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Gebärmutterkrankheit Endometriose: Diese unterschätzte Erkrankung lässt Millionen Frauen unfruchtbar werden

Lilly Becker ist nur eine von Millionen Frauen in Deutschland, die an Endometriose leiden. Die Wucherung der Gebärmutterschleimhaut ist schmerzhaft und führt häufig zur Unfruchtbarkeit. Weil die Krankheit noch immer wenig bekannt ist, spricht die Ehefrau von Boris Becker offen darüber, dass sie deswegen wohl kein zweites Kind bekommen wird.

Model Anna Wilken leidet seit ihrer Pubertät an Endometriose.

Model Anna Wilken leidet seit ihrer Pubertät an Endometriose.

"Ich glaube, wenn ich darüber spreche, dann kann ich anderen helfen" sagt Lilly Becker. stern TV traf die Ehefrau von Boris Becker in ihrer Heimat Wimbledon. Sie wünsche sich nichts mehr, als dass sie mit ihrem Mann Boris ein zweites Kind bekommt, sagt sie. "Damit wäre unser Familienglück perfekt. Auch unser Sohn Amadeus wünscht sich so sehr ein Geschwisterchen", so die 40-Jährige. Sie habe bereits drei Mal mit Hilfe einer Hormonbehandlung versucht, schwanger zu werden. Doch bisher vergeblich.

Lilly Becker leidet an Endometriose, einer Wucherung der Gebärmutterschleimhaut, das auch als Dämon unter den Frauenkrankheiten gilt. Jede Betroffene hat ihre ganz eigene Form der Krankheit. Und sie ist Ursache jeder zweiten Unfruchtbarkeit. Auch bei Lilly Becker steht der Verdacht im Raum, dass sie durch die Endometriose nicht wieder schwanger wird.

Beschwerden werden meist als "normale" Regelschmerzen abgetan

Mehr als 30.000 Frauen erkranken jährlich neu an Endometriose. Allein in Deutschland sind über zwei Millionen Frauen betroffen, vermutlich wesentlich mehr. Die Krankheit bleibt nämlich oft über Jahre unerkannt. Durchschnittlich dauert es sechs bis 12 Jahre, bis eine betroffene Frau die richtige Diagnose bekommt. So lange leiden betroffene Frauen unter unerträglichen Schmerzen während ihrer Periode. Und an weiteren Folgen: Martina Liel etwa litt  jahrelang unter starken Unterleibsschmerzen und extremer Übelkeit – ohne dass ihr geholfen wurde. "Meine eigene Mutter hat immer gesagt 'Stell dich nicht so an, ich hatte das auch, da müssen alle durch'," erzählt die 41-Jährige. Auch die Frauenärzte, die Martina Liel aufsuchte, versicherten ihr, dass ihre Regelschmerzen ganz normal seien. Für die junge Frau waren sie das nicht: "Es ist ein Schmerz, der fühlt sich an, als würde dem Körper Gewalt angetan."

Mit 28 Jahren brach Martina Liel schließlich mit starken Blutungen zusammen. Die Endometriose hatte bereits andere Organe befallen, die in einer Notoperation zum Teil entfernt werden mussten.

Komplexe Krankheit – schwierige Diagnose

Auch die 21-jährige Anna Wilken erfuhr erst vor zwei Jahren, woher ihre großen Beschwerden kommen. Das Model wurde durch die Casting-Show von Heidi Klum bekannt, heute ist sie bei namhaften Designern gefragt. Ihr gutes Aussehen und ihre Ausstrahlung sind ihr Erfolg. Trotzdem hat Anna Wilken fast täglich starke Schmerzen. Ob Kopfschmerzen, Unterleibschmerzen, Kreislaufbeschwerden – "dann übergibst du dich, hast Darmprobleme. Und das war so eine Erleichterung, dass ich endlich wusste, was mit meinem Körper passiert." Anna Wilken hatte schon mit 13 Jahren regelmäßig über Schmerzen im Bauch geklagt. Weder ihre Mutter noch Gynäkologen erkannten, dass mehr dahinter steckte, als normale Regelbeschwerden.

