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Trauma einer Kindheit: Entführt, versteckt, verfolgt: So dramatisch verlief der Scheidungskrieg von Jeanettes Eltern

Jeanette Rudics hat das Drama ihrer Kindheit noch immer nicht ganz überwunden. Nach Jahren des Versteckspiels in einem dramatischen Scheidungskrieg durfte das Mädchen zu seiner Mutter zurück. Ihren Bruder hat sie indes an ihren Vater in Frankreich verloren. Das traurige Ende einer unglaublichen Geschichte.

Jeanette Rudics, ehemals Supersac, wurde als Kind von ihrem französischen Vater entführt.

Jeanette Rudics, ehemals Supersac, wurde als Kind von ihrem französischen Vater entführt.

Jeanette Rudics blickt mit gemischten Gefühlen auf ihre Kindheit. "Manchmal holt mich das Ganze einfach ein. Da wird mir wieder bewusst, was alles passiert ist und wie krass das eigentlich war", sagt die 32-Jährige heute.

Tatsächlich hat Jeanette Rudics – seit stern TV sie 1994 das erste Mal traf – eine wahre Odyssee hinter sich. Ihr Fall machte damals landesweit Schlagzeilen. Ihre Großmutter war mit dem Mädchen zwei Jahre lang auf der Flucht, gesucht per internationalem Haftbefehl. Jeanette verlor ihren Bruder, ihr Zuhause, ihre Wurzeln. Sie hat schlimmer als andere erlebt, was es bedeutet, im Scheidungskrieg  zwischen den Eltern zerrissen zu werden.

"Die Mama und die Oma wollen euch nicht mehr"

Als Jeanettes Mutter Gerlinde Rudics 1985 den Franzosen Denis Supersac heiratete, schien zunächst alles perfekt: Die beiden bekamen erst Jeanette, drei Jahre später wurde ihr Bruder Maxime geboren. Dann kamen die Probleme. Die Eltern stritten häufig und heftig, ihr Vater sei gewalttätig gewesen, erinnert sich Jeanette: "Ich habe mitgekriegt, dass mein Vater meine Mutter geschlagen hat. Das war schlimm – auch zu wissen, dass ich meiner Mutter nicht helfen kann. Man ist machtlos, wie gelähmt. Vor allem als Kind."  

Die Eltern trennten sich Anfang 1993. Der irre Streit um die Kinder begann, als Denis Supersac in Frankreich heimlich die Scheidung einreichte. Ein bewusster Schachzug, denn: Bevor es dazu kommen kann, wird ein nach französischem Recht üblicher Mediationstermin anberaumt. Kurz vor diesem Termin fuhr Denis Supersac zu seiner Frau nach Deutschland und täuschte eine Versöhnung vor, er werde den Scheidungsantrag zurückziehen. Jeanettes Mutter willigte ein und ließ den Mediationstermin verstreichen – ein folgenschwerer Fehler. "Ich wusste nicht, dass wenn einer der Partner den Termin versäumt, der andere in Frankreich automatisch das Sorgerecht zugesprochen bekommt", sagte Gerlinde Rudics damals.

Die Mutter erhielt lediglich ein Besuchsrecht. Sie sollte ihre Kinder lediglich in den Ferien sehen. Und Denis Supersac kam kurzerhand nach Augsburg und packte Jeanette und Maxime ins Auto. "Er ist einfach mit uns weggefahren, hat uns noch kurz seine neue Freundin vorgestellt 'Das ist eure neue Mama', ist an einem Rastplatz ausgestiegen und hat ein Telefonat vorgetäuscht. Dann hat er zu uns gesagt 'Die Mama und die Oma wollen euch nicht mehr'.", erzählt Jeanette Rudics.

Eine Flucht, eine Polizeisuche – und Gefängnis für die Mutter

Denis Supersac entriss die Kinder ihrer Mutter und ihrem Umfeld. Bei hm in Frankreich sei es ihnen nicht gut gegangen, sagt Jeanette. Ihr Vater habe viele Gewaltausbrüche gehabt, habe sie immer wieder aus Nichtigkeiten bestraft. Als die Kinder in den Sommerferien zur Mutter nach Augsburg durften, beschloss Gerlinde Rudics sie nicht zurückzuschicken. Sie ließ ein psychologisches Gutachten erstellen, das bestätigte: Ein Zwang zur Rückkehr des Vaters würde zu irreversiblen Störungen der Persönlichkeitsentwicklung beider Kinder führen.

