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Entführung aus der Jugendherberge: Schlägt der Serientäter wieder zu?

Sie nannten ihn den "schwarzen Mann": Ein Pädophiler, der in den 1990er Jahren Jungen aus Schullandheimen und Zeltlagern entführte - und missbrauchte. Für fünf von ihnen endete das Martyrium tödlich. Zwei aktuelle Fälle zeigen jetzt: Der Serientäter ist wahrscheinlich zurück.

Ein Mann dringt am frühen Morgen des 20. Juni in eine Jugendherberge in Rheine ein, schleicht sich ins Jungenzimmer. Einen von ihnen, den zehnjährigen Peter S., trägt er im Schlaf in den angrenzenden Stadtpark. Hier will er ihn missbrauchen, befiehlt dem Jungen, seine Schlafanzughose ausziehen. Doch dann lässt der Täter den Jungen plötzlich laufen. Womöglich fühlte sich der Mann gestört. Die Schlafanzughose des Zehnjährigen wurde gefunden, die Unterhose bleib bislang verschollen.

Bereits Ende April 2009 war ein Unbekannter in ein Einfamilienhaus in Rheine eingebrochen und bedrohte den zehnjährigen Sohn der Familie. Der schlief in dieser Nacht im Zimmer seiner Schwester, die vom Weinen des Bruders geweckt wurde - der Mann floh daraufhin.

Parallelen sorgen für Unbehagen

Die aktuellen Fälle erinnern an eine Reihe ähnlicher Vorkommnisse, die sich in den Neunziger Jahren in Norddeutschland ereigneten: Zwischen 1992 und 2001 verschaffte sich ein Unbekannter nachts Zutritt zu Jugendherbergen, Schullandheimen und Zeltlagern.

Immer wieder gelang es dem Unbekannten, sich bereits im Schlafsaal an den Jungen zu vergehen. Andere entführte er aus dem Gebäude, um sie zu missbrauchen. Rund 40 Missbrauchsfälle gehen wahrscheinlich auf das Konto des Täters. Fünf seiner mutmaßlichen Opfer haben das nicht überlebt.

"Er ist ein Psychopath"

Ist der Serientäter jetzt zurück? Darauf wollen sich die Ermittler derzeit noch nicht festlegen, doch die Ähnlichkeiten zu den Fällen von damals sind frappierend. Die Angehörigen der Opfer jedenfalls wollen endlich Aufklärung: Petra und Ulrich Jahr, deren Sohn wahrscheinlich auch Opfer des "schwarzen Mannes" wurde, warten nun schon seit 17 Jahren darauf, dass der Mörder ihres Kindes gefasst wird. Nach den neuen Fällen in Nordrhein-Westfalen sind sie davon überzeugt, dass der Serientäter immer noch frei herumläuft. "Ich halte ihn für einen Psychopathen", sagt Ulrich Jahr. "Er ist schwer gestört."

In der linken Spalte können Sie alle Informationen zu den mutmaßlichen Verbrechen des "schwarzen Mannes", nachlesen.

1. Mordopfer, 31. März 1992: Stefan Jahr (13)

Stefan Jahr besuchte seit August 1991 das Internat "Eichenschule" im norddeutschen Scheeßel. Der Junge war Epileptiker, seine schulischen Leistungen recht schwankend. Um ihm optimale Förderung und Betreuung zu ermöglichen, entschieden sich Stefans Eltern, Ulrich und Petra Jahr, für eine Unterbringung im Internat. Schnell integrierte sich Stefan in die Gruppe. Er bewohnte mit einem etwas älteren Jungen gemeinsam ein Zimmer.

In der Woche vor seinem Verschwinden verhielt sich Stefan jedoch ungewöhnlich - vor dem Schlafengehen verschloss er stets die Zimmertür von innen. Warum der 13-Jährige das tat, erklärte er nicht einmal seinem Zimmergenossen. So schloss sich Stefan auch in der Nacht vor seinem Verschwinden, am 30. März 1992, ein. Doch seine Betreuerin bemerkte es - und nahm ihm den Zimmerschlüssel ab.

Am nächsten Morgen gegen sechs Uhr lag Stefan nicht mehr in seinem Bett. Im Aufenthaltsraum fand sein Zimmernachbar Stefans Schlafanzug. Das des Raumes stand offen. Von Stefan fehlte jedoch jede Spur, sein Verschwinden wurde nicht bemerkt.