Seit der Diagnose ist Anna Wilken bei Dr. Michael Hippach vom Endometriosezentrum in Aurich in Behandlung, der sich auf dieses Frauenleiden spezialisiert hat. "Für Gynäkologen ist es schwer, die Endometriose zu diagnostizieren, weil es nicht die eine Untersuchung gibt, die diese Krankheit abklärt", erklärt der Arzt. Endometriose habe viele unterschiedliche Formen und Ausprägungen. "Und davon abhängig muss man immer ganz individuell eine Therapie für die Patientin aussuchen."

Ob es sich um Endometriose handelt, oder nicht, kann nur eine Operation unter Vollnarkose eindeutig klären. Dabei werden Gewebeproben entnommen und bereits entstehende Herde entfernt.

"Junge Mädchen sollten darauf sensibilisiert werden, dass diese extremen Schmerzen nicht normal sind"

Lilly Becker merkte vor zwei Jahren, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmt. "Ich hatte schlimme Schmerzen, ich konnte nicht laufen. Ich habe nur noch geweint. Und habe auch Boris gesagt: Ich habe ein Problem, die Schmerzen sind so schlimm. Ich wollte wissen, was mit mir passiert?", erzählt die 40-Jährige. Lilly Becker wurde operiert und ein Endometrioseherd entfernt. Sie dachte, jetzt sei alles in wieder in Ordnung. Doch auch die Hormonbehandlungen brachten sie ihrem Kinderwunsch nicht näher. "Und nach drei Male habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss. Das ist nicht gut für deinen Körper."

Martina Liel lebt schon seit ihrer Pubertät mit Endometriose. Die Diagnose bekam die heute 41-Jährige erst mit 28. Bei einer Notoperation stellten die Ärzte fest, wie weit die Erkrankung bei ihr schon fortgeschritten war. Über Jahre hatte die Endometriose in ihrem Unterleib gewuchert und sich ausgebreitet. Es hatten sich große Zysten gebildet, die Organe waren teilweise miteinander verwachsen. "Die Endometriose war bis zum Darm vorgedrungen. Es mussten 30 Zentimeter Darm weggenommen werden, ein Eileiter, Teile der Eierstöcke, und ein Harnleiter wurde freigelegt, der konnte gerettet werden." Nach der Operation nahm die junge Frau mehrere Anläufe, in ein normales Leben zurückzukehren, zu arbeiten, sich eine Zukunft aufzubauen. Aber die Endometriose ist aggressiv, nach einem Darmverschluss musste Martina Liel erneut notoperiert werden. "Nach meiner zweiten Operation, die dann ein Jahr später kam, hab ich vier Jahre gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen – um mal einen Tag bis zum Abend durchzuhalten, ohne völlig erschöpft und zittrig zusammenzubrechen. Das ist natürlich auf die Seele geschlagen", erzählt sie. Mittlerweile ist Martina Liel zu 30 Prozent erwerbsunfähig. Sie hat sich viel mit der Erkrankung auseinandergesetzt, Forschungsarbeiten gelesen und gründete einen Blog. Der Bedarf der Frauen nach Informationen sei immens, so Martina Liel. "Junge Mädchen sollten darauf sensibilisiert werden,  dass diese extremen Menstruationsschmerzen nicht normal sind, dass sie mehr nachhaken. Denn nicht alle Ärzte kennen sich aus."


Auch Lilly Becker und Anna Wilken haben beschlossen, ihre Bekanntheit zu nutzen, um über die Krankheit aufzuklären. "Ich habe gemerkt, wie viele Frauen Redebedarf haben, wie viele Frauen einfach nur schreiben und reden möchten, aber die Chance dazu nicht haben. Weil ihre Freunde das nicht verstehen, ihr Mann das nicht versteht – und man am ehesten nur Mitleid bekommt", sagt das Model. Öffentlich über ihre Krankheit zu reden, falle ihr nicht schwer, sagte auch Lilly Becker live bei stern TV im Gespräch mit Steffen Hallaschka. Im Gegenteil. Denn nur so könne sie anderen helfen: "Es ist ein großes Problem für Frauen. Aber wenn man nicht darüber redet, wissen viele Frauen auch nicht, dass sie es haben."