubilay Sarikaya, will seinen Bruder Miko da rausholen, weil der sein gesamte Geld verzockt hat. Unter Jugendlichen sind die Spielautomaten im Kiez ein großes Problem. Im echten Leben kennt Kubilay das aus seiner Arbeit als Sozialarbeiter indem sozialen Brennpunkt. Es gäbe kaum Kontrollen, sagt er: "Du isst irgendwo etwas, eine Wurst oder einen Döner, und gleich daneben im Imbiss ist ein Spielautomat. Da guckt niemand, ob da einer 15, 16 oder 18 ist. Das ist denen egal."

Von Spielsucht, Liebe und einem Film-Star mit Down-Syndrom

Neben der Spielsucht geht es in dem Film aber auch um Zusammenhalt, um Familie: Der heimliche Star ist Mohammed Kirtan. Die Rolle des behinderten Bruders spielt er im Film mit viel Gefühl und Authentizität. Das Down-Syndrom ist schließlich echt. "Das war für mich die schönste Erfahrung, mit Mohammed arbeiten zu können. Da blieb von den anderen nichts übrig, er war im Mittelpunkt mit seiner positiven Energie", sagt sein Bruder Kubilay. Mohammed kann nicht richtig sprechen, so dass er sich auf seine Art - mit Gestik und Mimik - ausdrückt. Dabei imitiert er gerne sein Vorbild, den "Paten", von dem er sich den Handkuss abgeschaut hat. Dafür wird er auch als "Pate" im Kiez ein bisschen gefeiert. Mohammed muss immer wieder Autogramme geben. Er ist jetzt Film-Star.

Co-Produziert wurde der Film nämlich von Schauspieler Moritz Bleibtreu, der von Anfang an von der Idee und der Direktheit der ersten Film-Szenen beeindruckt war. Beim Oldenburger Filmfestival wurde "Familiye" mit dem Publikumspreis ausgezeichnet und läuft seit Anfang Mai bundesweit in den Kinos. "Es ist ein unheimlich starker Film, mit viel Mut gemacht, mit einer wahnsinnigen Kompromisslosigkeit und einer wahnsinnigen Liebe, die ich mir im so genannten etablierten Kino wünschen würde", sagt Moritz Bleibtreu. "Dass da so Quereinsteiger sind, die das aus eigener Power heraus gemacht haben, bewundere ich sehr. Das gehört anerkannt."