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Einbruch und Messerstecherrei: Acht Jahre verfolgt: Wie eine ganze Familie unter dem Stalker der Tochter leidet

Acht Jahre lang wurde Doris Englbrecht von ihrem Stalker Martin S. verfolgt und bedroht. Schließlich brach er in ihrem Elternhaus ein. Das Ganze endete in einer Messerstecherei. Nun fiel das Urteil gegen den Täter - eine Bewährungsstrafe.

Ein Jahr und neun Monate auf Bewährung hat der Stalker bekommen – ausgesetzt zur Bewährung. Hermann Englbrecht und seine Tochter Doris können dieses Urteil gegen Martin S. kaum fassen. Dafür, dass der Verurteilte Doris Englbrecht acht Jahre lang gestalkt, belästigt und bedroht hatte. "Damit hatte ich nicht gerechnet, dass das auch noch eine Bewährungsstrafe wird. das war ein Schock", sagt Hermann Englbrecht.

Der dramatische Höhepunkt der Besessenheit von Martin S. war die Nacht des 31. Dezembers 2016 gewesen: Der 29-Jährige stieg bewaffnet mit einem Brecheisen und einer Axt in das Haus von Hermann Englbrecht und seiner Frau ein, indem er über das Garagendach kletterte und eine Fensterscheibe im Obergeschoss einschlug. "Das war uns sofort klar, dass er es sein würde", so der Familienvater, der von den Einbruchgeräuschen aufgeschreckt war. "Ich habe mich dann mit einem kleinen Taschenmesser bewaffnet und bin die Treppe rauf zu dem Zimmer, in das er eingestiegen ist", so Englbrecht. Er konfrontierte den Stalker seiner Tochter. Schließlich kam es zu einem minutenlangen Kampf zwischen den Männern, beide erlitten schwere Schnitt- und Stichverletzungen – bis Frau Englbrecht auftauchte und begann hysterisch zu schreien. "das war offensichtlich der Auslöser, dass er dann von mir abgelassen hat. Martin S. schleppte sich stark blutend durch das Haus der Englbrechts, bis er im Keller zusammenbrach. Inzwischen hatte die Polizei das ganze Haus umstellt. Doris Englbrecht war an diesem Abend nicht in ihrem Elternhaus. Sie lebte bereits unter einer anderen Adresse. Das Stalking-Opfer erfuhr erst von der Polizei, was geschehen war. "Das ist eine Fassungslosigkeit, ein Entsetzen", sagt die 27-Jährige.

Wie der Stalking-Alptraum begann

Als Doris Englbrecht 2009 ihr Maschinenbau-Studium an der Fachhochschule Regensburg aufnahm, gehörte auch Martin S. zu ihren Mitstudenten. Sie habe ihn bald wahrgenommen, da er sie schon in der ersten Semesterwoche ansprach: Martin S. bat die damals 20-Järige darum, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen. "Aber das ist mir schon sehr komisch vorgekommen, weil er so nervös war und so viel gestottert hat. Die Situation war für mich sehr unangenehm, deshalb habe ich gleich verneint", erzählt Doris Englbrecht. Für sie sei der Fall damit erledigt gewesen. Sie stürzte sich in ihr Studium und genoss die Zeit mit ihrem Freund.

Doch Martin S. tauchte plötzlich auch außerhalb der Uni in ihrem Leben auf. "Die ersten Gedanken an Stalking sind mir gekommen, als ich in einer Bar gejobbt habe. Da hat er sich einfach vor mich gesetzt, er war alleine, und hat mich nur beobachtet. Da dachte ich das erste Mal: Das ist nicht mehr normal." Die Studentin bekam es mit der Angst zu tun. Sie habe sich nicht mehr allein zur Arbeit getraut, nicht mehr alleine aus dem Haus, habe sich stets mit anderen Menschen umgeben. Das Stalking ging weiter. In mehreren E-Mails unterstellte Martin S. ihr, eindeutige Signale zu senden. Sie würde ihn anschauen. "Ich habe auf die ganzen E-Mails nie geantwortet, weil das einfach zeigt, dass der Mensch meiner Meinung nach psychisch krank ist", so Doris Englbrecht.

