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Die letzte Chance?: Wie perspektivlose Jugendliche zurück in die Gesellschaft finden

In Fachkreisen werden sie "Systemsprenger" genannt: junge Menschen, die durch fast alle Hilfesysteme in Deutschland gefallen sind. Jugendliche, die keine Strukturen oder Regeln kennen. Der Verein "Freestyle" in Berlin kümmert sich um sie – mit einem ganz besonderen Konzept.

Alexander ist 20 Jahre alt.

Alexander ist 20 Jahre alt.

Es ist eine trostlose Biographie, auf die Michelle zurückblickt: Sie wuchs in einer Pflegefamilie und Heimen auf, war jahrelang drogenabhängig:  „Ich hab mit zwölf angefangen zu Kiffen und dann kam Speed dazu“, erzählt die junge Frau. In keinem Heim hält das Mädchen es lange aus, mit 18 Jahren landet es schließlich auf der Straße.

Ein Jahr später wird Michelle schwanger. Ihr Sohn kommt in eine Pflegefamilie – Michelle darf ihn nur einmal im Monat für anderthalb Stunden sehen. Keine einfache Situation: „Wenn ich ihn wiedersehe, ist er auf jeden Fall die ganze Zeit so in meinem Kopf. Eigentlich ist er ja mein Kind und das will ich bei mir haben und nicht irgendwo anders“, erzählt die junge Mutter. Doch die Chancen dafür stehen schlecht.

Michelle ist eine sogenannte Systemsprengerin: Sie ist durch alle sozialen Netze gefallen, jegliche Hilfsmaßnahmen blieben bei ihr erfolglos. Die vielleicht letzte Möglichkeit für die 20-Jährige: die Berliner Einrichtung Freestyle. Hier will man perspektivlosen jungen Menschen helfen, im Leben wieder Fuß zu fassen: Die Jugendlichen bekommen eine eigene Wohnung, werden bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz begleitet und von Pädagogen unterstützt. „Wir hören den jungen Menschen zu, wollen für sie da sein“ sagt Benjamin Zwick, der pädagogische Leiter von „Freestyle“.  Statt auf Kontrolle und Strafen  setzen er und sein Team auf Respekt und Vertrauen. 

Michelle wird mittlerweile seit anderthalb Jahren von Freestyle betreut: Sie hat einen Drogenentzug hinter sich gebracht und ist in einer kleinen Wohnung in Berlin-Marzahn untergekommen. „Das ist die längste Zeit, in der ich mich irgendwo wohlfühle, wo ich mich ziemlich gut eingelebt hab“, sagt die 20-Jährige. Unterstützung im Haushalt braucht Michelle kaum, findet ihre Betreuerin, Sozialarbeiterin Mareile Berger:  „Bei Michelle ist es eigentlich immer ziemlich ordentlich. Sie legt da auch großen Wert drauf, räumt regelmäßig auf und putzt.“  

Dafür gibt es in anderen Bereichen Probleme:  Wegen eines Diebstahls und weil sie wiederholt beim Schwarzfahren erwischt wurde, hat das Gericht Michelle zu 20 Sozialstunden verdonnert. Doch Michelle erscheint erst mit großer Verspätung bei der Einrichtung, um ihre Strafe abzuleisten – und hat damit einen Rauswurf riskiert. Doch den Ernst der Lage hat die junge Mutter offenbar nicht verstanden: „Kann man nicht ändern, ich bin zu spät gekommen, beim nächsten Mal kann ich es einfach besser machen.“

Auch Alexanders Vergangenheit ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte: Seine allein erziehende Mutter war mit ihm und seinen beiden Geschwistern völlig überfordert. Mit zwölf gab sie ihn in ein Kinderheim, mit 16 landete der Junge im Gefängnis. Mehrfach hatte er Menschen überfallen und ausgeraubt. Als Alexander nach sechs Monaten aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er nur einen Wunsch: „Ich will da auf keinen Fall wieder rein und ich werde auch alles dafür tun, nicht mehr reinzukommen.“

Unterstützung findet der Ex-Häftling bei Freestyle. Neben einer intensiven Betreuung bekommt Alexander seine erste eigene Wohnung – 32 Quadratmeter nur für ihn. Eine wichtige Grundlage für den Neustart, findet auch Benjamin Zwick: „Bei uns bekommen die jungen Menschen einen eigenen Wohnraum: Da kann ich die Tür zumachen und bin für mich alleine. Die jungen Menschen sind dann natürlich herausgefordert, diese Verantwortung zu übernehmen, einen eigenen Haushalt zu führen und das Leben selbständig leben zu können.“ Diese Verantwortung soll nun auch Alexander übernehmen.

Dass es junge Menschen gibt, die ihre Chance nutzen, zeigt das Beispiel von Christoph: Mit 17 Jahren riss er aus dem Heim aus – und landete auf der Straße: „Was morgen oder übermorgen war, war mir scheißegal“, erzählt der 21-Jährige.  Feste Strukturen kannte er nicht – bis Freestyle vor vier Jahren seine Betreuung übernahm. Und das in ihn gesetzte Vertrauen zahlte sich aus: Christoph hat eine Ausbildung zum medientechnischen Assistenten abgeschlossen, lebt mittlerweile in seinen eigenen vier Wänden und will das Abitur nachholen. Heute weiß er: Freestyle hat sein Leben komplett verändert. Ob Michelle und Alexander der Weg zurück in die Gesellschaft ebenfalls gelingen wird? 


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