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Vom Ex-Freund entstellt: Wie Vanessa Münstermann den Säure-Angriff verarbeitet

Vanessa Münstermann ist für ihr Leben gezeichnet. Ihr Ex-Freund hat ihr aus Rache für die Trennung Schwefelsäure ins Gesicht geschüttet. Doch nach dem ersten Schock und unzähligen Operationen zeigt sich die 29-Jährige wieder stark und kämpferisch.

Vanessa Münstermann (29) will sich trotz ihrer Entstellung durch den Säureangriff nicht verstecken.

Vanessa Münstermann (29) will sich trotz ihrer Entstellung durch den Säureangriff nicht verstecken.

Vanessa Münstermann war eine hübsche junge Frau, jetzt sind Gesicht und Körper von Narben gezeichnet. Trotzdem geht die 29-Jährige an die Öffentlichkeit, um anderen entstellten Menschen und Gewaltopfern Mut zu machen.

Im Februar 2016 hatte Vanessas Ex-Freund ihr aufgelauert und sie mit Säure überschüttet. Dabei wurde ihr halbes Gesicht verätzt, sie trug schwere Verletzungen davon. Nur mehrere Notoperationen im künstlichen Koma konnten ihr Leben noch retten. Dabei begann die Geschichte der beiden eigentlich romantisch: Vanessa Münstermann und Daniel F. hatten sich 2015 bei einem Dating-Portal kennengelernt und schon bei den ersten Treffen viele Gemeinsamkeiten gefunden. Die darauffolgenden Monate beschreibt Vanessa als sehr glücklich – bis der gebürtige Brasilianer anfing, sie zu tyrannisieren. Die Ausraster seien nicht nur verbal gewesen, sagt sie: "Es ging so weit, dass er mich an den Haaren hochgezogen hat, mich die Treppe hochgetreten hat." Die 26-Jährige beendete die Beziehung. Und Daniel F. fing an sie zu stalken, mit Anrufen und Nachrichten zu terrorisieren, auf Facebook unter ihrem Namen makabre Bilder zu posten, ihre Familie anzugehen. Vanessa Münstermann zeigte Daniel F. deswegen bei der Polizei an.

Einen Tag später, am 15. Februar 2016, passte ihr Ex-Freund sie ab, als Vanessa morgens früh mit ihrer Hündin spazieren ging. Daniel F. lauerte ihr in einem Gebüsch auf. "Er war schwarz gekleidet, hatte die Hände in der Tasche, und rief: 'Vanessa, Vanessa!'. Und ich meinte: 'Lass mich in Ruhe.' Und dann habe ich mich umgedreht und hörte ihn noch was sagen – und dann kam schon die Säure. Dann ist es geschehen." Daniel F. kippte Vanessa Münstermann Schwefelsäure ins Gesicht. "Dann bin ich in die Hocke gegangen und habe geschrien", erinnert sie sich. Hinzueilende Nachbarn riefen den Notruf. Durch den Adenalinstoß habe sie in dem Moment keine Schmerzen empfunden, es habe sich warm angefühlt. "Die Säure fließt auch nicht runter, sondern sie zieht ein wie eine Creme. Ich hatte sie auch im Mund, meine Zunge ist verbrannt."

Vanessa Münstermann vor dem Säureangriff - und jetzt, zwei Jahre später.

Vanessa Münstermann vor dem Säureangriff - und jetzt, zwei Jahre später.

Im Krankenhaus musste Vanessa Münstermann ins künstliche Koma versetzt werden, um sie mehrmals nacheinander operieren zu können. Die 26-Jährige lag 12 Tage im Koma. "Und dann bin ich aufgewacht, ohne Haare, ohne Gesicht." Sie verlor ihr linkes Auge und ein Ohr. Ihr Gesicht war transplantiert. "Ich bin verätzt bis auf die Knochen, bis auf das Muskelgewebe." Für den ersten Blick in einen habe sie sich alleine zurückgezogen, weil sie selbst nicht wusste, wie sie reagiert. "Ich habe mich gesehen und einfach nur 'Oh, Scheiße!' gedacht." Vor genau diesem Augenblick und Vanessas Reaktion darauf hatte ihr Vater die größte Angst, sagt er. "Meine Tochter sagte: 'Papa, ich hab mich im Spiegel gesehen. Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?' Und genau vor dieser Frage hatten wir panische Angst, wir wussten nicht, was wir sagen sollten. Und da sagte sie: 'Du hast mich erzogen, nicht aufzugeben'."

"Er hat mein Aussehen verändert und daran wird sich nichts ändern. Das wird mein Leben lang so sein"

Bis heute hat die 29-Jährige mehr als 30 Operationen über sich ergehen lassen. Doch Vanessa Münstermann will sich nicht verstecken – im Gegenteil: Das Säure-Opfer gründete ein Jahr nach dem Säureangriff durch Daniel F. den Verein "AusGezeichnet" für Menschen, denen ähnliche Schicksale widerfahren sind.

Der Prozess gegen ihren Ex-Freund begann im September 2016. "Er hat im Gericht Sachen geäußert wie: Wie ich wollte ihr noch Arme und Beine abschneiden. Schade, dass sie nicht ganz gestorben ist", erzählt Vanessa Münstermann. "Und: Ich hätte einen hässlichen Charakter und das wollte er nach außen zeigen." Daniel F. wurde – auch wegen mangelnder Reue – zu 12 Jahren Haft für schwere Körperverletzung verurteilt. Vanessa ist für den Rest ihres Lebens gezeichnet.

"Jeden Morgen wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ihn. Er ist jeden Morgen präsent. Er hat mir das angetan, er hat mein Aussehen verändert und daran wird sich nichts ändern. Das wird mein Leben lang so sein", sagt die 29-Jährige.

Trotzdem will sie sich nicht verstecken, will ihr Leben trotzdem leben. "Ich hatte nur zwei Möglichkeiten: mich verstecken oder zeigen." Diesen Lebensmut gibt sie mit ihrem Verein nun auch anderen versehrten Menschen weiter. Und auch privat hat die Hannoveranerin ihr Glück wiedergefunden: Vanessa ist mit ihrer einstigen Jugendliebe liiert, das Paar aus Schulzeiten hat sich wieder verliebt. Die beiden erwarten in Kürze eine Tochter. "Es ist ein neues Kapitel. Das Leben, das in mir ist", sagt Vanessa Münstermann. Wenn sie sich beschreiben müsste, wie sie früher war, würde sie sagen: Sie war eine hübsche Frau. "Ich war aber ein sehr unglücklicher Mensch. Jetzt bin ich ein sehr fröhlicher, aufgeschlossener Mensch. Ja, das bin ich jetzt."