Fünf Wochen später wird die Leiche von Stefan in den Verdener Dünen - rund 40 Kilometer vom Internat entfernt - gefunden. Vergraben in einer Düne, die Hände auf den Rücken gefesselt. Als Todesursache wird Ersticken ermittelt, ob Stefan sexuell missbraucht worden war, konnten die Ermittler wegen des hohen Verwesungsgrades nicht mehr genau feststellen. An Stefans Leiche wird ein Haar entdeckt, die Polizei geht jedoch davon aus, dass dieses Haar nicht tatrelevant ist.

2. Mordopfer, 24. Juli 1995: Dennis Rostel (8)

Der achtjährige Dennis Rostel lebte in einem Kinderheim in Lippstadt. Er war mit einer Jugendgruppe in einem Zeltlager in Norddeutschland im Selker Noor. Am Morgen des 24. Juli 1995 liegt Dennis nicht mehr in seinem Schlafsack in Zelt Nummer 13. Trotz intensiver Suchmaßnahmen bleibt der Junge verschwunden.

Zwei Wochen später finden deutsche Touristen in Dänemark seine Leiche. Sie ist im Sand vergraben. Auch hier ist die Ermittlung der Todesursache nicht einfach. Vermutlich wurde Dennis aber erwürgt, seine Hände waren ebenfalls gefesselt. Einen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Taten sehen die Ermittler zunächst nicht. Ein Betreuer des Zeltlagers gerät ins Visier der Polizei, doch die Beweise für eine Anklage reichen nicht aus.

3. Mordopfer, 10. August 1998: Nicky Verstappen (11)

Am Morgen des 10. August 1998 verschwindet der 11-jährige Nicky Verstappen auf ungeklärte Weise aus einem Zeltlager bei Brunssum in den Niederlanden auf ungeklärte Weise. Er wird am nächsten Tag einen Kilometer entfernt in einer Fichtenschonung tot aufgefunden.

4. Mordopfer, 5. September 2001: Dennis Klein (9)

Dennis Klein aus Osterholz-Scharmbeckstotel verschwindet aus einem Schullandheim in Wulsbüttel, ganz in der Nähe des Orts, wo 1992 auch Stefan Jahr verschwand. Zwei Wochen später findet ein Pilzsammler die Leiche des Jungen, nur mit einer Unterhose bedeckt. Sein Schlafanzug, den er am Abend vor seinem Verschwinden getragen hat, ist verschwunden.

Jetzt gründet die Polizei in Verden eine Sonderkommission, die "Soko Dennis". Die Ermittler veröffentlichen ein Phantombild, das auf den Aussagen eines Jungen, der im Jahr 1999 in dem Schullandheim Wulsbüttel von einem Mann missbraucht worden war, basiert.

Weitere Infos unter: www.polizei.niedersachsen.de/dennis.

5. Mordopfer, 7. April 2004: Jonathan Coulom (11)

Jonathan Coulom wird am 7. April 2004 in einem Schullandheim in St. Brevin les pins in Westfrankreich als vermisst gemeldet. Knapp sechs Wochen später wird der Junge etwa 30 Kilometer entfernt in einem Teich tot aufgefunden. Die Todesursache ist noch nicht geklärt. Feststeht aber, dass Jonathan nicht ertrunken ist. Der Junge verschwand in der Nacht - nur mit einem Schlafanzug bekleidet. Er war gefesselt.

1992: Mysteriöse Vorfälle im Schullandheim Hepstedt

  • 3. März: Eine Lehrerin überrascht nachts einen Unbekannten, doch der Mann flieht. Die Polizei durchsucht das Gebäude und die Umgebung - jedoch ohne Ergebnis.
  • 29. April: Kinder berichten am Morgen von einem Mann, der durch die Gänge geschlichen sei und mit einer Taschenlampe in die Zimmer leuchtete. Doch alle Türen und Fenster sind verschlossen. Die Lehrer vermuten hinter den Geschichten der Kinder Lagerfeuerfantasien vom Vorabend.
  • 25. August: Schüler erzählen, ein Mann sei in ihrem Zimmer gewesen. Er habe gesagt, er sei das "Nachtgespenst". Auch auf dem Flur wurde er gesehen. Die Kinder beschreiben ihn als groß, dunkel, mit Bart. Am 11. September sieht ein Junge nacht einen dunklen Mann im Haus. Beide Male sind Türen und Fenster verschlossen. Und wieder findet die Polizei keine Spuren und verfolgt die Fälle nicht weiter.
  • 24.September: Ein Junge läuft nachts zur Lehrerin und berichtet, ein maskierter Mann habe an seinem Bett gestanden. Als sie mit dem Schüler aufs Zimmer geht, findet sie keinerlei Anzeichen und vermutet, der Junge habe schlecht geträumt. Die Polizei wird in dieser Nach nicht verständigt.
  • 29. Oktober: Nachts betritt ein Mann mehrere Schlafsäle, spricht mehrere Jungen an. Vor einem befriedigt er sich selbst, bei einem anderen fasst er unter die Decke. Einen dritten Jungen zwingt er mit einem Messer, mitzukommen und missbraucht ihn schließlich im Aufenthaltsraum. Die Kinder beschreiben ihn als groß, dunkel gekleidet, mit einer schwarzweißen Maske. Die Kripo vermutet, dass der Täter sich mit Schullandheimen auskennt, eventuell sogar einen Schlüssel zum Gebäude besessen hat. Nach den Vorfällen dieser Nacht wird im Schullandheim Hepstedt ein Bewegungsmelder installiert und die Schließanlage erneuert. Danach gibt es dort keine weiteren Vorfälle.