Doch das Gesetz blieb hart und die siebenjährige Jeanette und der vierjährige Maxime sollten nach Frankreich zurück. "Zu wem wir wollten oder wie es uns ging hat niemanden interessiert. Wir waren einfach nur ein Fall, in dem man eben eine Entscheidung trifft. Es war auch egal, dass wir geweint und geschrien haben."

Im Februar 1994 holte der Vater den fünfjährigen Maxime in Begleitung der Polizei kurzer aus dem Kindergarten in Augsburg. Bevor er auch Jeanette einpacken konnte, floh ihre Großmutter mit dem Mädchen... Gerlinde Rudics blieb ein leeres Kinderzimmer: Ihr kleiner Sohn war mit dem verhassten Ex-Mann in Frankreich, ihre Tochter mit der Oma untergetaucht. Wo, das wusste sie lange gar nicht, die Oma vermied jeden Kontakt. Doch das wollte man der Mutter nicht glauben. Die Polizei sucht nach Jeanette und der Großmutter, Gerlinde Rudics Telefon wurde überwacht, es gab Hausdurchsuchungen. "Sie haben mich drei Tage ins Gefängnis gesteckt und ich musste Zwangsgelder bezahlen", erzählt sie.

Zwei Jahre Versteckspiel

Jeanette und die Großmutter waren unterdessen in Österreich. Im kleinen Dorf St. Georgen fanden sie Unterschlupf in einem Pfarrhaus. Die 70-Jährige vermied alles, wodurch die beiden hätten enttarnt werden können. Sie schnitt dem Mädchen die Haare kurz, aus der achtjährigen Jeanette wurde der Junge Fränzi. Sie habe niemandem sagen dürfen, wer sie wirklich ist.

Erst ein halbes Jahr später sollte Jeanette ihre Mutter wiedersehen: Das Kind sollte in Paris vor einem Gerichtsgutachter aussagen, der eine Rückkehr zur Mutter empfahl. Doch bis zur finalen Entscheidung sollten wieder Monate vergehen, in denen Jeanette mit ihrer Oma im österreichischen St. Georgen blieb. Das Urteil im Februar 1995 – ein Schock: Beide Kinder müssen zum Vater, die Mutter erhält nicht mal ein Besuchsrecht. Doch die Familie fügte sich dem Urteil nicht. Jeanette und ihre Großmutter kamen aus ihrem Versteck nicht zurück. "Wir wussten inzwischen: Die Polizei will das Kind. Aber ich habe meinen Pfarrerbonus ausgespielt", erinnert sich Pfarrer Premur, der den beiden damals Unterschlupf gewährte. Gerlinde Rudics ging unterdessen erfolglos gegen das Urteil vor. Die Flucht endete erst 1996, als sich die Großmutter schließlich der Polizei stellte und vorläufig festgenommen wurde. Jeanette kehrte nach über zwei Jahren das allererste Mal zu ihrer Mutter nach Hause zurück.

Kein echtes Happy End

Daheim erwarteten Jeanette neue Schwierigkeiten. Die Eingewöhnung fiel der Zehnjährigen schwer. Ihre Mutter hatte in der Zwischenzeit wieder geheiratet und noch ein Kind bekommen. "Ich bin einfach in dieses neue Umfeld gekommen, und mein kleiner Bruder Basti war schon da. Das war am Anfang für mich nicht leicht zu akzeptieren." Dazu kam die weiter währende Ungewissheit, denn erst zwei lange Jahre später, 1998, verhandelte das Augsburger Familiengericht endgültig im "Fall Supersac". Das Gericht entschied zum ersten Mal im Sinne der Mutter: Jeanette darf offiziell in Augsburg bei ihr bleiben.

Heute, als junge Erwachsene, lebt Jeanette Rudics in der Nähe ihrer Mutter. Ihre Oma ist vor ein paar Jahren gestorben, zu ihrem Vater hat sie keinen Kontakt. Und es bleibt Wehmut: Ihren kleinen Bruder Maxime hat sie in den ganzen 24 Jahren seit ihrer Trennung nie wieder gesehen. Sie frage sich oft, wie es ihm beim Vater in Frankreich ergangen ist und jetzt wohl geht: "Ich vermisse meinen Bruder. Das ist für mich wirklich schwer, aber man muss da realistisch bleiben. Er war klein, als wir getrennt wurden. Er kann sich bestimmt gar nicht mehr an mich erinnern. Aber mein größter Wunsch wäre, dass wir uns vielleicht irgendwann einmal wiedersehen…"