Körperliche Übergriffe und erste Strafen

2012 kam es zu einem ersten körperlichen Angriff: Martin S. packte Doris Englbrecht vor den Augen ihrer Kommilitonen und verletzte sie am Handgelenk. Die Studentin erwirkte daraufhin vor Gericht ein Annäherungsverbot: " Er durfte sich mir auf 25 Metern nicht nähern. Und zwar aus dem Grund, weil wir ja zusammen Vorlesungen hatten. Es war auch geregelt, dass er jedes Mal vor mir sitzen muss. So dass er mich nicht anschauen kann, oder dass ich mich nicht beobachtet fühlen musste." Doch Martin S. hält sich mehrfach nicht daran, so dass ihm von der Universitätsleitung geraten wird, die Uni zu wechseln. Diesem Rat folgt er zwar, aber er verschwindet nicht aus Doris Englbrechts Leben – im Gegenteil: Er klingelte an ihrer Haustür. Tagsüber, in der Nacht, klingelte Sturm, immer wieder. "Er hat auch durchs Fenster geschrien, dass er mich über alles liebt. Dass ich endlich mit ihm mitkommen soll, und dass er nicht aufhören wird."

Im gleichen Jahr wurde bei Martin S. eine "paranoide Schizophrenie" diagnostiziert, woraufhin er medikamentös behandelt wurde. Trotzdem kam es im Sommer 2013 zu einem erneuten Übergriff in der Regensburger Innenstadt. Er habe sie an den Schultern gepackt, gegen eine Wand geschubst und versucht, sie zu küssen, so Doris Englbrecht. "Ich habe geschrien, das war ein total panischer Moment."

Das Gericht verurteilte Martin S. daraufhin im Februar 2014 zu einer elfmonatigen Haftstrafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Martin S. hielt bis zum Sommer 2016 Abstand – dann stand er plötzlich bei Doris Englbrechts Eltern vor dem Haus, er wollte zu ihrer Tochter, die jedoch schon umgezogen war. "Da habe ich ihm Hausverbot erteilt, er solle unser Grundstück verlassen", berichtet Hermann Englbrecht. "Wir haben auch die Polizei gerufen." Erst dann sei er gegangen. Der Stalker wurde plötzlich auch zur Bedrohung für Doris Englbrechts Familie. Silvester 2016 schließlich brach Martin S. in ihrem Elternhaus ein.

Freiheit des Stalkers zählt mehr als Schutz der Opfer

Am vergangenen Freitag – wieder viele Monate nach der Tat – erging nun das Urteil gegen Martin S.: Das Landgericht  Regensburg setzte die Freiheitsstrafe erneut auf Bewährung aus und den Stalker somit wieder auf freien Fuß. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, doch für Familie Englbrecht ist es kaum zu fassen: Sie haben Angst, dass er sie wieder bedrohen könnte. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass er es irgendwann gut sein lässt, dass er von mir ablassen wird", sagt Doris Englbrecht. Immerhin hatte Martin S. bereits in der Vergangenheit gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen. Und auch vor den jeweiligen Urteilen habe es nie einen Opferschutz gegeben, zudem könne die Polizei nur dann handeln, wenn etwas passiert. "Die dauerhafte psychische Belastung der Opfer über die ganzen Jahre steht dabei im Hintergrund und man ist absolut auf sich alleine gestellt", beklagt die 27-Jährige. Wie Doris Englbrecht geht es tausenden Menschen in Deutschland. Allein im Jahr 2016 wurden 18.739 Fälle von Stalking polizeilich erfasst. Über 80 Prozent der Opfer sind Frauen. Doris und Hermann Englbrecht Deshalb fordern Doris und ihr Vater Hermann Englbrecht ein höheres Strafmaß für Wiederholungstäter. "Trotz bereits zweimaliger Bewährungsstrafen wegen des gleichen Sachverhalts wurde wieder nur eine Bewährungsstrafe ausgesetzt", so Hermann Englbrecht. Und obwohl Doris Englbrecht sowohl Wohnort als auch Job gewechselt hatte, habe das trotz der Gesetzesverschärfung bei Stalking im März 2017 keine Auswirkungen auf das Urteil gehabt. Es gäbe weder Präventionsmaßnahmen durch die Polizei noch würden andere Personen oder die Allgemeinheit vor dieser Person geschützt. Die Freiheit der Einzelperson würde vor dem Gesetz höher bewertet, so Englbrecht.

Ob und wann der Prozess noch einmal aufgenommen wird, ist derzeit unklar. Gewiss ist nur, dass sich Martin S. wieder auf freiem Fuß befindet – und die gesamte Familie Englbrecht weiter in Angst vor dem Stalker lebt.





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