Wo der "schwarze Mann" sonst gesehen wurde

  • Schullandheim Cluvenhagen, 1992. Nachts sieht eine Lehrerin im Notlicht des Flurs einen Mann, der einen schlaftrunkenen Jungen bei sich hat, der sich aber nicht wehrt. Als der Mann die Lehrerin bemerkt, kann er fliehen.
  • Bremen-Lehe, 30 November 1994: Um zwei Uhr nachts dringt ein Unbekannter in ein Einfamilienhaus ein, geht in das Zimmer des 14-jährigen Sohnes und zwingt ihn mit vorgehaltener Pistole, sich zu entkleiden. Der Täter vergeht sich an dem Jungen. Dieser beschreibt den Mann als groß, dunkel gekleidet, mit einer Motorradhaube maskiert. Außerdem habe er eine weiche, beruhigende Stimme.
  • Jungendherberge Bademühlen, 9. April 1995: Nachts berührt ein Mann einen Jungen unter seiner Decke.
  • Schullandheim Badestedt, 20. Juni 1998: Ein maskierter Mann betritt einen Schlafsaal, berührt mehrere Kinder. Als die beginnen, zu schreien, kann der Unbekannte fliehen.
  • Schullandheim Wulsbüttel, Juli 1999: Im selben Schullandheim, in dem zwei Jahre später der neunjährige Dennis K. verschwindet, wird ein Junge von einem Mann geweckt, weggebracht und missbraucht. Erst ein Jahr später vertraut das Opfer sich seinen Eltern an. Er sagt, der Mann habe eine schwarze Lederjacke, eine schwarze Lederhose und ein schwarze gestrickte Gesichtsmaske getragen.
  • Weitere Fälle finden Sie auf der Homepage der "Soko Dennis".

Wie sieht der Täter aus?

Zeugen haben den Mann stets als auffallend groß mit einer kräftigen Statur beschrieben. Er spricht hochdeutsch und hat eine brummige, tiefe und rauhe Stimme. Er soll zwischen 30 und 50 Jahre alt sein.

Die Ermittler gehen davon aus, dass er gut mit Kindern umgehen kann, weil einige der Jungen vielleicht sogar freiwillig mit ihm mitgingen. Die Tatsache, dass die meisten Taten in Schullandheimen oder Ferienlagern passierten, könnte auch ein Hinweis darauf sein, dass der Mann einen persönlichen Bezug zu diesem Umfeld hat.

Der Täter war immer dunkel, zum Teil in Leder gekleidet. Er trug fast durchgängig Handschuhe, manchmal mit einem Paar Latexhandschuhen unter anderen Handschuhen. Er war grundsätzlich maskiert, in Einzelfällen zusätzlich mit einem Mundschutz, wie ihn Maler oder Mediziner tragen. Oft wird eine Wollmütze mit Löchern als Gesichtsmaske beschrieben.

So ging der Täter bei seinen Morden vor

Seit dem Jahr 1992 sind immer wieder kleine Jungen aus Schullandheimen oder Zeltlagern verschwunden und wurden später missbraucht und ermordet aufgefunden. Der Tathergang scheint jedes Mal derselbe zu sein: Ein schwarz gekleideter, maskierter Mann verschafft sich Zugang zu den Räumlichkeiten, nimmt Kontakt zu den Jungen auf und gewinnt womöglich sogar ihr Vertrauen. Drei der Jungen verschwanden im Großraum Cuxhaven, ein Junge in den Niederlanden und einer in Westfrankreich.

Die Sonderkommissionen "Nicki" in den Niederlanden, "Dennis" in Deutschland und "Disparition 44" in Westfrankreich arbeiten eng zusammen, um diese Taten endlich aufzuklären.